Wie von der Tarantel gestochen


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Stigmatisierung macht sich breit in der Gesellschaft

Wie von einer Tarantel gestochen, sprang er plötzlich auf. Die hat wohl einen Sonnenstich. Hinter beiden Sätzen steckt die Aussage, durch einen Stich, Verletzung, die oftmals sichtbar, muß aber nicht, eine Veränderung des Charakters, Persönlichkeit zu erklären, die ohne diesen Umstand des Gestochenseins nicht dem Verhalten dieses Wesens entspricht. Deshalb Wesen, weil die beiden Sätze ebenso auf das Verhalten von Tieren bezogen werden kann.

Nun, um plötzlich hochzuschrecken, muß man nicht unbedingt gestochen werden, oftmals reicht es aus, ein Tier zu sehen, das Unbehagen auslösen kann wie zum Beispiel eine Spinne, Wespe, Maus, aber es können auch sprachliche „Sticheleien“ sein, die dazu führen, daß einem nichts mehr auf dem Stuhl hält.

Das Wort Stich vereint mehrere Bedeutungen, unter anderem Stoß, Verletzung, Wunde, Nuance, Kleinigkeit, Schimmer, Tick, Anspielung, Andeutung, Seitenhieb, Spötterei und fand den Zugang zur Formulierung von Redensarten. Jemanden im Stich lassen, seine Aussage war stichhaltig, vom Hafer gestochen, er hat einen stechenden Blick, er ist angestochen (angepikst).

Der Stich einer Mücke kann ohne weiteres zu einer größeren Entzündung führen, wenn die Einstichstelle falsch behandelt wird und kann deshalb sogar für immer ein Mal, einen Fleck, eine Zeichnung auf der Haut hinterlassen. Es gibt wohl kaum ein Wesen (Mensch und Tier), das nicht das eine oder andere Mal, Narben am Körper aufweisen kann. Diese Narben können sogar wichtige Merkmale darstellen, denn sie tragen obendrein zur Identifizierung bei. (Pferden und Rindern wurden, werden absichtlich Brandwunden zugefügt, um sie als Besitz für eine bestimmte Person zu kennzeichnen.)

Diese Brandzeichen wurden früher für Sklaven angewandt, sowohl als auch für Verbrecher. Damit waren diese Menschen ihr Leben lang gekennzeichnet und gleichzeitig stigmatisiert. Diese Stigmatisierung diente nicht nur als „Besitzbeweis“, sondern als Warnung für andere, es hier mit einem „bösen Menschen“ zu tun zu haben. Wer einmal stigmatisiert war, mit einem Brandzeichen versetzt, hat meistens auch jegliche Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft verloren. Allerdings gibt es Menschen, die sich durch „Brandzeichen“, die absichtlich zugefügt werden, zur einer bestimmten Gruppe bekennen.

Für eine Stigmatisierung reicht es allerdings ebenso, blond, dick, klein zu sein, zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht zu zählen, eine Behinderung zu haben oder was auch immer dafür geeignet ist, jemanden etwas anzulasten, daß ihn nicht befähigt, dazuzugehören. Diese Stigmatisierung, dieses Mal, diese Kennzeichnung dient in der Regel dazu, Menschen zu diffamieren, zu diskreditieren und hat sehr oft Auswirkungen auf sämtliche Personengruppen, die zum Beispiel blond sind.

Das Stigma, vom lateinischen stigma, Zeichen Brandmal, in seiner ursprünglichen Bedeutung Stich, bekommt wieder einen immensen Stellenwert in der Gesellschaft, weil es bestens dafür geeignet ist, nicht nur einen Menschen für seine „Verfehlungen“ zu brandmarken, sondern gleich ganze Gruppen, Gemeinschaften, Gesellschaften, Völker.

Besonderen Schaden richtet diese Stigmatisierung an, wenn sie eingesetzt wird, um etwas Positives negativ zu bewerten, wie bei dem Wort Gutmensch. Hier wird bewußt ein positives Attribut „gut“ als negativ hervorgehoben. Zu welchen fatalen Folgen dies führen kann, läßt sich vielleicht am besten innerhalb der Erziehung von Kindern erklären. Die Kinder, die fürsorglich sich um andere kümmern, wenn sie traurig sind, sind somit Gutmenschen und abgestempelt, mit dieser Geste der Nächstenliebe schlechtes getan zu haben. Dies bedeutet im Umkehrschluß, Kinder, zeigt keine zwischenmenschliche Gefühle, jeder ist für sich selbst verantwortlich und selber schuld, wenn irgendwelche Probleme auftauchen, jeder soll selber sehen, wie er zurechtkommt. Das ist eine Erziehung zur Empathielosigkeit und zur Verrohung einer Gesellschaft.

Wer wirklich allen Ernstes das Wort „Gutmensch“ als Negierung positiven Handels stigmatisiert, der hat einen „Stich“, ist angepikst worden und läßt bewußt Menschen im Stich. Die Verlautbarungen zur Untermalung der Stichhaltigkeit für diese Denunzierung von „guten Vorbildern“ kann nur dazu dienen, sich selbst, seine Sache, sein Vorhaben ins „rechte Licht“ zu rücken. Denn ohne die „Gutmenschen“ gibt es keine Hilfe mehr, nirgends, nicht mal mehr zur Heilung von Stichen.

Doris Mock-Kamm

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