Neulich an einem Spätsommerabend


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Kein einziges Geräusch war ringsherum zu vernehmen, die Zeit schien stehengeblieben zu sein, während selbst die Luft bewegungslos verharrte, fast hätte man meinen können, dieser Moment würde einem Gemälde gleich ewiglich anhalten. An jenem Spätsommerabend irgendwo auf der nördlichen Erdhalbkugel tummelten sich Amseln auf dem Boden zwischen den ersten welken Blättern einer Rotbuche, die sichtlich kränkelnd ihr Dasein fristete. In anderthalb Meter Höhe zwei Buchstaben durch ein Pluszeichen getrennt den unteren Baumstaum keineswegs zierten, eingerahmt mittels einer Ahnung von Herzform.

Fraglich, ob die damalig Verliebten jetzt noch an jene Augenblicke gedachten, als sie umständlich mit des Taschenmessers Klinge die Initialen ihrer Namen in die Borke schnitzten. Völlig nutzlose Buchstaben verblieben, hastig Beauftragte hatten der mächtigen Buche ohnehin viel größeren Schaden zugefügt, einen weggebrochenen Hauptast nicht beachtet, so daß Nässe und Getier tief eindringen konnten in den zerfransten Krater. Ein deutlich sichtbar aufgemaltes gelbes X verriet ihr baldiges Ende, daß wohl im Herbst sie gefällt werden würde.

Den Amseln sollte dies egal sein, sie spielten unbedarft unter der alten Buche, der Platz füllte sich wieder mit Leben, zumal plötzlich wie aus dem Nichts eine rot-weiße Katze mit einem einzigen Satz einen Altvogel erwischte, der nicht rechtzeitig von dannen geflogen. Das bestialische Spiel eines langsamen Todes ihm bevorstand. Aus sicherer Entfernung seine Artgenossen mitlitten, sich bei ihnen erneut einprägte, daß Wachsamkeit oberstes Gebot.

Wir mögen kaum die Beweggründe natürlicher Kreisläufe gänzlich durchschauen, wieso diese grazilen Säugetiere ein derart erbarmungslos sich hinziehendes Todesspiel trieben. Nachdem nur noch ein paar Federn eine Restspur des Singvogels verrieten, verschwand die Katze mit erhobenem Schwanz. Eine Windböe wirbelte den welken Blätterhaufen auf, die Abendsonnenstrahlen tauchten den Platz in ein Hauch von Lila und eine Haussperlingschar flog aufgeregt zwitschernd davon.

Numehr läuteten die Glocken, kündigten eine volle Abendstunde an. Eine Marderfamilie durchstreifte den Ort, witterte neugierig die Restspuren der Katzenmahlzeit, rannte ungeheuer schnell, ähnlich wie Eichhörnchen den Buchenstamm empor, tobte im weitläufigen Geäst, verließ den Laubbaum kurz darauf in Windeseile und suchte sich neue Herausforderungen. Das Knarren eines Eisentores durchbrach die kurzweilige Stille, eine alte Frau betrat leicht gebückt den Platz, setzte sich umständlich auf eine Bank, die vor Jahren schon von der Gemeinde gespendet worden war. Nicht weit entfernt lag der Dorffriedhof, den sie allabendlich aufsuchte.

Drei Jahre lag es zurück, daß ihr Berthold das Zeitliche gesegnet hatte, mußte aber nicht leiden, war einfach des morgens nicht mehr aufgewacht. Da saß sie nun und erinnerte sich vergangener Tage. Mit einem leichten Grinsen im faltigen Gesicht durchlebte sie erneut ihre ersten zaghaften Treffen mit Berthold, die Eltern durften nichts davon erfahren, dachte sie und fragte sich zugleich, warum eigentlich? Jedesmal folgten diese Rückerinnerungen auf dieser Bank unter der alten Buche. Zuhause geschah dies eher sporadisch, wenn überhaupt. Hier draußen konnte sie abschalten, kehrte Gelassenheit ein. ‚Vielleicht hilft mir auch die Buche‘, überlegte sie kurz, entschloß sich aber, lieber wieder aufzustehen, der Weg nach hause wurde für sie in letzter Zeit immer beschwerlicher, und der Tag neigte sich seinem Ende.

Langsam kroch sie dahin, erreichte die mächtigen Wurzeln der Buche, ihr Erdloch konnte man kaum erkennen, doch die Rote Wegschnecke wußte zielsicher ganz genau, wo es sich befand. Die letzten Sonnenstrahlen verblaßten, die Nacht stand bevor, um mit ihrem dunklen Schleier alles in den Schlaf zu tauchen, außer den nachtaktiven Tieren wie Eule oder Fledermaus.

Lotar Martin Kamm

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