Leben im Nebel


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Erwachsen werden mit weniger Furcht

Jede Sprache hat ihre Eigenheiten, ihre Entwicklungsfähigkeiten, ihre Fettnäpfchen, selbst für der Sprache Kundige. Mal ist es eine unkorrekte Aussprache, mal ein Begriff, der für mehrere Ausdruckweisen steht, die dafür sorgen, Mißverständnisse hervorzurufen. Mit Sprache kann aber auch gespielt werden, diese Spielvariationen sind vielfältig, man findet sie fast überall, sogar in der Werbung. Palindrome sind Wörter, die vorwärts und rückwärts gelesen einen sprachlichen Sinn ergeben wie zum Beispiel „Leben und Nebel“.

Palindrom aus dem griechischen palíndromos, für rückwärts laufend, ist der Ausdruck für Zeichenabfolgen, die von vorne und hinten einen Sinn ergeben. Diese Form ist nicht nur auf sprachliche Eigenarten beschränkt, es gibt Zahlenpalindrome (3443), Musikpalindrome, (Tonabfolge vor und rückwärts), Datumspalindrome (11.02.2011), Zeitpalindrome (12:21).

Anagramm aus dem griechischen anagráphein, umschreiben, soll durch den Dichter Lykophron aus Chalkis (lebte zirka von 320 bis 280 v.Chr.) erstmals angewandt worden sein. Anagramme dienen nicht nur Rätselfreunden, sondern sie werden auch für Verschlüsselungen von Geheimtexten eingesetzt. Dabei handelt es sich um die Möglichkeit, aus den Buchstaben eines beliebigen Wortes ein neues sinnvolles Wort zu gestalten, es ist ebenso als Schüttelwort bekannt.

Beide Arten der Wortspielereien gibt es in jeder Sprache, so daß der nachfolgende Text nicht unbedingt auf alle anderen Sprachen angewandt werden kann, aber inhaltlich dennoch eine Aussage bietet, die entweder die Leser schmunzeln, zum Nachdenken bewegen, oder die Möglichkeit gibt es auch, sich über so einen Schwachsinn ärgern können, je nach Belieben.

Die Wörter Leben und Nebel sind Palindrome, jedes steht für eine andere Aussage. Das Leben, die Existenz, das Sein. Der Nebel, Dampf, Dunst, Qualm.

Gibt es ein Geheimnis hinter dieser vermeintlich zufälligen Lesart? Steckt eine Verschlüsselung ähnlich von Kryptogrammen bei den Anagrammen dahinter?

Jedes neue Leben ist einer Unzahl von unbekannten Einflüßen ausgesetzt, nicht nur das menschliche Leben. Im Gegensatz zu den Tieren und Pflanzen hat der Mensch sich aber die Möglichkeit verschafft, diese unbekannten Einwirkungen im Vorfeld zu erkennen und wenn nötig Maßnahmen zu treffen, diese unbekannten Dinge als günstig für sich ereignen zu lassen. Dies geschieht bis heute in Form von Horoskopen, von dem Erlesen des Schicksals aus Karten, Kaffeesatz, selbst die Wetterlage der nächsten Tage werden gerne im Voraus anhand der Deutungen des Himmels und der Winde hinterfragt.

Damit möchte man den Dunstkreis lichten, in dem der Mensch ab Geburt tritt. Natürlich haben unsere Vorfahren nicht leichtfertig daran getan, einen Blick in die Zukunft oder eben einen Schritt weiter nach vorne zu blicken, denn Gefahren lauerten überall. Und sicherlich war es zuweilen überlebenswichtig, auf Vorsichtsmaßnahmen zu reagieren, um nicht in eine Schlucht zu stürzen, von einer „Bestie“ gefressen zu werden. Somit waren Voraussagen oftmals das helle Licht, die Erkenntnis in der düsteren, nebligen Zukunft, Wegstrecke, im Leben.

Über viele Jahrhunderte oder Jahrtausende bemühten sich die Menschen, aus dem Dunstkreis der Unwissenheit zu entkommen. Und tatsächlich kann man behaupten, es ist ihnen in vielerlei Hinsicht gelungen. Die Zusammenhänge von Blitz und Donner, Sturmgewalten, Strömungsverhalten der Weltmeere, Vulkane, Erdbeben, Himmelskörper und deren Beschaffenheit, das Zusammenspiel von Flora und Fauna, die Bestimmungen der einzelnen Lebensmittel, die Überwindungen von Wegstrecken mittels technischer Erfindungen, all dies hat dazu beigetragen, ein besseres Verständnis und Erkenntnisse ins Licht des Wissens zu rücken.

Somit sind viele Unwägbarkeiten, mit denen sich die Vorfahren noch beschäftigten, für uns aus dem Weg geräumt, und wir haben eine klare Sicht auf Zusammenhänge, die ihnen noch fremd waren und nebulös. Technisch, wissenschaftlich haben wir also so gut wie freie Sicht, wenn wir das Leben betreten. Aber wie sieht es im sozialen Bereich aus? Auch hier hat es doch über die Zeiten genügend Erkenntnisse gegeben, die ein zwischenmenschliches Miteinander im friedlichen Einklang beschreiben.

Dennoch möchte man meinen, gerade auf diesem Gebiet hat der Mensch es bis heute nicht bewerkstelligen können, ohne Ängste zu leben. Es scheint zuweilen fast so, daß die Gefahren von kriegstechnischen Möglichkeiten weniger bedrohlich wirken als der Fremde von nebenan. Die Menschen zucken nicht mehr zusammen, wenn Blitz und Donner übers Land ziehen, aber sobald jemand dem Anschein nach nicht voll auf Linie mit seinen Vorstellungen ist, scheint dieser Mensch ein potentielles Buch mit sieben Siegeln und deshalb gefährlich zu sein.

Der Mensch hat Angst vor dem Mensch, dem unbekannten Wesen. Der Mensch scheint sich selbst als „Spezies“, als „Naturwunder“ am meisten zu fürchten. Da fragt man sich doch unweigerlich, warum? Warum wurden all die Jahre vergeudet mit den wissenschaftlichen Erklärungen, der umgebenden Aufenthaltsorte und der Bewandtnis erdumfassender Phänomene und den technischen Erleichterungen für mehr Bequemlichkeit, aber nicht nach Klärungen und Lösungen für zwischenmenschliche Unwegsamkeiten?

Es gab und gibt diese Erkenntnisse, dieses Wissen und Lösungen, damit der Mensch das Leben des anderen nicht nur im Dunst von „nicht riechen können“ leben kann. Dafür ist Offenheit für anderes die erste Prämisse, dafür ist eine auf Verständnis ausgelegte Sprachkommunikation nötig und schließlich aber auch die Erkenntnis, was nützt alles Wissen über Gefahren und deren Abwehr, wenn der Nächste als Mitmensch nicht erkannt wird. Treten wir also heraus aus dem Nebel des Fremdelns, werden wir erwachsen, dann gestaltet sich das Leben ohne weniger Furcht.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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