Gut Ding will Weile haben


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flickr.com/ derbaum/ (CC BY-NC 2.0)

Von Thingplätzen bis Dingsda zieht manches sich in die Länge

Ich meine, der Ding, na, du weißt doch, der neulich in der Talkshow aufgetreten ist. Erst gestern habe ich den, na das Dingens, im Schaufenster gegenüber vom Schuhmarkt gesehen. Das Ding, ein Ersatzwort für entfallende Namen, Begriffe, Orte ist jedermann geläufig, und doch scheint es sehr oft bei der Erwähnung dieses Wortes beim Gegenüber ein Kopfschütteln, ein Grinsen auszulösen, manchmal mit dem Effekt, daß der Gesprächspartner das Wort Ding als Hilfestellung für seine nach anfänglichem Stirnrunzeln beginnende Suche, wie das Ding, das Dingens nun heißen würde, wie es auszusehen hat, wo es sich befindet, das Ding.

In guter Dinge ist man, wenn der Name, der partout nicht mehr einfallen wollte, dann doch plötzlich wie aus dem Nichts wieder in absoluter Erkenntnis im Geiste auftaucht. Dann ist man fröhlich und guter Hoffnung, dies war nur ein vorübergehender Blackout und hat ansonsten nicht zu bedeuten, daß man das Gedächtnis verliert. Vom mittelhochdeutschen gedinge, die Hoffnung, die Zuversicht und auch Laune. Und um hier eine kleine Bresche zu schlagen für die Notwendigkeit des Feminismus, der zurzeit von etlichen national angehauchten Menschen „verteufelt“ wird, hier eine kleine charakterliche Gedankenwelt, die unsere Vorfahren sich von Mädchen gemacht haben, denn die Aussage, alberne Dinger bedeutete nicht, einen Begriff nicht zu kennen, sondern die albernen, lustigen Dinger bedeuteten junge, fröhliche, dumme Mädchen. (Das Wort Ding für Mädchen wird hoffentlich heutzutage nicht mehr angewandt)

Das Wort Ding scheint auch prädestiniert zu sein, um es in Sprichwörtern, Ausdrücken zu verwenden, da es keiner direkten Bezeichnung bedarf, das heißt, das Ding die Sache ist neutral, nicht festgelegt. Jedes Ding hat zwei Seiten, aller guten Dinge sind drei. Ein Ding drehen, eine Straftat begehen. Das ist kein Ding, nicht der Rede wert, kein Problem. Gut Ding will Weile haben, was richtig werden oder sein soll, braucht eben eine gewisse Zeit. Krumme Dinger machen, etwas tun, das nicht erlaubt. Die simpelsten Dinge nicht begreifen, selbst etwas anschaulich Einfaches nicht verstehen. Das geht nicht mit rechten Dingen zu, Unverständliches, Merkwürdiges, Unerklärbares passiert. Unverrichteter Dinge wieder gehen, etwas nicht erreicht haben. Der Dinge harren, die da kommen, in Ruhe abwarten, um zu sehen, was geschehen wird. Diese Aufzählung ist sicher nicht vollständig in Bezug auf die Anwendung von dem „Ersatzwort“ Ding für eine Begrifflichkeit der unerschöpflichen Sachen, Angelegenheiten, Vorgänge, Begebenheiten, Themen.

Er verdingt sich als Arbeiter, wird heute wohl niemand mehr sagen, um zu erklären, jemand verdient sich den Lebensunterhalt als Arbeiter. Mittelhochdeutsch verdingen, althochdeutsch firdingōnt ist wortverwandt eng mit dingen verknüpft. Dingen bedeutet so viel wie anheuern, verpflichten, einstellen, anwerben. Mittelhochdeutsch dingen war der Ausdruck für vor Gericht verhandeln.

Das eine bedingt das andere. Die Bedingung bleibt so lange bestehen, bis eine andere Lösung gefunden wurde. Bedingen heißt in etwa auch, bewirken, verursachen, voraussetzen, brauchen, erfordern und wird ebenso wie das Substantiv Bedingung in unserem jetzigen Sprachgebrauch angewandt. Das Wort Bedingung kann man gleichsetzen mit Forderung, Grundlage, Kondition, Voraussetzung und stammt als Begriff aus dem 16. Jahrhundert für eine rechtliche Abmachung.

Wer im Geschichtsunterricht aufgepaßt hat, wird noch wissen, daß thing (althochdeutsch), mittelhochdeutsch dinc, eine Gerichtsversammlung freier Männer bedeutet hat. Diese Things wurden unter freiem Himmel abgehalten, es gab für diese Rechtversammlungen bestimmte Thingplätze, oft wird in diesem Zusammenhang auch von einer Gerichtlinde gesprochen, unter der die Gerichtsverhandlungen gehalten worden sind. Aus diesen Thingversammlungen, die zu bestimmten Zeiten abgehalten wurden, entstand dann der Begriff für Rechtssache, Rechtshandlung. Das Wort Ding oder Thing ist zurückzuführen auf das Wort „dehnen“. Im übertragenen Sinne das Zusammeneinfinden von Menschen oder ein eingefriedeter Platz mit Flechtwerk für Versammlungen.

Dehnen kann gleichgesetzt werden mit ausweiten, in die Länge, Breite ziehen, dauern, sich hinschleppen, sich strecken, sich spannen. Apropos Spannen, das Dingsda, Dingsbums, die Kolumne hat sich ganz schön in die Länge gezogen, um das Ding zu erklären. Das Ding, dieser eingefriedete Ort für Rechtsprechung, das Wort, das für nicht definierbare, für etwas, was man nicht kennt, eingesetzt werden kann, das sich in die Länge, Breite dehnen läßt, das sich hinzieht, auch zeitlich, ist deshalb genau der richtige Ausdruck für das Sprechen oder Besprechen von Recht.

Nicht nur im Ausdruck des Dehnens, sondern auch im Begriff „Flechtwerk“ läßt sich die Herkunftsableitung erklären, denn der Verbindungen, Abwägungen, Verstrickungen zur Wahrheitsfindung, zur Beweisaufnahme, zur Besprechung von Dingen, über die es zu entscheiden, zu urteilen gilt, ist es vonnöten, möglichst viele Dinge zu beachten. Vorschnelle Urteile können zu nicht mehr wiedergutmachenden Situationen führen. Jedes Ding hat nun mal zwei Seiten, und aller guten Dinge sind drei. Und nicht zu vergessen, gut Ding will Weile haben, auch wenn es manchmal zu einem langweiligen oder langwierigen Text ausarten kann.

Doris Mock-Kamm

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5 Antworten zu Gut Ding will Weile haben

  1. gkazakou schreibt:

    Interessant. War Ding als fester, abgegrenzter Gegenstand auch schon in Gebrauch, oder nur als Ort?

    Gefällt 1 Person

    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Gerda, inwieweit die Anwendung des Wortes Ding als Sache auch schon gebräuchlich in der Zeit der Thingversammlungen war, ist mir nicht bekannt. Allerdings neige ich zu der Vermutung, dies zu bejahren. Ich sehe die gesamte Sprachentwicklung als kognitive Zusammenführungen von Lauten, Ursachen, Wirkungen, Ähnlichkeiten, sodaß das Wort Ding als Begrifflichkeit für eine unbestimmte Sache sicher wesentlich früher sprachlich angewandt wurde, da die Versammlung zu einer Rechtsprechung oder auch zur Entscheidungsfindung anderer Angelegenheiten die Bedingung enthält, sprachlich bereits „philosophisch“ zu argumentieren, das heißt, schon übergreifende Wortstrukturen, also nicht nur der Ursprungsbegriff vorhanden gewesen sein muß. Da das Ursprungswort „dehnen“ für Ding angenommen wird, fand hier bereits eine Überleitung von eventuell der Körpersehne oder sogar von der Bogensehne statt. Ob die Thingversammlungen alle unter einer Linde stattfanden oder eingezäunt waren, läßt sich im Nachhinein nur vermuten, daß sie stattgefunden haben, ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.
      Liebe Grüße Doris

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  2. kat+susann schreibt:

    Wo steht der Baum ?
    S.

    Gefällt 1 Person

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