Kummer ein vielfältiger Hilferuf


https://pixabay.com/de/traurig-mutter-sohn-park-emotionen-1929544/

pixabay.com

Sich nicht kümmern wider der Weiterentwicklung des Humanismus

Wenn Sie Kummer haben, rufen Sie an unter der Nummer, wer kennt diese Formulierung nicht, die eine Hilfestellung für Menschen bietet, die sich in oftmals ausweglosen Situationen befinden? Natürlich muß nicht unbedingt eine lebensbedrohliche Gefahr bestehen, um nach dem Hörer zu greifen, manchmal können diese Kümmernisse augenscheinlich für den anderen belanglos sein, dennoch ist es wichtig, auch bei kleinen Sorgen jemanden zu haben, der bereit ist zuzuhören.

Wer, wenn nicht Eltern oder Erziehungsberechtige wissen am besten, wie notwendig es ist, bei den Kindern selbst kleinste Kümmernisse oder Ärgernisse ernst zu nehmen. Denn Kinder können bisweilen ohne triftigen Grund in wehmütige Gefühle sich hineinsteigern. Anlässe hierfür brauchen nicht dramatischer Natur zu sein. Je weniger aber auf die Kinder in diesen Situationen eingegangen wird, desto wahrscheinlicher fühlen sie sich hilflos „dem Schicksal“ ausgeliefert. Eltern können, wenn sie selbst in ihrer Person gefestigt sind, schnell erkennen, ob hier nur Theater gespielt, um den Willen durchgesetzt zu bekommen, oder echte Trauer dahinter steckt.

Das Wort Kummer bedeutet Leid, Schmerz, Elend, Herzweh, Pein und entstammt dem mittelhochdeutschen kumber, Schutt, Müll, Beschlagnahme, Verhaftung. Der Ursprung läßt sich aus dem Galloromanischen herleiten von lateinisch cumbrus Verhau, Sperre, eigentlich Zusammengetragenes. Bereits in der mittelhochdeutschen Sprache wurde das Wort eingesetzt für Leid, Betrübnis.

Es läßt sich somit leicht erklären, daß der Kummer, das Zusammengetragene, das eine Sperre, einen Engpass, eine Wehr darstellt, zu dem Begriff Kummer für Herzschmerzen, Gram, Sorge geworden ist. Auch die Beschlagnahme, die Verhaftung reiht sich bestens in diesen sprachlichen Übergang, denn die Enge einer Gefängniszelle oder allein die Vorstellung gegen sich selbst wird ermittelt, kann Kümmernisse auslösen.

Wie paßt das Wort kümmern in diesen Kontext? Kümmern bedeutet doch, sich um jemanden sorgen, betreuen, helfen? Das Wort hat sich aus mittelhochdeutschen kummern, kumbern für bedrücken, quälen, mit Arrest belegen, beschlagnahmen, entwickelt. Seit etwa dem 15. Jahrhundert wird „kümmern“ in seiner heutigen Bedeutung angewandt.

Also kann man ohne weiteres sagen, man kümmert sich um den Kummer. Wenn man weiß, daß das 15. Jahrhundert auch das Ende des Spätmittelalters eingeläutet hat und der Humanismus und die Renaissance sich herauskristallisiert haben, wird gerade durch das Wort „kümmern“ die gesellschaftliche Veränderung erklärbarer.

Jemanden in seinem Kummer nicht allein lassen, sich um ihn zu kümmern, ist ein Zeichen von Nächstenliebe und Verständnis. Jemanden beizustehen, wenn er sich sorgt, sich bedrängt fühlt, nicht nur tatsächlich eingesperrt ist, sondern sich auch so fühlt und ihm hilft, die Gefangennahme zu überstehen, das Leid zu mindern, sind Grundsätze, auf die sich der Humanismus bezieht, in dem er die Würde des Menschen im Denken und Handeln als Streben nach Menschlichkeit fordert und benennt.

Humanismus, Menschlichkeit ist nicht explizit auf bestimmte Gruppierungen bezogen, er steht für Kümmern aller an Kummer Leidenden. Wenn zurzeit etliche Menschen beginnen, Unterschiede in der Nächstenliebe anzuwenden, um ihre politischen, sozialen, wirtschaftlichen Bestrebungen durchzusetzen, handeln sie eindeutig gegen eine Weiterentwicklung des Humanismus. Sie schaffen dadurch ein Zurück in das Spätmittelalter und sogar noch früher. Anhand des Sprachgebrauches kann nämlich nicht nur ersehen werden, wie Begriffe sich wandeln, sondern obendrein das Handeln einer Gesellschaft.

Wer es zuläßt, daß die Sprache verkommt in niveauloser Dialektik, schafft eine Gesellschaft, die weder Anstand, Respekt, Achtung vor dem Nächsten walten läßt. Da hilft selbst keine Moral-, Kultur-, Sittenvorstellung, die nur mit Strenge, Pflicht, Gehorsam aufrechterhalten werden kann. Verlassen wir den Geist des „Kümmerns“, wird der Kummer, der Schutt, der Müll, die Enge, die Gefangennahme uns bedrücken, quälen und uns täglich in Beschlag nehmen.

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s