Verwaist oder weise – das ist hier die Frage


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Wertfrei sich eben nicht beeinflussen lassen

Das Wort „Waise“ ist nur im Zusammenhang mit einer Umschreibung sprachlich von dem Wort „Weise“ zu unterscheiden. „Augenscheinlich“ haben beide Wörter und ihre Begrifflichkeiten nichts miteinander zu tun, wohl aber „hörwahrscheinlich“ und ganz wahrscheinlich im übertragenen Sinn.

Die Weise, der Weise werden Menschen bezeichnet, die als Denker und Gelehrte gelten, sei es im Bereich des Wissens, aber auch der Ahnung, dem übersinnlichen Wissen. Das Adjektiv weise ist abgeleitet vom Verb wissen, mittelhochdeutsch wiʒʒen, gesehen haben, ursprünglich erblicken, sehen, die Bedeutungsentwicklung „gesehen haben“ bedingt „wissen“.

Die Waise, der Waise sind Personen, die einen oder beide Elternteile verloren haben. Mittelhochdeutsch weise, althochdeutsch weiso, sprachverwandt mit entwisen, verlassen von, leer von. Althochdeutsch wīsan, meiden, in der Bedeutung von trennen.

Es existieren etliche Erzählungen, Märchen, Tatsachenberichte über Waise, verwaiste Kinder und zwar durch alle Zeitepochen hindurch, wobei die Erzählinhalte, wie die Lehren, die man daraus schließen kann, mannigfaltig dargestellt wurden und werden. Oliver Twist (Charles Dickens), Der kleine Lord (Frances Hodgson Burnett), Romulus und Remus (ausgesetzte Zwillinge und Gründer Roms, hier gibt es verschiedene Versionen), Wolfsjunge Victor von Aveyron (aufgeschrieben von Jean Itard), Kaspar Hauser (in Nürnberg 1828 aufgefunden, gestorben 1833) sind nur ein winzig kleiner Abriß über diese unzähligen Geschichten, die teilweise realen Hintergrund haben. Mehr oder weniger allen Erzählungen gemein ist allerdings die Armut, in der diese Waisen lebten, bevor sich jemand ihrer annahm.

Arm, mittelhochdeutsch arm, wahrscheinlich ursprünglich verwaist und sprachverwandt mit Erbe. Das Erbe, mittelhochdeutsch erbe, ursprünglich, verwaister Besitz.

Das Erbe, die Hinterlassenschaft, der Nachlaß, die Tradition, die Überlieferung, das Vermächtnis ist für die Nachkommenschaft, Anverwandten das Vermögen, das nach dem Tod einer Person in deren Besitz übergeht. Formal gesehen, ist es aber erstmal ein verwaister Besitz, denn bevor der Wert nicht berechnet und aufgeteilt wurde, ist das Erbe besitzlos.

Armut zeichnet sich durch Besitzlosigkeit aus. Deshalb ist diese Sprachverwandtschaft nicht verwunderlich. Der Gedankengang zu entwisen, also verlassen von, leer von, der schließlich dem Wort „Waise“ die Bedeutung gab, ist somit eindeutig besser zu verstehen.

Und wie erklärt sich die Lautverwandtschaft von „Waise“ und „Weise“? Als weise Menschen bezeichnen wir Personen, die möglichst objektiv, das heißt frei von Vorurteilen, unbeeinflußt, unvoreingenommen, wertfrei, ihr Wissen, das Gesehene wiedergeben. Dies setzt die Fähigkeit voraus, daß die Weisen nicht nur von Einflüssen frei sind, sondern die geistige Freiheit innehaben, sich von der eigenen Befindlichkeit zu lösen.

In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, daß viele Kunstschaffende, wenn sie „etwas gesehen haben“, eine Idee sich plötzlich einstellt, den Zustand davor oder währenddessen als leer, befreit, getrennt von, beschreiben. Sie sind in diesen Momenten der Eingebung unvoreingenommen, wertfrei. Dies kann man ohne weiteres mit „ohne Besitz“ oder „verwaistes Erbe“ bezeichnen.

Je ärmer, je besitzloser, desto mehr Wissen, Ahnung? Nein, natürlich nicht, aber je wertfreier, ohne Beeinflußung, je unvoreingenommener, desto weiser (verwaist, arm) kann man das „Gesehene“, das Wissen vermitteln und als Vermächtnis weiterreichen.

Doris Mock-Kamm

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