Bieder geht die Welt zugrunde


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Wenn Ängste entflammt werden

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Männerwelt, wenn sie zu öffentlichen Anlässen ausrückt oder geschäftliche Dinge zu erledigen hat, in dunklen, braunen, schwarzen Anzügen die Gegend bevölkert? In der westlichen Kultur erscheint schwarz die Symbolkraft für Seriosität auszustrahlen, genauso wie für den Tod. In Venedig gab es im 16. Jahrhundert einen Gesetzeserlaß, dem zufolge alle Gondeln schwarz anzumalen waren, als Zeichen die Zeit des bunten Treibens ist vorbei. Dieser Erlaß vom Dogen Privli setzte der bis dahin gebräuchlichen zur Schaustellung des Reichtums, Gondeln waren mit Blattgold, Brokat, Seide geschmückt und mit bunten Farben angemalt, ein Ende.

Ungefähr ab dem 17. Jahrhundert wurde von den Puritanern die Farbe schwarz als optische Erkennung übernommen, aber auch als Beweis der Seriosität. Allerdings war die Herstellung von schwarzer Farbe, reines schwarz, für das Färben der Stoffe noch nicht gänzlich möglich. Es entstand ein „Kampf“ zwischen Spaniern und dem Britischen Reich um das als Grundstoff benötigte „Blauholz“, „Kampescheholz“, weil die übliche Methode die Stoffe mit den unterschiedlichen Farben solange zu färben, bis ein einigermaßen passables Schwarz entstand, nicht nur aufwendig, auch teuer war. Die Geschichte über die Gewinnung von schwarz ist eng verbunden mit den Auseinandersetzungen zwischen Spanien und dem englischen Königreich über die Besitztümer in der „neuen Welt“.

Eine Möglichkeit für Piraten schnell reich zu werden, war in dieser Zeitepoche Blauholz nach Europa zu bringen. Im heutigen Belize, British Honduras, das die Briten 1798 in der Schlacht von St. Georg´s Cay gewannen, leben viele Nachkommen der Sklaven, die das wertvolle Holz in den Mangrovensümpfen rodeten. Und dies alles nur, um mittels der Farbe schwarz sich den Anstrich von Seriosität zu geben.

Zum besseren Verständnis werden in unserer Geschichtsschreibung gerne Epochen, Zeiträume in Begriffen quasi katalogisiert, der kurze Zeitraum zwischen 1815 und 1848 wird die Biedermeierzeit genannt. Als „Namensgeber“ wird die von dem Schriftsteller Ludwig Eichrodt und dem Arzt Adolf Kußmaul erfundene Figur des „Gottlieb Biedermaier“ genannt. Er symbolisierte eine spießbürgerliche, mit Doppelmoral agierende Person. Die Biedermeier-Zeit versinnbildlicht eine kleingeistige, kleinbürgerliche, spießige, biedere Kultur mit starker Präsenz zur Häuslichkeit.

Bieder, mittelhochdeutsch, biderbe, bedeutet aufrichtig, verläßlich, altbacken, einfältig, treuherzig, hausbacken, langweilig, fromm und ist wortverwandt mit biderb, althochdeutsch bitherbe, brauchbar, nützlich, ursprünglich wohl, dem Bedürfnis entsprechend. (In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, daß Bida, arabisch Neuerung, der Begriff ist für die Gesamtheit aller Bräuche und Glaubensvorstellungen, die nicht von der Sunna sanktioniert, legimitiert sind.)

Vielleicht waren Sie selbst schon mal in der Situation, sich jemanden angebiedert zu haben, sicherlich aber kennen Sie Menschen, die dieses Verhaltensmuster entweder generell oder nur ab und zu benützen, um sich Vorteile zu erschaffen. Anbiedern, verwandt mit bieder, biderbe, in der Aussage gleichbedeutend mit, sich aufdrängen, schöntun, lieb Kind machen, scharwenzeln, sich einschmeicheln und beschreibt eine Person, die auf plumpe Art jemanden für seine Zwecke, Anliegen gewinnen möchte.

Der Schriftsteller Max Frisch veröffentlichte 1958 das Drama „Biedermann und die Brandstifter“, in dem er die bereits als Hörspiel (veröffentlicht 1953) und den Prosatext „Burleske“ als wesentliche Elemente übernimmt. Inhaltlich geht es um den Aufenthalt zweier Personen (Brandstifter) im Hause von Gottlieb Biedermann. Obwohl es offensichtlich Brandstifter sind, verbrüdert er sich mit ihnen, auch wenn sie ihm seine Absichten erklärt haben, hält er dies für einen Scherz, selbst dann noch als sein Haus brennt. Biedermann selbst wird beschrieben als Mensch mit begrenzt intellektuellem Verstand, spießig, als rücksichtsloser Geschäftsmann, der unter der Maske der Anständigkeit seine Aggressionen, Brutalität verbirgt, erliegt Anbiederungen, Schmeicheleien, aus Unfähigkeit unterläßt er eine Auseinandersetzung mit den Brandstiftern und umgibt sich lieber mit Phrasen.

Wer in ein paar Jahren sich die Mühe machen wird, unsere jetzige Zeit in die lange Liste der Epochen einzufügen, wird, wenn er nicht einer Anbiederung erliegt, um „der Welt zuliebe“ die offensichtlich tätigen Brandstifter und Biedermänner, die seit längerem nicht zu übersehen sind und Hand in Hand agieren, zu vertuschen, nicht umhin kommen, genau diesen Begriff zu übernehmen.

Wenn Menschen hinter der Maske eines Biedermannes, züchtig gekleidet in dunklen Tönen, zur Unterstreichung einer vermeintlichen Seriosität, proklamieren, sich gegen das Establishment (Gesellschaftsschicht, von der die Macht ausgeht, Verantwortliche in politischer wirtschaftlicher Positionen) zu stellen, selbst aber ein Teil des Establishments sind, oder im Namen des Establishments agieren, oder ihr gerne angehören möchten, dann handeln sie unter Vortäuschung falscher Tatsachen.

Als Anbiederung dienen Frömmigkeit, veraltete Moral- und Sittenvorstellung, Romantisierung von Familie und Ehe, Treue zu Traditionen und Heimat als Heilbringung für sämtliche Problemstrukturen in sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen.

Ob nun die öffentlich auftretenden Biedermänner oder die Menschen, die sich hinter einer Fassade von Biederkeit verstecken, die einen, um ihre Machtposition zu verstärken, die anderen, um eine kleingeistige scheinheilige Welt zu bewahren, als Brandstifter zu bezeichnen sind oder diejenigen, die tatsächliche Brände legen, um Angst zu verbreiten als Druckmittel, sei dahingestellt, auffällig jedoch ist das Erstarken und Bewundern von „Führerpersönlichkeiten“, die Bereitschaft von Menschen, sich hinter Phrasen zu verstecken, einhergehend mit Verbreitung von Ängsten, dies zu übersehen in der jetzigen Zeit, zeugt von Engstirnigkeit und Anbiederung zum eigenen Vorteil.

„Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.“
(Anfangszeilen des Gedichtes Herr Biedermeier von Ludwig Pfau)

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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2 Antworten zu Bieder geht die Welt zugrunde

  1. gkazakou schreibt:

    interessant. Die Geschichte der schwarzen Farbe kannte ich nicht.

    Gefällt 2 Personen

  2. quittenbluete schreibt:

    Hallo Gerda, der Hintergrund für die Herstellung von der Farbe schwarz ist aus dem Buch: „Das Geheimnis der Farben“ von Victoria Finlay. Sie beschreibt auf sehr lockere Art und Weise die Fundorte der Farben weltweit und deren Gewinnung sowie Fertigung bis zur Verwendung. Vieles war mir in Bezug auf die Grundstoffe der Farben ebenso nicht bekannt, auch nicht welche teilweise harten Auseinandersetzungen einige Staaten um den Handel mit diesen Grundstoffen betrieben. Liebe Grüße Doris

    Gefällt 1 Person

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