Besinnung bis zur Besinnungslosigkeit


https://pixabay.com/de/kerzen-weihnachten-advent-licht-1891195/

pixabay.com

Weihnachten – das Fest der Nächstenliebe?

Die Adventstage eignen sich vorzüglich, um durch Besinnlichkeit die Tage bis zum Weihnachtsfest, so die geläufige Ansicht, über das Leben schlechthin nachzusinnen. Natürlich mit dem Effekt, besonders in dieser Zeit sich den Armen, Schwächsten zu widmen, sie nicht zu vergessen, sein Glück schätzen zu lernen, alles im Sinne der christlichen Lehre der Nächstenliebe. Es flattern durch mehr oder weniger geschätzte Institutionen Bittschreiben um Spenden ins Haus, es wird hier und da gesammelt, um mit den Geldern Gutes zu tun, es werden Weihnachtsfeiern abgesagt, die Gelder hierfür sind für soziale Einrichtungen.

Besinnung, ein Nachdenken in einem Zeitraum von vier Wochen, die angefüllt sich mit Geschenkkäufen, Plätzchen backen, Verabredungen für den Weihnachtsabend, die Festtage und Sylvester, in all dieser Hektik, soll Besinnlichkeit die Menschen begleiten.!? (Keine einfache Entscheidung, ob hinter dem letzten Satz der Punkt, das Ausrufezeichen oder doch eher das Fragezeichen angesagt ist.)

Die Besinnung, das Bewußtsein, die ruhige Überlegung, die Erwägung, die Versenkung, die Reflektion sind Begriffe, die veranschaulichen, etwas mit klarem Verstand ruhig und gelassen zu überdenken. Ist dies tatsächlich in der Vorbereitung auf das Fest der Liebe, Jesu Geburt möglich? In Bezug auf das Nachsinnen über prekäre Lebensumstände vieler Menschen und der Verbesserung dieser Situation wohl eher nicht. Denn so kurzsichtig kann wohl niemand sein, zu denken, daß Besinnlichkeit die oftmals ausweglosen Zustände von sozial abgehängten Personen effektiv ändern kann.

Denn die Aufforderung zur Besinnung über die Geburt Jesu, sein Wirken, das am Fest der Liebe gefeiert werden soll, steht im Gegensatz zur Besinnung auf die Nächstenliebe. Es ist vergleichbar mit einem Eiertanz, dem Taktieren einer widersprüchlichen Situation. Einerseits die Freude über „eine Geburt“, die feierliche Stimmung, die angefüllt ist mit den Vorbereitungen für ein zu glückendes Festerlebnis, das Aussuchen der Geschenke für die Lieben und anderseits die Bedenken über das Schicksal derer, die es irgendwie nicht so gut getroffen haben.

Besinnen wir uns, Weihnachten ist ein Ereignis, das zur Freude anregen soll über die Geburt Jesu, durch dessen Lehren unter anderem die Nächstenliebe geprägt wurde. Auf dieses Leben und Wirken soll „angestoßen“ werden. Advent, die Zeit bis zur Niederkunft, der Geburt Jesu, ist vergleichbar mit dem Selbsterleben der Spannung vor der Geburt des eigenen Nachwuchses. Hier stellt sich die Besinnung oftmals von selbst ein, denn die Geburt an und für sich ist ein einschneidendes Ereignis im Lebensablauf. Nur darauf soll die Besinnung liegen, damit der Sinn erfaßt werden kann, welche Bedeutung die Geburt Jesu auf die Werte der christlich orientierten Gesellschaften hat.

Alles andere ist oftmals nur Profitmaximierung für eine mitleiderhaschende Spendenindustrie, ein Aufmerksamkeit einfordert für ein selbstverständliches Verhalten, nämlich Nächstenliebe. Wer diese über das ganze Jahr über pflegt und lebt, braucht sie nicht explizit mit Regelmäßigkeit in der Adventszeit betonen, um sie danach wieder ad acta zu legen. Nächstenliebe ist kein Anzug, der nur zu einer gewissen Zeit aus dem Schrank geholt wird, Nächstenliebe braucht kein Besinnen, Nächstenliebe ist humanitäre Hilfe, Beistand, die im täglichen Geschehen ihren Platz hat. Sie muß nicht als Mittel dienen, schlechtes Gewissen zu fördern, denn damit wird Nächstenliebe zu einer Bedingung und nicht zur Selbstverständlichkeit.

Besinnen wir uns der christlichen Werte, die durch die Geburt Jesu eingeläutet wurden, genießen wir die Stimmung mit den Liebsten, erfreuen wir uns gegenseitig mit Geschenken, ohne ein schlechtes Gewissen, erreichen wir eine bewußtere Besinnung als durch eine zwanghaft vorgegaukelte Besinnung, die eher der Besinnungslosigkeit, einer Ohnmacht gleichkommt und nicht wirklich dazu beiträgt, den Armen, den Gestrandeten, den Schwachen zu helfen.

Nächstenliebe bedeutet Verständnis, Toleranz, Hilfsbereitschaft zu praktizieren, unabhängig von sozialer Stellung. Sie ist die Kompetenz, die Befähigung ohne Hintergedanken, Häme, zum eigenen Vorteil, für den Nächsten da zu sein. Wer Nächstenliebe nur pflegt, um sein Gewissen zu beruhigen, hat den Sinn der Besinnung auf die christlichen Werte nicht verstanden. Nächstenliebe ist für denjenigen, der sich zu den christlichen Werten bekennt, ein selbstverständliches Handeln, das in allen Lebenslagen und zu jeder Zeit Bestand hat.

In diesem Sinne: „Im Dezember haben Scheinheiligkeit und Oberflächlichkeit Hochsaison.“ (Barry Jünemann, Schriftsteller)

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Besinnung bis zur Besinnungslosigkeit

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Scheinheiligkeit ist ein persönliches Problem, kein globales. Es gibt sicher ausser uns noch mehr Menschen, die nicht mit ihrem Geld die Konsumtempel stürmen, nur um irgendetwas unter den Weihnachtsbaum zu legen. Gutes kann man das ganze Jahr tun, und seinen Lieben etwas schenken ebenso. Wir schenken uns also Zeit, die sonst im Alltag zu wenig ist. Wir kaufen nicht mehr Lebensmittel und essen wie normale Menschen, keinen Schnick-Schnack. Das ist schon alles.

    Gefällt 1 Person

    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Arno,
      das Zitat über die Scheinheiligkeit habe ich benützt, um die Kolumne zu „würzen“. Für mich stellt die Nächstenliebe ein universeller Wert dar. Es widerspricht meinen Empfindungen, wenn explizit zur Adventszeit, die in meinen Augen die Besinnlichkeit und die Freude auf „neues Leben“ bestimmen soll, dafür benützt wird, um auf die, eigentlich selbstverständliche, Nächstenliebe hinzuweisen. Ich bin wie du der Ansicht, Weihnachten eignet sich vorzüglich, um mit seinen Liebsten entspannte Tage zu verbringen und dies ohne schlechtes Gewissen, denn Nächstenliebe fängt im engen Umfeld an. – Es ist niemanden gedient, sich seines Reichtums zu schämen, genauso wenig wie seiner Armut. Dienlich kann nur Toleranz, Respekt, Mitgefühl, Liebe und Nächstenliebe sein, wenn sie ein Bestandteil darstellen, die sowohl hüben wie drüben (bei arm und reich) auf der Waage des Bemühens stehen.
      Liebe Grüße Doris

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s