Wer Frieden kriegen will, muß zuerst den Krieg einfrieden


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Chancen aus begrenzter Freiheit?

Eigentlich ist es vollkommen egal, durch welchen Ort man fährt, geht, schlendert, egal wo dieser Ort auf unserer Mutter Erde liegen mag, überall findet sich eine Einfriedung. Ein Gatter, eine Hecke, ein Zaun, eine Mauer, die als Begrenzung für ein Stückchen dieser Erde darstellt, eine Einfriedung, die als Besitz, als „My home is my castle“ anzeigen soll, hier lebe ich, geschützt vor der Erdenwelt um mich herum.

Warum in der deutschen Sprache eine als an und für sich sichtbare Abgrenzung, gleichzeitig als Einfriedung benannt wird, kann man nicht mehr mit absoluter Sicherheit sagen, aber man kann versuchen, sich die Gedankengänge unserer Altvorderen zu erschließen. Sicherlich spielt eine große Rolle der Schutz vor Angriffen durch Wildtiere, deshalb auch die Nachweise über Höhlenwohnstätten, wobei hier der Einstieg sowohl als auch der Aufstieg zum geschützten Bereich als Einfriedung zu ersehen ist.

Der Platz des Friedens, geteilt mit Mitgliedern eines Familienverbundes. Vergleichen wir das Bedürfnis nach Frieden und Schutz, ist dies nicht nur beim Menschen, sondern ebenso in der Tier- und Pflanzenwelt zu beobachten. Dabei ist die Art und Weise des Schutzes des Frieden willens sehr unterschiedlich. Abstecken mittels Urin ist vergleichbar mit einer Einfriedung.

Jeder dieser Tierspezies weiß damit, dieser Ort wird bereits als Revier angesehen und sein Aufenthalt ist geduldet, wenn nicht in Gefahr. Dies findet Beachtung, außer in Zeiten der Paarung oder anderen erdenklichen Möglichkeiten, nicht nur die Rivalität, sondern auch Katastrophen, Feuer, Erdbeben veranlassen; die abgesteckten Gebietsansprüche zu durchbrechen. Und nicht zu vergessen, selbst das Paradies ist ein umzäunter Garten Eden. Paradeisos, griechisch, Tierpark, Park. Pairi-daēza, avestisch (alt-iranisch), umgrenzter Bereich.

Einfriedung ist eine Ableitung von Frieden, althochdeutsch fridu, Schonung, aber auch Freundschaft, aus der ursprünglichen Bedeutung frei, althochdeutsch frī, durch die germanische Rechtsordnung zugehörig zu den Lieben, der Sippe, in der Begrifflichkeit von lieb, erwünscht. Die Schlußfolgerung dieser Wortbegriffe von lieb, erwünscht, frei, Schonung und Freundschaft kann als Wertebegriff innerhalb einer Gesellschaftsform verstanden werden.

Nun sind Gesellschaften ob durch familiäre Verbundenheit oder wie es so schön heißt durch Zweckgemeinschaften keinesfalls, auch wenn sie in einer Einfriedung leben vor Konfrontationen, Konflikten geschützt. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, aber größtenteils hängt es mit etwas „kriegen“ zusammen, Recht kriegen, den letzten Rest des Bratens kriegen, mehr Liebe kriegen, Schläge kriegen, Lob kriegen, und vieles mehr. Genügend Anlässe sich übervorteilt, bevorzugt, allein gelassen, sich nicht in Ruhe gelassen zu fühlen und dies in der Gemeinschaft einzufordern.

Kriegen, mittelhochdeutsch krīgen, strebend erlangen, erringen. Der Krieg, mittelhochdeutsch kriec, Anstrengung, Streben, aber auch Kampf, sowohl als Wett-, Rechts,- Wortstreit. Auch hier läßt sich der Zusammenhang zwischen diesen Begriffen sehr gut nachvollziehen, oder?

Nun sitzen also die Sippenmitglieder in ihrer Einfriedung, und es herrscht dicke Luft. Lösungsmöglichkeiten, um wieder Frieden zu kriegen, sind wie eh und je Wortgefechte, Rechtsstreitigkeiten, Wettkämpfe oder einfach die Fenster und Türen zu öffnen, um die stickige Luft nach außen entweichen zu lassen.

Im übertragenen Sinn, bezogen auf den Mensch, der Krieg, das Erlangen, das wir anstreben, entweicht nur, wenn aus der Ich-Einfriedung der Drang zum Erwünschten freigelassen wird. Oder anders ausgedrückt, je mehr man sich verbarrikadiert, sperrt, einfriedet, umzäunt, desto mehr nimmt man sich die Freiheit, und anstatt frei, geliebt, geschont, erwünscht zu agieren, erringt man nur noch mehr höhere Zäune.

Natürlich setzt dies eine gegenseitige Bereitschaft voraus, die Bereitschaft, die jeweilige Einfriedung zu verlassen, um im ungeschützten Bereich, also im Bereich der Einfriedung des anderen einen neuen Blick, eine neue Perspektive zu erhalten. Bis der Mensch verstanden hat, daß jedes Erringen seiner Position nur mit der Freiheit des Gegenübers auf Dauer Bestand haben kann, werden wohl noch unzählige Einfriedungen gebaut werden, die die eigenen Freiheiten begrenzen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Eine Antwort zu Wer Frieden kriegen will, muß zuerst den Krieg einfrieden

  1. gkazakou schreibt:

    Wieder mal interessant, wie Sprache funktioniert! Übrigens fiel mir mein „fri – frei“ der berühmt-berüchtigte Satz von Heraklit ein, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Der Satz geht dann nämlich weiter: er macht Freie und Sklaven … Der Sieger nahm sich, was er brauchen konnte, und das waren vor allem die Menschen, die er versklavte und nutzte oder verkaufte. Insofern hängen Frieden und frei inhaltlich eng zusammen.

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