Viel Lärm um Traktoren


https://pixabay.com/de/traktor-labour-landmaschine-1732125/

pixabay.com

Schmähschriften beackern oder sich bewirten lassen

Vor nicht allzu langer Zeit, hört sich fast so an, wie, es war einmal, aber es kommt zumindest in jetziger Zeit auch vor, als im ländlichen Raum frühmorgens schon Geräusche die Menschen aus dem Schlaf rissen, weil etliche hundert Meter entfernt ein Bauer sich auf den Weg zu seinen Feldern machte. Heutzutage sind diese ohrenbetäubenden Lärmpegel eher in der Frühlings-, Herbstzeit zu vernehmen, wohingegen es früher zur täglichen Geräuschkulisse gehörte und sogar in Städten ab und an zu kleineren Staus kam, wenn ein solch monströses Fuhrwerk durch die Straßen schlich.

Sicher ahnen Sie es schon längst, welches Fortbewegungsmittel hier angesprochen wird, der Traktor. Die modernen Traktoren sind selten noch mit den Traktoren, die in den 40igern und bis in die 80iger Jahre die Straßen, Feldwege befuhren, vergleichbar. Sie sind zwar weitaus monströser, aber bis auf wenige Ausnahmen, im Lärm machen, nicht so auffallend wie die Traktoren, deren Ankunftszeit am Zielort, nur allein durch die Reichweite der Schallwellen des lärmenden Gefährtes, bestimmt werden konnte. Sie konnten und können, um es schlichtweg zu sagen, ganze Gebiete traktieren. Und sicher wäre es für viele Menschen, die in Gegenden wohnen oder zur Sommerfrische sich dort aufhalten, ein leichtes, ihre Erfahrungen und Erlebnisse nicht nur im Bereich des Hörvermögens, sondern auch über Ausstattung, Funktion, Baujahr ganze Reihen von Traktaten zu schreiben, die teils in liebevoller, sarkastischer oder sachlicher Form Bücherregale ohne Probleme füllen können.

Traktor, traktieren, Traktat, ist es nicht erstaunlich, daß diese drei Wörter denselben Wortstamm haben, oder etwa nicht?

Traktieren, lateinisch tractare, herumzerren, bearbeiten, in unserem jetzigen Sprachgebrauch im Sinne von bedrängen, beackern, löchern, einhauen, eindreschen, prügeln, drangsalieren, eintrichtern. Das Traktat, lateinisch tractatus, die Abhandlung, die Erörterung, heute noch in der Bedeutung der Abhandlung, Artikel, Essay, Beitrag, Text, Schrift, Spott-, Schmäh-, Streitschrift. Der Traktor, lateinisch tractum, der Trakt, Ausdehnung, Lage, Gegend, ein Begriff, der die Beschreibung eines Gebäudeteils, Strecke darstellt.

Natürlich gibt es noch andere Wörter, in denen das Grundwort tractare enthalten ist, das Traktament, die Bewirtung, Verpflegung, traktabel, umgänglich, leicht zu behandeln, Traktion, Zugkraft, Antrieb von Zügen, um nur einige zu nennen.

Um in dieser Kolumne nicht alle Fans der brummenden Motorenzunft, des Traktors, zu vergrämen, sei hier erwähnt, daß ein Traktat über die Traktoren von der Kolumnisten eher ein satirisch, ironischer Text wäre als eine Streitschrift. Nichtsdestotrotz wird die Namensgebung für dieses landwirtschaftliche Hilfsmittel seinem Ursprungsbegriff gerecht. Denn der Traktor beackert, bearbeitet nicht nur die Felder, sondern auch die Nerven der Mitmenschen, jedenfalls in Sachen Gehör. Und trotz seiner langsamen Fortbewegungsmöglichkeit streiken die Motoren selten, selbst bei längeren Wegstrecken, so daß die Ausdehnungsweite der Fahrten nicht nur die nähere Umgebung erreicht, sondern auch um die Welt führen kann.

Das Traktat ist eine unter einem, salopp gesagt, Sammelsurium von Ausdrucksmöglichkeiten und Begrifflichkeiten möglicher Text, der es erlaubt, sowohl in sachlicher Form wie auch in sarkastischer, ja, sogar in böswilliger Absicht geschriebene Meinungen, Ansichten, Tatsachen zu beschreiben. Dabei ist hier eben die schiere Unbegrenztheit der Ausdehnung, Auslegung der Rahmenbedingungen großzügig möglich und kann deshalb in dem Text genügend Formulierungen niederschreiben, um damit Menschen zu bedrängen, ihnen etwas einzutrichtern, sie dadurch drangsalieren und ironisch, sarkastisch ein Thema verunglimpfen.

Und das alles nur, weil traktieren, herumzerren, bearbeiten in der Auslegung des Begriffes keine direkte Begrenzungsangabe vorschreibt, denn bearbeiten muß nicht ausschließlich negativ zu besetzen sein, es kann auch behandeln bedeuten, ebenso wie nach sich ziehen, entweder im Sinne von dieser Schritt, dieser Gedanke zieht diese Konsequenz, diese Schlußfolgerung nach sich. Dies ist in den Wörtern Traktament, Bewirtung, Verpflegung und traktabel, umgänglich, leicht zu behandeln, zu erkennen.

Gerade in Bezug auf die Fähigkeit sinnvolle Folgerungen zu ziehen, die dann zu einem, wenn auch nicht für die Ewigkeit, so doch für einen gewissen Zeit- Gebietsrahmen, eignet sich das Wort traktieren vorzüglich, es sei denn, es wird aus seinem Ursprung der grenzenlosen Anwendungsmöglichkeit entwendet und nur noch auf dem Gebiet (Trakt) der negativen Begriffsaussage angewandt. Schließlich befährt der Traktor den Acker, den Trakt nicht nur um den Boden zu drangsalieren, sondern um ihn zu lockern, zu pflügen, zu säen und zum Ernten.

Traktieren, dreschen (veraltet auch: etwas in reichlicher Menge anbieten) Sie jetzt ruhig auf diesen Text ein, schließlich hat er Ihnen eine Fülle von Erörterungsmöglichkeiten und deren Folgen in reichlicher Menge geboten, oder?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Viel Lärm um Traktoren

  1. Karo-Tina Aldente schreibt:

    Eine weitere Bezeichnung dieser landwirtschaftlichen Zugfahrzeuge ist Schlepper. Das gäbe doch Stoff für den nächsten Text. 🙂
    Fluchthelfergrüße aus dem Garten

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s