Eduards Hass auf den Fußball (Teil 2)


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Eduard überließ sich zuhause völlig den pflegenden Händen seiner Mutter und seiner Patentante, die erst spät abends nachhause ging, weil sie noch warten wollte, bis Eduard eingeschlafen war. Sein Vater nahm die Aufregung, die sich im Hause breit gemacht hatte, als die Jungs auftauchten, die bei ihren Erzählungen über den Unfallhergang sich durch ständiges durcheinander Reden richtig in Fahrt gesprochen hatten, sodaß es anfangs schwierig war, genau nachzuvollziehen, was sich auf dem Spielanger zugetragen hatte, mit einer stoischen Ruhe auf.

Nachdem auch er festgestellt hatte, daß sein Sohn lediglich durch den Aufprall des Fußballs Nasenbluten bekommen hatte, die Nase und auch sonst nichts gebrochen war, steckte er jedem von ihnen einen Apfel zu und Bastian befahl er, er solle doch zuerst mal hier aufs Klo, bevor er sich auf den Weg nachhause machte, denn sein Gezappel würde nicht mehr lange helfen, und schon gar nicht bis zu seinem eigenen Klo. Nachdem Bastian sich vergewissert hatte, er würde trotzdem auch einen Apfel bekommen, hüpfte er mit Begeisterung durch die Küche, bis ihm die Patentante am Schlafittchen packte und ihn über den Flur zum Klo schleppte, damit er endlich wieder ruhig stehen könnte.

Obwohl Eduard inzwischen wohl versorgt in seinem Bett lag, wollte der Schlaf sich einfach nicht einstellen. Das Gemurmel der Stimmen aus der Küche, das ihn oftmals in den Schlaf trug, empfand er heute eher als störend. Er machte sich Vorwürfe, weil er sich den Fußball doch nur gewünscht hatte, um zu beweisen, daß er der Größte werden kann, wenn er einen eigenen Fußball hat und nicht nur mit dem bunten Ball, der seiner kleinen Schwester und ihm gehört und viel zu weich ist zum Kicken, daß er dann, dann allen zeigen könne, was in ihm stecke. Und jetzt lag er hier im Dunkel, wußte, unten redeten sie auch über Siggi und Rosalie, über den schlagenden Vater, der sogar die Frau haute, das wußte er schon lange, das wußten alle, aber keiner sagte das vor ihm und der Siggi war wütend auf ihn geworden, als er ihn fragte, ob denn auch seine Mama schlagen würde. Drei Tage hat er dann nicht mehr mit Eduard gesprochen. Verdammt lange drei Tage, wo sie doch zusammen in einer Schulbank sitzen und der Lehrer Scheidle an keinem der Tage Anlaß sah, einen von beiden in die Ecke oder ganz nach hinten zu setzen.

Siggi kam am nächsten Tag nicht zur Schule, Bastian und Ferdinand waren gleich nach Schulschluß vorbeigekommen, um Eduard zu erzählen, daß das ganze Dorf und sicher auch die Dörfer ringsum nichts anderes mehr redeten, als über den Fußballschuß in sein Gesicht und daß der Ferdinand verboten bekommen hat, die nächsten Wochen Fußball zu spielen. Am liebsten wäre Eduard aus dem Haus geschlichen, um seinen Freund Siggi im Geheimversteck zu treffen, denn das Versteck diente Siggi auch als Zufluchtsort, um sich vor seinem Vater zu verstecken. Aber Eduard mußte im Bett still liegen bleiben und aus der Sorge um seinen Freund und sein schlechtes Gewissen, daß er Schuld daran habe, daß Siggi mal wieder Schläge einstecken mußte, wurde sein Haß auf den Fußball und sich selber größer.

Abends nach dem Abendessen kam seine Patentante nochmal vorbei, sie war zwar tagsüber schon immer mal wieder auf einen kurzen Sprung hier gewesen, und es erschien Eduard auch nicht sonderlich, sie unten in der Küche mit den Eltern sprechen zu hören. Aber als er sich runter schlich, weil er aufs Klo mußte, vernahm er die Stimme seiner Tante, keiner wisse wo das Mädchen sei, die Polizei sei eingeschaltet, sämtliche Klassenkameraden ausgefragt worden und ihm war schlagartig klar, das Verschwinden von Rosalie hat mit seinem Fußball zu tun. Mit ihm. Er schlich sich nach oben, kroch ins Bett und wollte sich am liebsten auf der Stelle verschwinden lassen, für immer, er haßte Siggi, wahrscheinlich hatte er seiner Schwester erzählt, daß die Hosen voll waren und sicher wolle sie ihn jetzt nicht mehr heiraten, da stand er ruckartig auf, nahm den Fußball unter dem Bett hervor, den er dort abgelegt hatte, damit er ihn nicht sehen konnte, lief ans Fenster mit dem Vorsatz, sich seiner zu entledigen, indem er ihn meilenweit wegwerfen würde. Kaum war das Fenster geöffnet, sah er jemanden unten stehen, der Richtung seinem Fenster blickte. Siggi. Ohne zu überlegen, raste er aus seinem Zimmer schnurstracks durch die Hintertüre auf Siggi zu und umarmte ihn.

Durch den Krach aufmerksam geworden, kamen die Eltern und die Patentante hinzu, die die beiden sanft aber bestimmt in die Küche führten. Siggi hatte ein geschwollenes Auge und schwer gerötete Wangen, als er sich partout nicht setzen wollte, sondern sich lieber nur an den Küchenschrank anlehnte, bedrängten die Eltern ihn nicht weiter. Eduard durchbrach das entstandene Schweigen, er hasse diesen Fußball, er sei schuld, er sei schuld und er redete sich gerade richtig in Fahrt über seinen Haß und seine Wut, als Siggi zu ihm hintrat, ihn umarmte und laut und deutlich sagte, mein Vater war schuld.

Gleichzeitig löste sich bei Siggi eine Sturzflut von Sätzen, aus denen zu vernehmen war, was am vorigen Abend geschah. Sein Vater habe ihn, als sie zuhause ankamen, aus dem Auto gezerrt, auf ihn eingeschlagen, weil seine Noten in der Schule zu schlecht wären, um auch aufs Gymnasium zu können, dies sollte ihm eine Lehre sein, nicht mehr herumzulungern, so wie er es ihm schon so oft gesagt habe. Da sei Rosalie auf ihren Vater losgegangen und hätte ihm in den Rücken geboxt, an den Haaren gezogen und so eine unglaubliche Kraft gehabt, daß als er sich umdrehte, sie ihm auch in den Bauch getreten habe. Sein Vater hätte daraufhin Rosalie an den Haaren über den Hof geschleift, und als die Mutter dazu kam, hätte der Vater sie beschimpft und solange auf sie eingedroschen, bis der Knecht ihn von ihr weggezogen hätte und seinem Vater mit einer Anzeige gedroht habe.

Rosalie und der Knecht hätten seine Mutter ins Haus gebracht, Rosalie hat sich um Mutter gekümmert und jeder hätte so getan, als wäre nichts geschehen, weil es ja auch nicht das erste Mal war, daß sein Vater um sich schlug. Morgens wollte Rosalie in die Schule gefahren werden, obwohl Mutter ihr anbot, zuhause zu bleiben. Sie hat mir den Zettel zugesteckt und gesagt, ich hol euch da weg, sei bloß still, bis du von mir hörst.

Siggi griff in seine Hosentasche, sagte, er wolle es nicht lesen und streckte den Zettel Eduards Mutter entgegen, er habe es noch keinem gezeigt. Auf dem Papier stand, sie, Rosalie würde wissen, Siggi würde den Zettel Eduards Eltern zeigen, sie sei jetzt in Sicherheit, denn sie wäre zu ihrer Tante nach München unterwegs und würde für immer da bleiben. Sie könne die Schläge nicht mehr aushalten, es sei ihr egal, ob es jetzt alle wissen würden. Und ob Eduards Eltern den Siggi solange behalten könnten, bis die Tante aus München kommen würde, ihn zu holen. Die Tante würde das sicher so wollen, denn sie hätten schon mal darüber gesprochen. Und den Eduard würde sie sehr gerne mögen. Rosemarie Kutterer.

Eduard weinte, die Patentante schniefte und umarmte abwechselnd Siggi und Eduard. Der Vater meinte, er sei mal kurz weg beim Bürgermeister, dauert nicht lang. Als er zurückkam, wurde beschlossen, der Siggi wohne erstmal bei der Patentante, weil er da wahrscheinlich nicht vom Vater gesucht werde, meinte der Bürgermeister, alles weitere klären wir morgen. Der traurige Blick von Eduard und Siggi und ein Stubser von Eduards Mutter veranlaßten ihn, darüber nachzusinnen, ob es denn vielleicht nicht besser wäre, wenn beide Buben heute Nacht bei der Patentante schlafen würden.

Während die Mutter und die Patentante damit beschäftigt waren, die Stubencouch für die beiden Jungs herzurichten, lief Eduard in sein Zimmer, um für Siggi einen seiner Schlafanzüge zu holen, als er das geöffnete Fenster bemerkte und den Fußball, der darunter lag. Er drückte den Fußball an sich, ich hasse dich, ich hasse dich nicht, aber jetzt gehörst du Siggi.

Eduard und Siggi haben am letzten Tag, bevor Siggi mit seiner Mutter nach München zog, den Fußball in ihrem Geheimversteck vergraben. Eduard beerdigte seinen Haß auf den Ball und Siggi besiegelte damit eine lebenslange Freundschaft.

Doris Mock-Kamm

Eduards Hass auf den Fußball (Teil 1)

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