Verbannung von Hass, Gier und Neid – ein Interview mit Philip Schlaffer


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Präventionsarbeit durchaus sinnvoll und hilfreich

profilbildDem noch jungen Jahr 2017 blicken weitreichende politische Entscheidungen entgegen. Nach über siebzig Jahren findet besonders europaweit ein unübersehbarer Rechtsruck statt. Gleichzeitig hat The Donald in den USA aufgezeigt, wie simpel einfache Phrasen im Volk funktionieren, die eine Marine Le Pen ganz selbstverständlich für sich ausnutzen mag, den Sitz der ersten französischen Präsidentin einzunehmen.

Ausgerechnet hierzulande manifestiert sich pünktlich zur 19. Bundestagswahl die Neue Rechte. Was einer NPD in all den Jahrzehnten nicht gelang, schafft nahezu im Eilverfahren die noch junge AfD mit freundlicher Unterstützung der Pegida-Bewegung sowie Flüchtlingsströmen, welche dem Fremdenhaß Tür und Tor öffnen.

Mittendrin und vor gar nicht so langer Zeit noch aktiv dabei: Philip Schlaffer, der sich kurzerhand gern bereit erklärt, hier im Interview mit Querdenkende einen Einblick uns zu gewähren über seinen Wandel, seine Erfahrung mit der Präventionsarbeit.

Lotar Martin Kamm: Fallen wir doch direkt mal mit der Tür ins Haus. Zunächst freuen wir uns, daß Sie sich zu diesem Interview bereit erklären. Wer Ihre Videos auf Ihrem YouTube-Kanal anschaut und Ihren Ausführungen zuhört, erhält schnell die Botschaft von Ihrem Rückzug aus gewissen Szenen. Dies soll jetzt hier nicht Gegenstand der Diskussion werden. Daher nur die Anfrage, ob Sie kurz dazu etwas äußern möchten. Falls nicht, gleich im Anschluß die zweite: Gab es ein spezielles Schlüsselerlebnis, andere Wege aufzusuchen?

Philip Schlaffer: Ich war in den unterschiedlichsten Subkulturen unterwegs, besonders intensiv in der rechtsextremen Szene und im Rockermilieu. Ich habe viele negative Erlebnisse innerhalb dieser Subkulturen erlebt, besonders viel Gewalt und Betrug untereinander. Selbstverständlich hatte ich auch tolle Momente und zeitweise ein Gefühl von Familienersatz in diesen Milieus, ohne einige positive Erlebnisse hätte ich kaum einen so langen Weg gehen können. Ein einziges Schlüsselerlebnis gab es nicht, so wie ich als Jugendlicher langsam in den Rechtsextremismus reingekommen bin, so langsam war auch die Entwicklung hinaus.

Meine Hauptbotschaft ist trotzdem folgende: Es lohnt sich zu verändern, zu einem positiven und toleranten Menschen, der keine Gewalt mehr ausüben möchte. Nach einem Ausstieg wird es erst schwieriger, und es geht einem vielleicht schlecht, und es kann Einsamkeit kommen, aber schon sehr schnell werden neue Menschen einem die Hand reichen, und ein neues besseres Umfeld kann aufgebaut werden. Die Rolle der Gesellschaft ist hier nicht unerheblich, wenn die Menschen nicht ihre Hand reichen, kann eine Wandlung nicht erfolgreich sein, wer sagt einmal Nazi, immer Nazi, sollte sich ganz genau im Spiegel betrachten, ob er sich korrekt verhält.

Lotar Martin Kamm: Nachdem zu Beginn der 1990iger Jahre der Geist der Neuen Rechten über die politische Formierung der Republikaner aus der versiegelten Flasche einer überwunden zu scheinenden Endnazifizierung entweichen konnte und erneut Auftrieb erhielt, war jene Phase allerdings nur von kurzer Dauer, Sie selbst aber damals genau in jenem Jugendalter, wo Sie sich neu orientierten. Was können Sie nach eigener Erfahrung der heutigen jungen Generation empfehlen, zumal heute eine AfD wesentlich mehr Anhänger hat?

Philip Schlaffer: Die Republikaner nutzten die „Chance“ damals sehr geschickt aus, denn auch ich als jugendlicher Rechter spürte keine Verantwortung für die Weltkriege und besonders nicht für die damals begangenen Verbrechen. Glücklicherweise gab es zu der Zeit noch keine breiten sozialen Internetmedien, mit denen man die neuen populistischen Ideen verbreiten konnte. Ich selber stand mit an Infoständen der NPD & Republikaner und versuchte, den Menschen Flyer in die Hand zu drücken, aber die Wirksamkeit dieser Aktionen war gering. Heute ist es bedeutend einfacher, auch fehlerhafte bzw. komplett falsche Meldungen zu verbreiten, um eine größere Zustimmung zu bekommen. Meine Empfehlung?

Lasst Euch keine Angst einreden, Zukunftsängste hatten alle Generationen, die Welt wird sich verändern, wie Sie es immer getan hat. Ihr könnt sie mitgestalten, auf positive Art und Weise, engagiert Euch in sozialen Projekten, in der Politik und genießt Eure Jugend, verschwendet sie nicht wie ich mit Menschen, die hasserfüllt sind und Euch benutzen wollen. Während andere meiner Generation zur Love Parade oder zu Strandpartys gefahren sind, saß ich in einem Hinterzimmer mit älteren Herren und diskutierte bei Bier über den Umsturz, fragt sich, wer wohl die bessere Zeit hatte, oder?

Lotar Martin Kamm: Um beim Thema zu bleiben, Präventionsarbeit kann man dennoch nicht unbedingt allein für sich betrachten, da hat die Schulbildung, das Elternhaus auch Anteile, oder? Mit anderen Worten, sollte gerade die Politik nicht selbst entsprechende Weichen stellen, um extremistisch-fanatische Gruppierungen trocken zu legen?

Philip Schlaffer: Die Politik ist besonders gefragt, es ist dringend notwendig, neue Projekte und Ideen zu fördern und finanziell zu unterstützen. Prävention ist ein Gesamtkonstrukt, es steht auf mehreren Säulen, erfahrungsgemäß kippt das ganze „Gebäude“, wenn eine Säule nicht mittragend ist. Wir benötigen Schulungen für Pädagogen, die mit neuen extremen Schwierigkeiten konfrontiert werden, wer sonst beispielsweise Mathe lehrt, muss sich heute nebenbei mit extremen politischen und religiösen Strömungen auskennen. Die Pädagogen sind heute aufgrund der Situation der Eltern, die teilweise zwei oder drei Jobs haben, der Familienersatz, eine enorme Herausforderung, um die ich die Pädagogen nicht beneide.

Die Schulen sollten ein dauerhaft angelegtes Präventionsangebot haben, von Klassenschulungen hin zu Einzelgesprächen, die Jugendlichen wissen mehr vom „wahren“ Leben, als sich viele manchmal vorstellen können. Auch sehe ich mich als ehemalig radikalisierter Jugendlicher und Erwachsener als ein kleiner Baustein, der eventuell eine geistig festverschlossene Tür bei einem radikalisierten Jugendlichen öffnen kann. Ich kenne deren Ängste, Ziele und bin für Sie authentisch, so gibt es vielleicht die Möglichkeit, einen Fuß in die Tür zu bekommen, so dass dies Fachkräfte wie Pädagogen und Sozialarbeiter übernehmen können. Wir müssen uns über neue Methoden und Ansätze Gedanken machen, die Gesellschaft verändert sich, und hier müssen wir reagieren.

Verbote bringen nichts bzw. wenig, das menschenverachtende Gedankengut kann man nicht per Gesetz verbieten, sondern muss durch Bildung und positive Erfahrungen ersetzt werden. Personen, die sich so radikalisiert haben, dass Anschläge bevorstehen, müssen inhaftiert, deren Netzwerk zerschlagen und verboten werden. Das Wegschließen im Gefängnis reicht aber nicht, erst recht muss hier dann mit den Radikalisierten gearbeitet werden, sonst übernehmen das eventuell andere Gefangene, und die Spirale in den Terror geht weiter.

Lotar Martin Kamm: Wie erleben Sie die augenblickliche politische Entwicklung hierzulande mit dem beginnenden Bundeswahlkampf? Bauchschmerzen angesichts einer sich straff organisierenden europäischen Rechten wie wir jüngst in Koblenz erlebten, was wiederum ebenso eine AfD stärken wird?

Philip Schlaffer: Ich möchte keine extreme Parteien, egal welcher Richtung im Bundestag sehen, ich möchte nicht, dass sie politischen Einfluss nehmen können. Ja, ich habe Bauchschmerzen, wenn ich teilweise sehe, wie hoch die Prozentzahlen sind. Ich glaube, der Wahlkampf wird so dreckig wie noch nie zuvor in der BRD, ich denke, wir nähern uns fast Weimarer Zeiten, leider. Ich gehe stark davon aus, dass wir von verletzten Wahlhelfern und ähnlichem hören werden, der Kampf wird wieder auf die Straße getragen. Glücklicherweise ist die „Rechte“ grundsätzlich zerstritten und uneins über Ziele und Wege, das ist hilfreich und bremst deren Entwicklung. Doch die neue Vernetzung europaweit und teilweise weltweit, der Aufstieg von Trump zum mächtigsten Mann der Welt, gibt leider enormen Aufwind.

Die Demokratie muss diese Strömungen aushalten, und die Gesellschaft darf nicht mit Gewalt antworten, nicht im Wahlkampf und nicht zwischen den Wahlen. Ich hoffe auch, dass die Parteien der Mitte sich nicht auf ein Niveau der Populisten herabziehen werden lassen und in diesem Punkt gegen den Populismus von Rechts gemeinsam stehen, mit den Idealen der Freiheit und der Demokratie gegenhalten. Der bürgerliche Frieden ist in Gefahr, und die beste Botschaft an alle Extremen ist, bei den Wahlen ein Kreuz bei einer demokratischen Partei zu machen.

Lotar Martin Kamm: Zum Schluß des Interviews möchten wir Ihnen gern noch die Möglichkeit anbieten, unausgesprochenes oder nicht hinterfragtes zu kommentieren.

Philip Schlaffer: Schaut doch gerne mal bei mir im Facebook vorbei und kommentiert  meine Ansichten in den Videos. Unterstützen könnt Ihr meine Arbeit unter der Seite www.gefangene-helfen.de (Noch im Aufbau).

Vielen Dank Lotar! Bleibt sauber, alle!

Lotar Martin Kamm: Aber gerne doch, Philip, ich möchte mich recht herzlich auch im Namen des Teams von Querdenkende für dieses Interview bedanken.

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Eine Antwort zu Verbannung von Hass, Gier und Neid – ein Interview mit Philip Schlaffer

  1. marisasminds schreibt:

    Hat dies auf Marisa's Mind rebloggt.

    Gefällt mir

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