Mysteriöse Diebstähle häufen sich


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Liebe Lotte,

ich sag es Dir ohne Umschweife und direkt, ich werde beklaut, seit Wochen schon, ach, was sage ich, seit Jahren. Wundere Dich deshalb nicht, jetzt erst wieder von mir zu hören, aber ich wollte ganz sicher sein, bevor ich Dir von diesen Ungeheuerlichkeiten schreibe.

Wer hat nicht schon einmal seine Geldbörse als verloren geglaubt und sie dann doch wieder gefunden, genauso wie es mit Schlüsseln passieren kann. Aber wenn sich diese als verloren geglaubten Dinge sozusagen in Luft auflösen, nicht mehr auffindbar sind, sind sie geklaut. Obwohl, das weißt Du sicher, ich eine recht gute Übersicht über meine Sachen habe und stets nicht nur im Getümmel aufpasse.

Es ist nicht nur bei dem Verlust von materiellen Dingen geblieben, neuerdings, wie soll ich es sagen, Lotte, mir werden Gedanken, Zeit und Gefühle geklaut. Lach nicht, was denkst Du denn, warum ich jetzt erst dazu in der Lage bin, diesen Brief zu schreibe, man beklaut wahllos selbst immaterielle Dinge.

Lotte, stell Dir das mal vor, welch Durcheinander, welch unruhige Nächte, Tage ich verbringe! Inzwischen bin ich sicher zu wissen, wohin all meine Kugelschreiber, Stifte, Scheren, Kaffeelöffel über all die Jahre, die ich nun schon in diesem Haus lebe, verschwunden sind. Es leben hier um mich herum Wesen, ich höre ihr Tapsen, ihr Flüstern, die meine vermissten Dinge geklaut haben. Früher habe ich dem Knarren der Treppenstufen und der Holzvertäfelungen wenig Beachtung geschenkt, da ich mit meinen Arbeiten vollends beschäftigt war, aber inzwischen weiß ich, genau in diesen Momenten, wenn sie glauben, ich sei in meiner Arbeit versunken, leben sie auf, irgendwo müssen sie einen oder sogar mehrere Spione platziert haben, die diese Informationen weitergeben.

Selbst vor der Waschmaschine kennen sie keine Scheu, und der Monteur, den ich extra anrief, konnte die verschwundenen Socken nicht mehr auffinden. Die Wasserwerke behaupten überdies, in den Abwasserrohren keine Ansammlungen von Socken zu finden, obwohl sogar die Zeitungen über den Sockenschwund eines jeden Haushaltes berichten. Der Reporter, den ich bat, sich dieses Themas anzunehmen, ich tat dies nur, um mich zu überzeugen, daß ich in Wahrheit dieser Klaubande ausgeliefert bin, um die Verlogenheit der Wasserwerke zu beweisen, läßt sich nach meinem dritten Anruf nunmehr verleugnen.

Die Kriminalbeamten, die hier im Haus waren, saßen neben mir auf dem Sofa und keinen, keinen der beiden machte es stutzig, daß anstatt zehn Minuten plötzlich eine halbe Stunde vorbei war. Zwanzig Minuten waren vor ihren Augen geklaut worden, sie besaßen sogar die Frechheit zu behaupten, ich würde phantasieren.

Aber, Lotte, bei allem was mir lieb und teuer ist, sie rauben die Zeit. In diesem Metier gehen sie so sehr geschickt vor, das sogar bei allen Uhren, die ich aufgestellt habe, es sind inzwischen annährend an die zwanzig, die genaue Zahl schwankt, da plötzlich der rote Wecker nicht mehr auf dem Küchentisch steht und der Marienkäfer, in dem eine Uhr versteckt war, ist auch weg, einfach weg, die Zeit wird überall auf die Sekunde gleichzeitig geklaut.

Das bringt mich ganz durcheinander und darauf spekulieren diese Diebe, der Besitz von fremdem Eigentum reicht ihnen nicht mehr, deshalb nehmen sie mir auch die Gefühle. So geschickt sind sie, man merkt es kaum, da habe ich mich doch neulich beim Kochen am heißen Wasserdampf verbrannt und Lotte, stell dir vor, ich habe das erst gemerkt, als schon eine große Blase auf meinem rechten Zeigefinder sich zeigte. Sie sind so unbarmherzig, doch ich wehre mich, so gut ich kann.

Sie haben übrigens auch schon versucht, mir Wasser zu klauen, aber ich habe noch gute Ohren und frühzeitig das Fließgeräusch gehört. Du hättest das Gurgeln hören sollen, als ich alle Wasserhähne im Hause voll aufgedreht habe.

Ich verstecke jetzt alles, so daß kein Ding jeden Tag an demselben Platz zu finden ist, nur ich weiß es, denn ich schreibe alles gewissenhaft auf, auf verschiedene Zettel und in Büchern, die ich beschriftet habe. Seit ich aber festgestellt habe, sie lesen in dem Moment mit, wenn ich auf das Papier schaue, habe ich mir eine Geheimschrift ausgedacht. Keine einfache!

Zwar weiß ich noch nicht, wie ich gegen den Raub meiner Zeit und Gefühle vorgehen kann, aber ich hab da schon so meine Gedanken. Und da ich weiß, sie sind auch scharf auf meine Ideen, denke ich einfach weniger oder absichtlich falsch, das irritiert sie dermaßen, daß sie zeitweise vergessen, mir meine Wohnung Stück für Stück leerzuräumen. Ich krieg diese Verbrecher schon noch.

Jetzt haben sie schon wieder meine Zeit geklaut, gerade eben war es noch zehn vor vier, und nun ist es schon drei vor sechs, und ich kann wieder mal keinen Nachmittagskaffee trinken, sondern muß mich gleich ums Abendessen kümmern.

(Lotte, ich habe Dir anbei eine Anleitung gelegt, damit Du den Brief entziffern kannst, hoffe, ich habe nicht zu undeutlich geschrieben, es ist hier, seit ich die Rolläden nicht mehr hochziehe, etwas düster. Mach Dir keine Sorgen, aber in dem tristen Licht kann ich besser hören, wo sie gerade wieder im Haus herumschleichen. Und Lotte, natürlich weiß ich, daß Du nicht wirklich Lotte heißt, aber das werde ich nicht verraten, auf keinen Fall, ich bin doch nicht tüttelig.)

Deine Emma (Codename, du verstehst das doch, oder?)

Doris Mock-Kamm

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