Birkenhead Drill nicht nur exemplarisch für Rettung in Not


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Wer das Establishment bekämpft, sollte nicht mit Steinen schmeißen

„Frauen und Kinder zuerst!“ Ein Ausruf, so sollte man meinen, der bei jedem Menschen so tief verinnerlicht ist, daß es über den Sinn und die daraus schließende Regelung keiner Hinterfragung bedarf. Es stellt sich keine Frage, ob der richtigen Handlungsweise, da es einer Normalität gleichkommt wie das Essen mit Messer und Gabel, zumindest in den westlichen Ländern. Sogleich gilt natürlich auch, wie das Essen mit Stäbchen oder mit Fingern, je nach gewohnter Sitte, ein Umstand also, der seit Jahrhunderten gilt.

Dem ist nicht so, auch wenn wir uns darüber noch so wundern können. Erst seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dieser Tatbestand, wenn es Menschenleben zu retten galt, „angewandt“. Natürlich kann es nicht ausgeschlossen werden, daß bereits in früheren Zeiten ebendies auch geschah, doch wirklich als beständiges Handeln wirkte sich dieser Ausruf erst seit nunmehr 177 Jahren aus, nämlich genau seit dem 25. Mai 1840 in Amerika. Laut Berichten brach auf dem Transportschiff Poland ein Feuer aus, und ein französischer Passagier setzte sich unter Zustimmung der anderen Mitreisenden durch, daß die Frauen und Kinder zuerst in die Rettungsboote steigen durften.

Am 27. Mai 1842 wurde beim Untergang der Abercrombie Robinson ebenso verfahren, und der Dichter William Topaz McGonagall beschrieb dieses Unglück in seinem Werk „The Wreck of the Abercrombie Robinson“. Sozusagen zur Allgemeingültigkeit gelangt der Ausspruch aber wohl erst mit dem Roman von William Douglas O’Connor, „Harrington: A Story of True Love“, der 1860 veröffentlicht wurde.

Die Birkenhead, ein zum Truppentransporter umgebautes Schiff, lief am 26. Februar 1852 auf einen Felsen auf, Lieutenant Colonel Alexander Seton gab den Befehl aus, Frauen und Kinder zuerst. Diesem Umstand ist zu verdanken, daß alle Frauen und Kinder (insgesamt 56 Personen) gerettet werden konnten. Von 643 Besatzungsmitgliedern und Passagieren überlebten nur 193 Menschen. Der Ausspruch, Frauen und Kinder zuerst, wird deshalb auch oft als Birkenhead Drill benannt.

Es ist allerdings in der Praxis eher die Regel, Hilfebedürftigen, Verletzten, Alten und Kindern zuerst und dann den andern zu helfen, wobei hier natürlich große Unterschiede bei den verschiedensten Unglücken, Katastrophen zu ersehen sind.

Wenn einige Zeitgenossen gerne aber darauf hinweisen, daß „etwas“ zuerst den Vortritt hat, entweder als Person oder als Sache, so kann man nicht umhin, nach dem Moralkodex dieser Menschen zu fragen. Jedem das Seine, mir das Meiste. Ist dies wirklich die bestimmende Anstandsformel der Gegenwart und der Zukunft, und inwieweit ist dies mit dem gleichzeitigem Verweis auf christliche, religiöse Werte und Moralvorstellungen vereinbar?

Gar nicht! Denn es zeugt von einer egozentrischen Einstellung, die nicht gewillt ist, ein Gegenüber zu akzeptieren, schon gar nicht auf „Augenhöhe“. Hierbei ist auch der Versuch, eine von Harmonie triefende Heile-Welt-Bildchen und Filme verbreitende medienüberflutende Propaganda nur eine verschleiernde Darstellung der Realitäten. Denn so funktioniert weder das Leben noch jede Gemeinschaft.

Zu all diesen egoistischen Verhaltensweisen gesellt sich der hetzerische Ruf nach Beendigung, ja teilweise sogar nach Vernichtung des Establishments und so gar nicht ins Bild passend von jenen, die gerade das Establishment vertreten oder danach lechzen, diesem anzugehören.

Das Establishment, laut Duden, Oberschicht, politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftliche einflußreiche Personen. Also diejenigen, die das Ruder der Schiffe in der Hand halten. Nun mag ja der ein oder andere dieser Oberschicht seinen Status durch Vetternwirtschaft, durch Bestechung, durch sonstige kriminelle Machenschaften erreicht haben und die Verantwortung für Aufgaben übertragen bekommen haben, deren er nicht gewachsen ist oder nur provisorisch mit seinem Namen vorsteht, aber alle? Sollten wirklich alle verantwortlichen Positionen mit den falschen Personen besetzt sein? Dann ließe sich die Frage stellen, warum erst jetzt auf diesen Umstand hingewiesen wird und, wie erwähnt, gerade von Personen, die eben aus diesem etablierten Kreisen stammen? Welche Vorteile werden hier für wen geschürt und welche Nachteile für andere? Oder welche Krähe kratzt der anderen Krähe die Augen aus?

Wer wirklich Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen erreichen will, kann dies nicht, in dem einfach nur Namen ausgetauscht werden und dennoch dasselbe „Business“ weiterverfolgt wird.

Wer wirklich ein Interesse an Veränderungen hat, der muß die Aufgabe meistern, alle, jeden in sein Boot aufzunehmen und dafür Sorge tragen, daß alle sicher ans Ziel gelangen.

Dies ist möglich, es erfordert einen langen Prozeß der Annäherung, der Verständigung, der Bereitschaft, den „alten“ Kurs zu verlassen und sich auf eine „neue“ Kursrichtung einzulassen, in dem die Hilfebedürftigen, die Verletzten zuerst berücksichtigt werden und nicht diejenigen, die ihre Penunzen retten wollen. Wer sich an diesem Prozeß beteiligen will, kann dies nicht tun, indem er neue Grenzen aufstellt, sondern in dem er Grenzen öffnet, nicht nur landschaftlich, sondern auch im Bewußtsein.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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