Früher war alles anders


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„Hey, Mama, stell dir vor, Mona hat von ihren Eltern zur Geburtstagsfeier Kinokarten geschenkt bekommen, jetzt für Samstag! Abends, natürlich, wir sind doch keine Kleinkinder mehr! Der Vater und ihr Onkel fahren uns hin, na klar holen die uns auch wieder ab. Hab vergessen, wie der Film heißt, aber wird schon nicht das Rotkäppchen sein, Mensch Mama, wir sind doch zu sechst dort und ich bin doch schon 15.“

Fünfzehn, schwierig, leicht, alles erreichbar. Kinokarten für ne Geburtstagsfeier, was das kostet? Keine Mark ist mehr was wert. Euro. Eine Mark und eine Cola, eine Mark siebzig hat Mama vorgerechnet, als wir, ich zum ersten Mal im Kino war, Ausflug? Vorgerechnet! Alles wurde vorgerechnet, aufs Butterbrot geschmiert. Gab es eigentlich etwas, was nicht berechnet wurde? Das Geld wurde zusammengehalten wie die Moral, der Anstand, sogar die Kniestrümpfe, die heruntergerutscht sind, wurden als nicht schicklich angesehen. Lächerlich, aber daran gehalten habe ich mich trotzdem, wollte doch nicht sündig sein!

Sündig, hat das jemals aufgehört? Der Fernseher war auch Sünde, hat von der Arbeit abgehalten, aber heimlich haben sie gespart, plötzlich stand das Ding im Wohnzimmer, Farbe, wer hat, der hat, zum Gucken der Mondlandung, zig Mal standen Papa und Oma davor, ganz nah, ungläubig. Oma hat geschimpft, so viel Geld. Später war sie es, die im Wohnzimmer Kartoffeln und Gemüse geschält hat, weil der Sessel für ihren Rücken und überhaupt bequemer sei als der Küchenstuhl und die alte Holzbank, die sie „zum Verrecken nicht“ erlaubte, aus der Küche zu entfernen, selbst als der Kühlschrank angeschafft wurde. Darauf saßen schon meine Mutter und Vater, die tut’s noch, die bleibt, oder ich verklopp den Wald an die Gemeinde. Die Küchenbank blieb sogar noch nach ihrem Tod stehen, ich hab jetzt die Decken und Kissen für die Gartenbestuhlung drin, im Flur. Der Fernseher lief für sie ab nachmittags, amerikanische Serien, die Menschen echt für sie, wirklicher als ich, als ihre Enkel. Sie war nie damit zufrieden, daß Papa Mama geheiratet hat, gegen ihren Willen, evangelisch und aus der Stadt.

Margarethe war ich nur zuhause, Oma hieß so, war aber im Dorf die Greti, war wohl seit Kindertagen die Greti. Ich war die Marga in der Schule, von Anfang an. Fräulein Buchner fing damit an, zur Unterscheidung, sagte sie. Margarethe, Tochter vom Brielhof hieß auch so. Wurde ein Jahr früher eingeschult, ein kluges, artiges Mädchen hat einen Test gemacht, so schlau ist sie. Ich bin klein und dick, Vater meinte Pummelchen, und Patrik ergänzt Dummerchen. Und die Klassenkameraden riefen Marga, Versaga, wenn ich nicht schnell genug die Zahlenreihen auswendig aufsagen konnte, aber erst in der Pause. Als Margarethe auf die höhere Schule kam, wie sich das anhört, höhere Schule, wurde ich immer noch Marga genannt, aber da war das nicht mehr schlimm für mich. Wie lange ist Margarethe schon tot? Das müßten jetzt auch schon zehn Jahre her sein, verunglückt auf dem Weg nach Italien mit ihrem Liebhaber. Geschieden war sie da schon. Hatte wohl etliche Affären, sagt man, gegrüßt hat sie mich aber immer, manchmal hat sie auch gefragt, wie´s mir geht. Der ist zu schnell gefahren, sind einen Steilhang runter mit dem Cabrio, offen, nicht angeschnallt, glaub, da gab’s noch keine Gurte. Selbst wenn, die hätten sie sowieso nicht retten können.

Lina geht auch auf die „höhere Schule“, sie hat es einfacher, dafür sorg ich schon. Und Paul und der Johannes passen schon auf sie auf, auf ihre kleine Schwester. Die haben jetzt noch ein Jahr bis zum Abi, wollen studieren, eigene Wege gehen, Paul will nach Berlin und Johannes nach Aachen. Architektur. Haben früh angefangen, sich zu lösen, obwohl sie so viel zusammenhängen, viele können sie bis heute nicht auseinander halten. Lina, Kinokarten anstatt Geburtstagfeier zuhause. Die macht ihren Weg und kriegt ihn nicht gemacht, so wie ich. Patrik wollte das Haus nicht, hat neu gebaut in Waldsiedlen, großes Haus, haben keinen Streit beim Erben gehabt, der Wald gehört uns beiden noch, fifty-fifty.

Fifty-fifty und ich werd nicht mit der Wäsche fertig, trödel hier was rum, die Hanna wollte gleich kommen, schwimmen gehen unter der Woche im Hallenbad, das hätt´s früher nicht geben können, ohne nicht schief angeguckt zu werden.

„Mama, wo ist denn die neue Jeans, hast du die nicht gewaschen? Das T-Shirt ist auch nicht im Schrank. Machst du mir morgen Locken ins Haar fürs Kino? Hab dich lieb, Mama.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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