Protestsongs sollten die Welt verändern


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flickr.com/ japp 1967/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Wenn Musik die Herzen der Menschen erreicht

Erinnern wir uns, als Minnesänger und Barden noch durch die Lande zogen, bei Hof und vorm Volk ihre schönen Lieder vortrugen. Kaum ein kritischer Ton gen Herrschaften war zu hören, die Obrigkeit selbst und das gemeine Volk wußten ob ihrer Grenzen, die niemand anzuzweifeln wagte. Protestsongs waren noch nicht erfunden.

Wo entstanden die Ursprünge der Protestsongs, die immerhin die gesamte Musikwelt nachhaltig verändern sollten, Bevölkerungsschichten Botschaften vermittelten, ihnen Halt gaben?

Soziale Mißstände riefen musikalisch politische Widerstände hervor

Die Kommunisten selbst waren es doch nach der Russischen Revolution, die in der Marschmusik Lieder für ihre politischen Botschaften instrumentalisierten, was allenthalben auf eine Form des Protests hinauslief, denken wir an den Rotgardistenmarsch, die imperiale Haltung der Fabrikbesitzer sollte von der sich auflehnenden Arbeiterschaft radikal beendet werden.

Bei einem Künstlerempfang traf der österreichische Komponist Hanns Eisler schließlich Bertolt Brecht, der sein eigenes Gedicht „Legende vom toten Soldaten“ vertont am Klavier spielend und singend vortrug. War dieses Erlebnis mitentscheidend, mit seinem Lehrer Arnold Schönberg dahingehend zu brechen, daß Musik laut Eisler eine soziale Funktion haben solle, hingegen Schönberg vehement die L’art pour l’art verteidigte? Kleinbürgertum traf revolutionäre Ansichten. Festgefahren schien zunächst der politische Protest sich um kommunistisch-sozialistisches Liedgut im deutschsprachigen Raum zu entwickeln, auch weil die rechten Kräfte immer deutlicher an Stimmen Ende der 1920iger gewannen.

Während der 1930iger Jahre formierte sich in den USA eine musikalische Bewegung, die kein geringerer als der Folksänger Woody Guthrie ins Leben rief. Die jahrelange Dürreperiode als Folge der Rodung der großen Präriegrasweiten brachte die Dustbowls hervor, die wiederum Woody beflügelte, darüber Balladen zu schreiben, sozialkritische Texte flossen somit ein. Mit Woody Guthrie darf man ruhig den Beginn der Zeit der Protestsongs bezeichnen, Bob Dylan selbst besuchte ihn an seinem Krankenbett und widmete ihm seinen Song „Song to Woody“.

Protestsongs etablierten sich schnell

Die weitere Entwicklung war nach den ersten sozialkritischen Protestsongs eines Woody Guthrie nicht mehr aufzuhalten, auch wenn staatlicherseits immer wieder versucht wurde, dem Einhalt zu gebieten. Denken wir nur an die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung, die bereits Ende 1964 ihren Beginn hatte. So ließen es sich auch viele Musiker nicht nehmen, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.

Von den Beatles, über Bands wie The Doors, Pink Floyd bis hin zu den vielen Protestsonggrößen wie Joan Baez, Bob Dylan, Franz-Josef Degenhardt, Jennis Joplin, Reinhard Mey oder auch den Punk-, Rock-, Reggae- und Rapbands, sie alle haben eines gemeinsam: die bestehenden politischen Verhältnisse mit ihrer Musik anzuprangern, sich Luft zu machen in den Texten selbst. Diese transportieren eindeutige Botschaften insbesondere an die junge Generation.

Daß dabei natürlich auch extreme Gruppierungen sowohl bei den Linken als auch den Rechten fleißig mitmischen, um auf diese Weise ihre politischen Ziele unters Volk zu bringen, liegt auf der Hand. Mit der Musik werden wir Menschen wesentlich effektiver und daher auch schneller „erreicht“, als das jedes Buch, jede Rede auch nur ansatzweise vermag. Wir sollten die Welt der Töne und der Stimmen mit den dazugehörigen Texten nicht unterschätzen.

Wenn die Politik versagt, handelt die Musik

Mit dem Versagen der Politik, die Bürger nicht umfassend zu informieren und vor allem aber sie zu instrumentalisieren, regte sich Widerstand im Volk, entdeckte dabei die Musik ihre hervorragende Möglichkeit, den Protest massenreich zu formieren. Musicals wie „Hair“ oder das Bandprojekt „Band Aid“ waren eindeutige Signale an die herrschende Politik, ihren Kurs doch zu überdenken.

Midge Ure und Bob Geldorf gründeten 1984 mit vielen internationalen Popstars das Band Aid Projekt, um Geld für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien zu sammeln. Eine verfehlte Entwicklungshilfepolitik brachte diese Idee hervor, wobei bis heute die Not selbst keineswegs sich gebessert hat. Doch erreicht Musik stets ihre politischen Botschaften? Oftmals nicht, denken wir nur an Pink Floyds „The Wall“. Anstatt sich mal das Bildungssystem an die eigene Nase faßt, hat sich bis heute dort politisch zu wenig geändert, zumal die Kritik sehr eindeutig formuliert.

Obwohl Mißstände uns Menschen das Leben unerträglich schwer machen, liefert Musik ihre Antworten als Zeichen des Protests, des Widerstandes. Wenn sie verstummt und Sprache nicht mehr stattfindet, wird es noch gefährlicher, denn ein dauerhaftes Schweigen sollten wir als eine totale Kapitulation zwischenmenschlichen Seins interpretieren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Musik

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