Nie wieder Reconquista


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Zweckentfremdung im Sinne herrschaftssüchtiger Patrioten

Wenn Kleinkinder die ersten Laute oder sogar Worte sprechen, kann es ohne weiteres passieren, daß die Eltern vor lauter Freude Tränen in die Augen bekommen. Es gibt immer wieder nette Anekdoten über Wortverdrehungen, Ausdrücke, wenn die Kinder ein bißchen älter sind und beginnen, selbständig sich der Wörterwelt zu nähern, nicht immer treffen sie dann wirklich das passende Wort oder den passenden Ausdruck. Kinder sind einfallsreich und kreieren bisweilen neue Wortschöpfungen oder benennen manche Gegenstände mit selbst erfundenen Namen. Dies alles ist beim Erlernen einer Sprache nicht abwegig.

Wenn allerdings Erwachsene sich Begriffen, Wörtern bedienen, die in einem bestimmten Bezug zur Geschichte eines Landes stehen oder in ihrer Begrifflichkeit sich über Jahrzehnte verändert haben oder in ihrer Übersetzung einen völlig anderen Sinn ergeben als für die Aussage, für die sie stehen sollten, dann ist dies nicht nur peinlich, sondern zeugt auch von Unkenntnis, um nicht zu sagen Dummheit, dies führt dann ebenso zu Tränen in den Augen.

Erstaunlich, oder vielleicht doch nicht, werden diese Wortbegriffe gerade von Menschen benützt, die ihre völkischen Ansichten und Parolen unter die Leute streuen. Wörter wie Patriotismus, alternativ, identitär, Populismus, Loyalität, um nur einige zu nennen. Reconquista wird in diesem Sinne dem nationalistischen Zweck unterstellt.

Reconquista, (Rückeroberung), ein Begriff aus dem 8. Jahrhundert, der den Herrschaftsbereich der christlichen Reiche in Spanien durch Verdrängung der muslimischen Reiche bezeichnet. Diese Auseinandersetzung begann 722 und endete 1492, so die allgemeine Geschichtsschreibung. Wie so oft, so auch in diesem Zusammenhang wurde für diese Geschichtsepoche der Ausdruck erst in neuerer Zeit geprägt und gelangte über die französische Geschichtsforschung als Begriff in den spanischen Sprachraum. Der Begriff an und für sich unterliegt wegen seiner vermeintlichen Aussage, es handele sich hierbei um eine geschlossene Abwehr gegenüber den muslimischen Reichen, deshalb oftmals kritischen Anmerkungen.

Diesen Begriff zu übernehmen, um nationalistisches Gedankengut zu verbreiten, ist faktisch nicht hinnehmbar, denn Europa ist ein überwiegend „christlicher Kontinent“, oder?

Auch sollte es hinlänglich bekannt sein, daß es Wortverwandtschaften zwischen der lateinischen und spanischen Sprache gibt. Conquistor ist die Bezeichnung im lateinischen für Nachspürer, geheimer Aufpasser. Konquistador ist die spanische und portugiesische Bezeichnung für Eroberer, als Sammelbegriff für die Seeleute, Soldaten, Entdecker, die im 16./17. Jahrhundert oft im Auftrage der Königshäuser dieser beiden Länder andere Länder in Besitz nahmen.

Die Inquisitoren, (Untersuchungsrichter), die im Auftrage der römisch-katholischen Kirche für die Verurteilung von Ketzern, „Hexen“ und Häretikern (Personen, die eine gegensätzliche oder andere Lebensanschauung vertreten, als die römisch-katholische Kirche), waren für tausende Hinrichtungen verantwortlich. Dies nur am Rande erwähnt, um die Begrifflichkeit des Nachspürers, geheimen Aufpassers zu unterstreichen.

Reconquista, wer oder was? Zurückeroberung, Wiedereroberung Europas?

Es mag sein, daß die Hintergründe für die Wahl dieses Begriffes sich nur wenigen Menschen erschließt. Tatsache ist allerdings, daß die „Begriffsnehmer“ die Zusammenhänge und die Auswirkungen, die sich geschichtlich hinter diesem Begriff zeigen, nicht verstanden haben. Hier wird eine Wortschöpfung zweckentfremdet, um nationalen Patriotismus hoffähig zu machen.

Conquistoren reconquisieren Inquisitoren oder Inquisitoren reconquisieren Conquistoren. Wortschöpfungen sind erlaubt, oder kommen Ihnen auch gleich die Tränen?

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Nie wieder Reconquista

  1. gkazakou schreibt:

    Wenn ich Sie recht verstehe, benutzen manche diesen Begriff, um damit ihre Entschlossenheit zu unterstreichen, „ihr“ Europa „juden- und islamfrei“ zu machen? Vielleicht auch „niggerfrei“? Zum Glück ist mir der Begriff hier noch nicht untergekommen. Hier reicht das kleine Wort: frei! (der fünfte Buchstabe in meinem Alphabet des freien Denkens: ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ). In diesem Sinne, frohe freie Festtage.

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    • quittenbluete schreibt:

      Liebe Gerda, ja leider, sie unterstreichen dies oft mit Bildern, die jedwedem freiheitlichen Denken widersprechen! Es ist eine böswillige Aufforderung zur „Reinhaltung der Rassen“, sie nennen dies jetzt Kampf der Kulturen. Danke für die Festtagsgrüße, denen ich mich gerne anschließe. Doris

      Gefällt 2 Personen

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