Tagträume: Flucht aus der Wirklichkeit


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Ein heilsamer Schutz oftmals als Gehirngespinst abgetan

Am weit entfernten Horizont verblasste das Licht nahezu unmerklich, tauchte in ein dunkles Taubenblau, dessen Grenze zum darüberliegenden Himmel fließend überging in ein wolkenreiches blasses Weiß, welches Abwechslung erfuhr aufgrund versprengter Regenwolken.

Keinesfalls durften diese sich aber entladen, weil ein kräftiger Nordwestwind sie kontinuierlich vor sich hintrieb, keinerlei Gelegenheit gegeben ward, dem Meer ein wenig Süßwasser zu gönnen. Möwen zogen kreischend ihre unruhigen Bahnen, ein sicheres Zeichen, daß das Festland nicht fern. Was erwartete dort den neugierigen Besucher, der bereits völlig erschöpft an einem Wrackteil sich klammernd zu wissen meinte, in welcher Richtung das möglich rettende Festland sich befinden sollte?

Selbst den klarsten Verstand vermag Hoffnung in höchster Not eintrüben, besonders wenn Gedanken an mögliche Haiattacken die einsam verzweifelte Seele befielen. Der Ohnmacht sehr nah führte ein Schauer der Erleichterung ihn jetzt dann doch zu gezieltem Handeln, den Blick auf den Vulkan gerichtet, der unübersehbar plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte. Mit letzter Kraft, die trotz stundenlangem Paddeln verblieb, erreichte Jim das rettende Ufer, rollte sich den Sandstrand entlang landeinwärts, nur weg von Meereswellen und dem befreienden Wissen, möglichen Haien entronnen zu sein.

Sein zurückkehrendes Bewußtsein erahnte nach todesähnlichem Tiefschlaf die Allgegenwart, ohne dabei tatsächlich aufzuwachen. Einem Gedankengang folgend, der ihn in gewisse Unruhe versetzte, begab er sich in einen sehr realistischen Traum, der ganz deutliche Signale ihm vermitteln zu wollen schien. Zugleich verspürte er ein außergewöhnliches Wohlsein, was er in solcher Form noch nie wahrgenommen hatte, außer vielleicht im Leib seiner Mutter, dem kurzen Zeitraum vor der Geburt.

Exakt diese Rückerinnerung beschäftigte ihn kurzweilig, beeinflußte sogar das Geschehen im halbwachen Schlafzustand, obwohl er sicher war, nicht real wach zu sein. Welch merkwürdige Situation, fragte er sich noch, als im nächsten Moment ein Riesenschwall Wasser ihn schlagartig ins Jetzt zurückholte, er gerade noch verhindern konnte, unfreiwillig einen Schluck vom kühlen Meerwasser dabei zu trinken. Was war geschehen?

Grellscheinendes Sonnenlicht blendete Jim zunächst, aber mit der Zeit erkannte er deutlich seine nächste Umgebung. Das vermeintliche Wrackteil entpuppte sich nunmehr als sein Surfbrett, auf dem er wohl eingeschlafen war. Dennoch grübelte er, sich verunsichert umschauend, wieso die Angst vor möglichen Haiattacken ihn dermaßen befallen konnte. Auf der anderen Seite lenkte ihn ein völlig anderer Umstand ab, die typische Geräuschkulisse emsigen Treibens am Meeresstrand holte ihn akustisch zurück in die direkte Gegenwart, alldieweil im nächsten Moment zwei sich verfolgende Jungen jede Menge Sand aufwirbelten, der sich über Jims noch nassen Körper verstreute. Einige Körner gerieten in seine Augen, was ihn veranlaßte, schlagartig aufzuspringen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ausgespült wieder ein befreites Sichtfeld ermöglichten.

Nun stand da der durchtrainierte Mittdreißiger am Meeresstrand, umgeben von meist entspannten Badegästen, die einfach ihren lang ersehnten Jahresurlaub genossen und fragte sich, wer ihn zurückgeholt hatte in die sonnenüberflutete Wirklichkeit hier am Atlantik, ihn ein Eimer Meerwasser, der bis auf letztem Tropfen entleert neben dem Surfbrett lag, aufgeweckt hatte. Erst als die ewigkühle Hand seiner Freundin Janis ihn vorsichtig tastend berührte und dann gar sie ihn umarmte, wußte er, daß sie es gewagt hatte. Ahnungsvoll löste sie sich und verließ fluchtartig gen Meer rennend die rettenden Wellen, denn Jim hatte kurz zuvor versucht, ihr linkes Handgelenk schraubstockartig zu umklammern. Das altbekannte Spiel zweier sich Liebender mischte die sonnenhungrigen Urlaubsstrandgäste auf, teils fluchende aber auch hinterherlächelnde Gesten kommentierten die Verfolgungszeremonie. Janis war gerade mal eingetaucht ins Wellennaß, als Jim sie schon zielsicher erreichte und zu sich zog.

Gönnen wir den beiden die Romanze des wiedergefundenen Glücks, schweifen nochmals den Blick in Richtung Horizont, der mit dem Meeresblau eine unscharfe Trennlinie aufweist zwischen Ozean und Himmel, lediglich das geschärfte Auge die unruhig glitzernde Wellenbewegung in ihr sie wahrnimmt. Was veranlaßt den Menschen, in seinen Tagträumen eine gewisse Eigendynamik an Ereignissen entstehen zu lassen, die sogar jedweder Realität sich entzieht, selbst das absurd Unwahrscheinliche annimmt?

Benötigen wir solche Grenzüberschreitungen, um das Leben um uns herum ein wenig besser verarbeiten zu können? Tagträume nicht nur reinigende Selbstheilungskräfte initiieren, sondern letztendlich ein Schlüssel zum Über-Ich darstellen, das Bewußtsein ausblendend im Schlafzustand Rücksprache hält? Wir ahnen es, teilweise Wissen darum uns bestätigt. Seien wir gewogen, wachsam durchs Leben zu schreiten, suchend, fragend, aber auch unbedingt liebend, den Haß erst gar nicht zulassend.

Lotar Martin Kamm

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