Barbara auf dem Weg


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„Barbara, suche schon mal deine Förmchen zusammen, wir wollen gleich gehen.“ „Ich will aber nicht!“ „Barbara, Papi kommt doch gleich nach hause!“ Barbara scheint überhaupt kein Interesse zu haben, ihren Papi zu sehen. „Hallo Barbara, ich heiße auch Barbara, ist das nicht schön?“ Das kleine Mädchen sieht verdutzt in mein Gesicht, zur Mutter, nimmt zwei Sandförmchen auf und beeilt sich, in Mutters Nähe zu kommen.

Sie wirkt verunsichert und dem Heulen nahe, die Mutter steht auf und sammelt die restlichen Sandspielsachen ein, Barbara, das Kind, ist ganz eng an ihren Beinen. „Barbara, laß das, das ist doch albern.“ „Entschuldigen Sie, was haben Sie zu meiner Tochter gesagt, daß sie so verängstigt ist?“ „Ich heiße auch Barbara.“ „ Aha!“ Sie verläßt mit ihrer Tochter an der Hand zügigen Schrittes den Spielplatz. Sie schauen zurück, beide, als befürchteten sie, ich würde ihnen folgen.

Barbara, auf dem Taufschein, bei der Taufe, Barbara, Wilma. Wann wußte ich von meinem Namen, beim Arztbesuch, Kindergarten, Schulbeginn, ich kann mich nicht erinnern. Barbara, wie fremd das klingt. Barbara, bin ich das? Barbara, Wilma?

Kann mich nicht erinnern, jemals Barbara gewesen zu sein. Babs, Babsi, ein Leben lang, zumindest so an die vierzig Jahre. Ja, vierzig, das kann hinkommen. Hinkommen, wohin? Bin ich weggegangen? Klar. Sonst säße ich jetzt nicht hier, mitten in dem Stadtpark, auf einer schattigen Bank. Vor mir der Spielplatz. Hinter mir irgendwo die angelegten Wege. Der kleine See mit Enten. Gibt es einen Stadtpark ohne Enten? Sie sind ohne Namen da hingekommen, oder? Barbara. Barbara, werd erwachsen, sei erwachsen, du benimmst dich wie ein pubertierendes Kind.

Abfinden, ich muß mich abfinden, abbinden, loslösen, Babsi. Loslösen von der Bank. Als erstes. Loslösen von Babsi. Nein. Barbara. Nein. Wilma. Oma. Auf keinen Fall. Blödes Huhn, ich bin ein blödes Huhn. Timo, deine Babsi ist ein blödes Huhn. Timo. Trauerst du? Kann man, wo immer du jetzt bist, trauern? Fehle ich dir? Du fehlst mir!

Es ist immer kalt bei deinem Grab, sommers wie winters, mit oder ohne Blumen. Kalt. Kalt deine Bettseite, die Schrankseite leer, bis auf wenige Stücke, die habe ich im Karton, den wir einmal zusammen für die Kinder gebastelt haben. Erinnerst du dich noch? Wir hatten gestritten, du wolltest unbedingt diesen großen Karton, ich nicht. Du hast wütend das Haus verlassen, ich blieb zurück. Wie jetzt, zurück.

Ich kann nicht Barbara sein, deine Babsi, deine Schildkröte. Was kann die Schildkröte dafür, daß sie einen falschen Namen hat. Kröte. Schilddrachen. Schilddrachenkämpfer, Mensch Babsi, erinnere dich. Timo, du bist ein Spinner! Heute treffe ich mich das erste Mal mit Micha alleine, wir sind verabredet. Verabredet. Barbara, hab einen Tisch reserviert für acht am Freitag beim „Mountain“, nur für uns beide. Barbara, nicht Babs, nicht Babsi. Timo, deine Babsi kann nicht Barbara sein, deshalb, es wär schön, wenn du neben mir sitzen könntest, jetzt, hier.

Aus unerklärlichen Gründen stießen heute Morgen gegen sieben Uhr dreißig ein Motoradfahrer und ein Kleinlaster auf der Strecke Hellenstedt, Briemstedt zusammen. Der schwerverletzte Motoradfahrer starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Der Fahrer hatte einen Herzinfarkt, er hat überlebt. Ich war lange Zeit böse, wütend auf dich, nicht auf ihn, er hat überlebt, du nicht. Du hast mich verlassen, laß los Babsi, laß los Babsi. Timo. Du auch. Du auch!

Babsi geh hin, du bist Babsi, der Schilddrache, der Schilddrachenkämpfer, tu dir den falschen Namen nicht an, Babs. Der Schilddrachenkämpfer hat verstanden. Ab heute Babsi. Für Micha, Babsi, für dich Timo, Babsi, für mich, Babsi. Kindische Babsi, auf nach hause, umziehen, Barbara Wilma.

Sie stand auf, trat in die nachmittägliche Sonne und ging festen Schrittes, ohne sich umzudrehen auf das schmiedeeiserne Tor zu und verschwand hinter den immergrünen Hecken des Stadtparks.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Barbara auf dem Weg

  1. Beat(e)s Welten schreibt:

    Origineller Text und Sprache. Ich mag diese subjektivistische Perspektive.

    Gefällt 2 Personen

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