Von Eichhörnchen und anderen Tieren


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Des Eichhörnchens Freund ist die Nacht. Und so sitzt es an seinem gewohnten Platz, festgekrallt am Stamm einer eher kümmerlichen Kiefer und nur wenige Meter von der Fensterfront eines Plattenbaues entfernt. Mit seinen Knopfaugen starrt es unverwandt in den matten Lichtschein, der aus der Wohnung mit dem geöffneten Fenster dringt.

Am Fenster steht ein Mann, schwer atmend und darauf hoffend, daß die Nachtkühle seinen Schweiß trocknen möge. Er ist nicht besonders groß, recht muskulös, und nur der Bauchansatz deutet darauf hin, daß er dem Jugendalter entwachsen ist. Das Mädchen, hinter ihm, auf dem zerwühlten Bett, ist es nicht. Es ist darüber hinaus sehr blond, sehr zierlich und sehr nackt.

Ihre schmalen Schultern zucken rhythmisch, als sie, leise schluchzend vergeblich versucht, das umarmte Kopfkissen mit Tränen zu netzen.

Als sich der Mann umwendet, ist seine Erektion abgeklungen. Einen Augenblick spielt er mit dem Gedanken, das Mädchen noch einmal zu nehmen, doch der Morgen naht, und mit ihm auch anderweitige Verpflichtungen, die ein Mindestmaß an Schlaf voraussetzen. Er beugt sich über das Mädchen und dreht sie mit starken Händen einem Spielzeug gleich auf den Rücken, küßt flüchtig ihre wunden Brüstchen und abschließend ihre Stirn. Es sei Zeit für eine Mütze Schlaf, meint er. Und im Übrigen liebe er sie, was er wohl eben zur Genüge bewiesen habe, und, sie wisse ja, kein Wort…

Dann schlingt er sich ein Handtuch um die Lenden und verläßt beinahe lautlos das Zimmer. Das Mädchen gibt einen leisen Seufzer der Erleichterung von sich und wirft sich das Hemdchen über, mit dem Mann das Licht der Nachttischlampe gedämpft hatte.

Des Eichhörnchens Freund ist die Nacht und doch bekommt es nun besseren Einblick in das eigentlich helle und freundliche Refugium mit Bildern, Postern, Puppen und Bären. Das Mädchen liegt wieder bäuchlings auf dem Bett; es weint nun endlich richtige Tränen. Diese wieder tröpfeln, auch auf die Seiten eines jener ledergebundenen Büchlein, denen man mitunter seine Gedanken anvertraut. Und das Mädchen schreibt und weint sich darüber in einen tiefen, traumlosen Schlaf…

Des Eichhörnchens Freund ist die Nacht. Und doch hat es den Anschein, daß nun auch in seine winzigen Schauknöpfchen ein feuchter Schimmer getreten sei…

Es kann dann nur so und nicht anders geschehen sein: Wind kommt auf und zaust die Kiefer derart, daß ihre Äste beinahe die Fensterbank streifen. Im Nu hat der Eichkater dieses Podest erreicht und es irgendwann wohl auch geschafft, das schmale Büchlein über die Fensterbrüstung zu zotteln. Erst beim verwegenen Versuch, seinen Baum zu erreichen, entgleitet das Buch seinen Tätzchen und liegt nun, aufgeschlagen, mitten auf dem Fußweg, der rings ums Haus führt. Im Morgengrauen wird es schon gefunden und anfangs nur neugierig durchblättert, um den Besitzer festzustellen…

Des Eichhörnchens Freund ist die Nacht, und als man den Untersetzten abholt, ist die Neue noch nicht angebrochen, sonst hätte er vielleicht das Hörnchen lachen hören. Und seine Züge wären nicht von jener siegbewußten Heiterkeit geprägt gewesen, als er, einen leichten Mantel vorm Bauch, mit sanfter Gewalt durch eine kleine Menschentraube gedrängt wird. Und er hätte später in jenem Saale, in dem man ungefragt nicht straflos spricht, nicht versucht, einem verstörten Blondschopf einzureden, daß ihr Büchlein voller Phantasien sei…

Des Eichhörnchens Freund ist die Nacht, manchmal jedoch hat diese noch andere Freunde… Wasserdampf hüllt ihn ein, den Untersetzten, wenige Stunden vorm freien Gang durchs Doppeltor. Als harte Hände sehr zwingend zwischen seine Beine greifen und ihm gleichermaßen Mund und Nase verschließen, wird ihm schlagartig klar, daß er nun ernsthaft um seine Männlichkeit fürchten muß.

Peter Petereit

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