Lippenbekenntnisse lediglich eine altbekannte Masche


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Wer wird denn gleich eine dicke Lippe riskieren

Wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man sich bemüht, dem Nachwuchs plausibel ein Thema zu erklären, das womöglich schon mehrmals angesprochen wurde, aber entweder der Inhalt nicht befolgt oder vermeintlich vom Angesprochenen nicht verstanden wurde. Das als Augenverdrehen bekannte „nicht schon wieder“, „interessiert mich nicht“, „rede nur weiter, höre eh nicht zu“ wird gerne untermalt, oftmals mit dem Abwenden des Kopfes, indem man seine Lippen entweder das Gehörte wiederholen läßt oder einfach nur die Mimik vom lautlosen Sprechen nachäfft.

Schätzungsweise wird damit angezeigt, es sei nicht das letzte Mal gewesen, daß dieses Thema angesprochen. Dieses Verhalten kann ohne weiteres als Lippenbekenntnis eingestuft werden, das so viel bedeutet, ich habe es verstanden, bekenne mich dazu, aber unterlasse das Handeln, das dies unterstreicht.

Lippenbekenntnisse erleben wir in den verschiedensten Formen, sie sind überall anzutreffen, in jeder Gesellschaftsschicht und in allen Bereichen des Lebens. Nicht immer kann man direkt von Scheinheiligkeit, Verstellung, Falschheit, Heuchelei oder auch von Doppelzüngigkeit sprechen, das Lippenbekenntnis ist vielleicht eher die Vorstufe zu all den genannten Ausdrücken, denn nicht jedes Lippenbekenntnis bedeutet gleich der Versuch oder die Masche, andere Menschen zu betrügen.

Die Lippe, mitteldeutsch lippe, ursprünglich schlaff Herabhängendes. Schlaff, althochdeutsch slaf, kraftlos, geschafft, kaputt, energielos, langweilig, mitgenommen, gerädert, groggy, lasch, phlegmatisch, müde. Apropos müde, wie könnte es anders sein? Schlafen ist natürlich wortverwandt mit schlaff. Schlafen, mittelhochdeutsch slāfen, schlaff herunterhängend, schlaff, matt.

Vielleicht fragen Sie sich, wieso die Lippe als schlaff herabhängend benannt wurde, so genau läßt sich dies nicht beantworten, aber es spricht einiges dafür, daß unsere Vorfahren wußten, die Lippe ist nicht für das Gesprochene verantwortlich, sondern die Zunge. Die Lippe selbst kann keine Worte bilden, Laute allerdings schon, erinnern Sie sich vielleicht an die musikalischen Versuche, mit einem Kamm zwischen den Lippen das Pfeifen und nicht zu vergessen, anhand der Lippenbewegungen können die Worte erlesen werden, ohne sie gehört zu haben. Ansonsten ist bei einigen Menschen, manchmal aufgrund der Form der Lippe, durch eine entspannte Mimik, durch einen sogenannten Flunsch ziehen, die Lippe ein herabhängendes Ding, oder? Anders ausgedrückt, die Lippe hat nichts zu sagen, sie ist zur Unterstützung der Lautbildung allerdings notwendig.

Überdies zeigen uns die Lippen die jeweilige Stimmung eines Menschen an, nur anhand der Mimik von Lippen, ob hochgezogener Mundwinkel oder herabgezogene, signalisieren Empfindungen, am deutlichsten ist dies zu erkennen durch die inzwischen überall angewendeten Emoticons. Ohne lange zu überlegen, registrieren wir die unterschiedlichen Darstellungen als Symbol für den jeweiligen Ausdruck der Stimmung.

Lippenbekenntnisse gelten nicht zu Unrecht als unaufrichtig, als Täuschung, als Lügen und Falschheit, denn wir verlassen uns anhand ihrer Form auf die Echtheit der Gefühle, der Meinung. Wird dieses „sich verlassen“, also dem andern Vertrauen schenken, sich ihm anzuschließen, ihn beim Wort zu nehmen, mißbraucht, ist dies eine Heuchelei und zeugt von Unaufrichtigkeit.

Um diesen Vertrauensbruch wieder ungeschehen zu machen, reicht es nicht aus, eine dicke Lippe zu riskieren, damit erreicht man das Gegenteil. Es wird höchst wahrscheinlich lange dauern, bis man wieder an den Lippen dieses Menschen hängt, selbst wenn dieser etwas auf den Lippen haben sollte, das von Wichtigkeit ist. Die schlaff herunterhängenden Lippen können zwar müde, groggy, ausgelaugt, verschlafen wirken, dennoch obliegt ihnen ein großer Anteil an der Redlichkeit, und in diesem Sinne sind sie hellwach, das sollte nicht verkannt, unterschätzt werden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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