Eduards Hass auf den Fußball (Teil 1)


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Eduard haßte. Haßte sogar seinen neuen Fußball aus Leder, schwarz-weiß, den er zu seinem zehnten Geburtstag von seiner Patentante geschenkt bekommen hatte. Seine Freude über den Ball dauerte gerade einmal einen Tag, dann stellte er fest beim Kicken mit ein paar Jungs, denen er voll Stolz über seinen neuen Ball erzählte und die sofort darauf bestanden ihn, den Ball doch einzuspielen, daß dieser Ball schuld war an seiner Wut und seinem Haß auf sich selbst. Egal wie er sich vermeintlich am besten den Ball vor die Füße holte, fast jeder Schuß ging daneben, seine Beine verdrehten sich in Stellungen, die er so nicht vorausgeplant hatte, sie folgten nicht seinem inneren Auge, das ihm die besten Schüsse zeigte, die die Spieler sonntags auf der Gemeindewiese leichtfüßig spielten.

Weder Siggi, sein bester Freund, der neben ihm in der Schulbank saß, wenn er nicht mal wieder vom Lehrer Scheidle entweder in der letzten Bankreihe sitzen mußte oder nahe der hinteren Fensterbank in der Ecke stand, und der sogar wegen diesem Spiel extra die fünf Kilometer von seinem Zuhause bis zum Spielanger gelaufen kam, hatten Verständnis für sein, jedenfalls empfand Eduard das so, Verbocken. Er war gerade dabei, den Ball fest an seinen Körper drückend, sich auf den Heimweg zu machen, als Ferdinand, dessen Vater eine Schusterei hatte und der als einziger richtige Kickerschuhe besaß, die er zwar von seinem Bruder bekommen hatte, weil sie ihm nicht mehr paßten, aber dennoch reichten diese Schuhe aus, um in Ferdinand einen richtigen Fußballer zu sehen, ihn dazu überredete, sich als Torwart zu versuchen, denn da würde er nicht wie die anderen Spieler übers Feld laufen müssen, und sowieso wäre Eduard doch ein super toller Fänger.

Also stellte sich Eduard ins Tor, schoß den Ball soweit er konnte aufs Feld und hatte ihn in seinem Gesicht, bevor er überhaupt registrierte, daß Ferdinand den Ball mit seinem linken Fuß abgefangen und ihn direkt ins Tor zurück befördert hatte. Die Wärme des Blutes, die über sein Gesicht floß, erhitzte seine leicht gerötete und aufgeriebene rechte Wange, so daß er meinte, den Kopf in einen Backofen gesteckt zu haben. Siggi schrie, Blut, da wußte Eduard, ich bin im Fegefeuer und fiel seitlich gegen den Torpfosten. Eduard haßte seine Freunde, denn anstatt seine Eltern zu informieren, rannte Gustav, der schnellste Läufer, aber auch der langsamste Denker an der gesamten Schule laut Lehrer Scheidle, zu Eduards Patentante, die nur zwei Häuser entfernt von Eduards Zuhause wohnte und schon seit seiner frühesten Erinnerung immer schon alt und gebrechlich war.

Sie kam mit Leiterwagen, völlig aus der Puste, Schweißperlen auf der Stirn und einer herrischen Stimme, was habt ihr bloß angestellt, ihr Lümmel, als Eduard die ersten Wahrnehmungen, deren er sich sicher sein konnte, daß sie auf keinen Fall im Fegefeuer oder in der Hölle möglich wären, denn die Jungs standen alle beklommen um ihn herum, er war fast eingekeilt zwischen dreckigen Schuhen, die er allesamt den jeweiligen Besitzern zuordnen konnte, und weil der Bastian mit seinen Latschen, die er sogar winters trug, dann eben mit mehreren Schichten selbstgestrickte Socken, hin und her hampelte und den Siggi fragte, ob er denn jetzt wo der Eduard vielleicht nicht mehr so schnell aufwachen würde, vielleicht sogar schon tot sei, ob es dann trotzdem schlimm wäre, wenn er, er müßte dringend pinkeln und würde es nicht mehr aushalten, er käme auch sicher wieder zurück, um für Eduard zu beten, da sah Eduard auch schon das leidliche Gesicht seiner Patentante, die ihn liebevoll mit ihren schwieligen Händen über die Stirn streichelte.

Nachdem sie Eduard die gröbsten Blutflecken aus dem Gesicht, von den Ohren sorgfältig abgewischt hatte und sich mit keiner Miene davor zurückschrecken ließ, als Eduard mörderisch aufschrie, weil sie seine Nase nicht besonders liebevoll abtastete, jedenfalls meinte Eduard fast schon eine schelmische Absicht zu erkennen, um ihm ein wenig zu foltern, forderte sie die immer noch, jetzt allerdings mit einem gewissen Abstand zu Eduard stehenden Jungs auf, Eduard ganz vorsichtig in den Leiterwagen zu legen, trotz versuchten Protestes seitens von Eduard, denn er sei doch kein Baby, aber da standen Siggi, Ferdinand, Gustav, Bastian, Hannes, Florian und Achim schon neben ihm, packten ihn an den Schultern, am Gesäß, an den Beinen und schon war er halb liegend in den Leiterwagen bugsiert, obwohl Bastian es sich nicht verkneifen konnte, weiterhin von einem Bein auf das andere zu wippen.

Eduard wurden sämtliche Kleidungsstücke, die die Jungs entbehren konnten, im Auftrag seiner Patentante hinter seinen Rücken gestopft, der Rest wurde über ihn gelegt, weil eindeutig zu sehen war, daß er die Hose voll hatte, aber alle taten so, als ob es keiner gesehen hätte, und ganz oben auf diesen Kleiderberg über seinem Bauch wurde der schwarz-weiße Fußball gelegt. Kurz zuvor, vorneweg die Patentante, die das Tempo vorgab und strengstens darauf achtend, daß die Jungs keinen Hügel übersahen, den sie rücksichtsvoll beachten sollten, damit Eduard nicht auch noch eine Gehirnerschütterung bekäme, hörten sie das Auto von Siggis Vater herannahen. Bevor Siggi reißaus nehmen konnte, hielt das Auto auch schon neben ihnen, und sein Vater schnaubte, Siggi einsteigen. Alle, selbst die Patentante wußten, morgen hätte der Siggi Probleme, ruhig auf der Schulbank zu sitzen, denn sein Vater war bekannt für seinen Jähzorn und das strenge Regiment, das er auf seinem Gutshof führte. Immerhin war er, so erzählte es Siggi, nur durch diese Härte zu seinem Reichtum gekommen, schließlich besaß er das einzige Auto im Dorf, das er extra gekauft hatte, damit Siggis ältere Schwester jeden Tag mit ihm in das Gymnasium gefahren werden konnte, obwohl es einen Bus gab, der die anderen Gymnasialkinder abholte.

Eduard sah beim Wegfahren das traurige Gesicht von Rosemarie, die aber von allen nur Rosalie genannt wurde, er wußte, sie litt ebenso wie die gesamte Familie unter ihrem Vater, und es war ihr peinlich, als einzige vom Dorf nicht mit dem Bus fahren zu dürfen und nicht nur das, ihr Vater verbot ihr seit dem Schulwechsel den Kontakt zu ihren Freundinnen. Vor etwa einem halben Jahr gestand Eduard ihr seine Liebe, und sie gab ihm einen sanften Kuß auf die Wange und sagte bloß, danke. Manchmal heimlich, wenn Siggis Vater nicht zuhause war, kam sie mit Siggi zu ihrem Geheimversteck, das Siggi und Eduard sich im nahen Wald zwischen dem Dorf und dem Hof eingerichtet hatten. Es war eine natürliche Waldbodenkuhle, die in einem kleinen Hang eingebettet war, dort oben träumten sie von ihrem Leben, das irgendwann sich einstellen würde, wenn sie erwachsen wären.

Fortsetzung folgt.

Doris Mock-Kamm

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