Nur nicht hudeln


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Nehmen Sie sich mehr Zeit, erst recht zum Jahresende

Nur nicht hudeln! Und doch erkennt man, wenn man durch die Straßen der Städte flaniert, unruhige, teils gehetzte, eilige Menschen. In den Einkaufszentren auf der grünen Wiese, mag sein für einige Kinder die einzige Möglichkeit, etwas grüne Fläche zu sehen, bevor es hurtig mit den Erwachsenen in die Kauftempel geht, stehen Menschen ungeduldig in einer Schlange, immer mal wieder mit schräg geneigtem Kopf Richtung Kasse sehend, weil das Gefühl, während man in einer Schlange steht, vorgaukelt, die Zeit würde stehenbleiben, nur außerhalb dieser Reihe würde sie weiterrasen, und genau dahin treibt es die Menschen, zurück zur Eile.

Was gibt es nicht noch alles zu erledigen, die Festtage vorbei, man hat die besinnliche Ruhe ausgekostet, vielleicht auch mit dem Gefühl, es sei etwas übertrieben worden mit der freundlichen Art gegenüber allen und jeden. Nun genug der Ruhe und all der leckeren Gebäcke, Braten und sonst noch allerlei verschiedenen Koch- und Backkünste, die es unmöglich machten, standhaft zu bleiben, den angebotenen Gelüsten nicht nachzugeben.

Jetzt kurz vor Jahresende scheint nicht nur die Zeit, das Jahr, der Arbeitgeber oder wer auch immer seinen Tribut zu fordern, schnellstens das alte Jahr zu verlassen, nicht ohne noch dringend dies, jenes, das, zu Ende zu führen. Es ist Eile geboten, man ist hektisch, der Vorstellung zu verfallen, jetzt sei der Moment des Handelns und nicht erst nächstes Jahr, obwohl zwischen jetzt und nächstem Jahr nicht mal mehr 48 Stunden liegen. Also ist Streß angesagt.

Die Händler versuchen noch schnell, ihre Waren zu verkaufen, die Kunden versuchen noch schnell, ein Schnäppchen zu ergattern, die Regierungen versuchen noch schnell, das in diesem Jahr Geschehene zu relativieren, die Bürger versuchen noch schnell, den Haken zu finden, denn kein Fischfang ohne Haken, die Medien listen teilweise minutiös die Katastrophen, Unfälle, Schicksale auf, die Leser überfliegen die Listen, um herauszufinden, wo eine Lüge sich verbergen könnte, denn wer kann noch sicher sein, daß selbst bei dem Miterlebten alles mit rechten Dingen sich zugetragen hat.

So sind die letzten Stunden des Jahres angefüllt mit einem Strudel aus hektischen Eindrücken, die man vertreiben will, indem man selber sich durch die letzten Stunden des Jahres wurstelt und hudelt. Eventuell ist einigen Lesern das Wort hudeln nicht geläufig, da es im süddeutschen und österreichischen Raum wesentlich öfter im Sprachgebrauch angewendet wird.

Hudeln, Verb von Hudel, besagt so viel wie schnell etwas erledigen, meistens in Verbindung mit einer gewissen Vorahnung oder der Tatsache dabei Fehler zu begehen, das heißt fehlerhaft arbeiten, weil zu hektisch sich abhetzen. Das Wort kann gleichgesetzt werden mit schludern, pfuschen, Murks machen, stümperhaft arbeiten. In seiner ursprünglichen Bedeutung ist hudeln ein Begriff für zerfetzen. Der Hudel, der Lappen, der Lumpen, liederlicher Mensch. Mach nicht so einen Hudel, wirbel nicht so viel Staub auf.

Sie haben sich nun durch diesen Text gehudelt, vielleicht in der Hoffnung noch auf die Schnelle etwas Interessantes zu erfahren, vielleicht etwas Abwechslung erwartet, möglicherweise erkannt, alles ist schon mal dagewesen irgendwo im Wissensschrank, möglicherweise haben Sie den Anfang ihrer Sendereihe verpaßt, sind schon zweimal zum Essen gerufen worden, Ihr Kind zerrt an Ihrem Ärmel, weil es wie versprochen jetzt Zeit ist, mit ihm zu spielen, Ihnen fällt gerade ein, daß in einer halben Stunde Freunde vorbeikommen, um danach gemeinsam einen Trip durch die Kneipen der Stadt zu unternehmen, Sie bemerken, daß es bereits dunkel ist, obwohl Sie mit ihrem Hund noch bei Helligkeit raus gehen wollten, und schon hudeln Sie Ihren Gedanken nach, weil die Welt nun mal hektisch ist.

Ein kleiner Tip zum Jahresende kann sich die Kolumnistin nicht verkneifen, bedenken Sie, Hudel ist ein Lappen, ein Lumpen, nehmen Sie ihn zur Hand und wischen Sie damit die „genormte“ Zeit weg, „zerfetzen“ Sie nicht Ihre Zeit, finden Sie Ihr eigenes Zeitempfinden, und es könnte sich herausstellen, daß trotz Gelassenheit und ruhigerem Tempo viel schneller Ereignisse, Arbeiten oder was immer auch Sie in Ihrem Leben tun oder vorhaben, zügiger vonstatten gehen.

Doris Mock-Kamm

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