Kalkulierte Bigotterie


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Günstige Gelegenheit heuchlerisch politischer Entfaltung

Ohne wirklich bewußt wahrgenommene Bedenken unterliegen fast alle der täglichen Kalkulation. Sei es bei der Berechnung des Einkaufs über die Menge oder zu Preisvergleichen, die erforderliche Zeit eines Handelns, im Geschäftsleben natürlich in den mannigfachsten Tätigkeiten. Überall wird berechnet, kalkuliert.

Selbst Kleinkinder berechnen bei ihrem Spiel mit Bauklötzchen unbewußt deren Standfestigkeit, bevor das Aufgetürmte einstürzt. Schätzungsweise gibt es keinen Menschen, der nicht mit Klötzchen einen Teil seiner Kindheit verbracht hat, denn Klötzchen dienen auch zum Gebrauch von tatsächlichen Zahlenberechnungen. Ein Klötzchen rechts, ein Klötzchen links und zusammen zwei Klötzchen.

Kalkulieren, aus dem lateinischen calculare, ausrechnen, bemessen, ermitteln, abschätzen, vorhersagen, zusammenreimen, das Wort hat seinen Ursprung im Rechnen mit Rechensteinen, die aus Kalk gefertigt waren. Die Kalkulation ist dementsprechend Berechnung, Ansatz, Rechnung, Planung, Veranschlagung. Etwas anders sieht es aus bei dem Wort Kalkül, dessen Wortherleitung die gleiche Herkunft hat. Kalkül bedeutet aus taktischer Berechnung, abschätzende Überlegung. Dem Wort haftet damit ein als abwertend zu bezeichnender Ausdruck an. Also eher eine hinterlistige, anstatt offensichtliche Absicht hinter einer Berechnung.

Die Begriffe Scheinheiligkeit, Heuchelei, Unaufrichtigkeit können als Umschreibung für Kalkül eingesetzt werden genauso wie die Bigotterie. Das Wort entstammt aus dem französischen und wurde ab dem 18. Jahrhundert aus dem Begriff bigot übernommen. Eine genaue Herleitung ist zwar nicht möglich, doch es wird angenommen, daß sich das Wort und der Begriff aus dem englischen „be gode“ (Schwurformel) entwickelt haben. Nachweislich erwähnt wurde der Ausdruck in einem Roman von 1165 als Schimpfwort für die Normannen. Die Bigotterie bezog sich anfangs auf das Frömmeln, also auf ein vordergründig gezeigtes Glaubensbekenntnis und eine Lebensweise, die aber der tatsächlichen Lebensführung widersprach oder einer engstirnigen Auslegung einer Religion. Man kann dies auch Doppelmoral nennen.

Kalkulierte bigotte Doppelmoral. Scheinheiliges Kalkül. Heuchlerische Unaufrichtigkeit. Viele Verlautbarungen, die öffentlich platziert werden, sind in diesen Tagen scheinfrommes heuchlerische Kalkül. Die Zielsetzung dieser Berechnungen (Konglomerat aus Wertbegriffen, Sitte, Kultur und im weitläufigem Sinn auch der Kunst) ist eine strenge, engstirnige, auf „nationalistischen Traditionen berufende“, neu zu definierende Gesellschaft.

Das Kalkül beinhaltet in der Vorbereitung zu diesen Gesellschaften die Verunsicherung der Bevölkerung durch gezielt verdrehte Aussagen über sämtliche Bereiche des öffentlichen, privaten Lebens. Dadurch wird im sogenannten zweiten Schritt dieses Kalküls eine umfassende „Bereinigung“ durch streng kontrollierte Meinungsverbreitung dieser bigotten Lebenseinstellung herbeigeführt, die unter dem Deckmantel der einzig richtigen wahren Gesellschaftsform für Ordnung sorgt.

Anders ausgedrückt, man schafft chaotische Verhältnisse, um danach für die richtige Ordnung zu sorgen. In diesem Zusammenhang ist es augenscheinlich auch „Mode“, gewisse Gruppierungen zu verunglimpfen, dabei spielt es keine Rolle ob es sich um sozial schwache Menschen handelt oder um das sogenannte Establishment. Die Bandbreite ist dem Kalkül förderlich, weil darauf verwiesen werden kann, keiner ist geschützt, alle sind Verräter an den jetzigen Umständen, außer natürlich diejenigen, die genau wissen, was in den vergangenen Jahrhunderten geschehen ist, was wissenschaftlich tragbar ist, was sozialer Bezug bedeutet, was ökonomisch sinnvoll ist, was man zu glauben hat (darf) und natürlich vieles mehr.

Bleibt die Frage, wer profitiert von diesem Kalkül? Denn keine Berechnung ohne Kostenüberblick oder Planung eines Ergebnisses. Dafür ist eine nähere Betrachtung derjenigen erforderlich, die sich anmaßen, nicht nur aus verantwortlichen Positionen heraus, sondern auch aus Profilierungssucht in der „Sprache der Narren“ sarkastisch, heuchlerisch mit der Tendenz des egoistischen Spötters ihre Befindlichkeiten als den Wert für eine ihr zusprechende Gesellschaft zu proklamieren.

Dies widerspricht eindeutig der Absicht, sich für eine human ausgerichtete Gesellschaft einzusetzen, deren Ziel es ist, für das Gemeinwohl aller einzustehen ohne Berücksichtigung der Herkunft, des Geschlechtes, sozialer Positionen, der Bildung.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Eine Antwort zu Kalkulierte Bigotterie

  1. gkazakou schreibt:

    Für mich ist das deutsche Wort „berechnend“ negativer besetzt als das französische kalkulierend. Letzteres scheint mir – in seiner negativen Konnotation – eingeengt auf das gelegentliche Erdenken von Finten und Tricks, ersteres als ein durchgehendes Charaktermerkmal, das alle Tätigkeiten durchtränkt. Die regierende Kanzlerin, aber auch der jetzt antretende Sozialdemokrat fallen für mich unter diesen Typus.
    Genauso geht es mir bei „scheinheilig“ und bigott. Scheinheilig strahlt breiter aus, vom Persönlichen bis hin zu Politik und Kirche. Der allseits beliebte eben abgetretene deutsche Präsident ist für mich ein solcher Typus.

    Gefällt 2 Personen

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