An der spannendsten Stelle ist Schluss


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„Stefanie, vergiß nicht, wir wollen spätestens in einer halben Stunde losfahren!“
„Was?“
„Stefanie, wir fahren in einer halben Stunde, bis dahin solltest du gerichtet sein!“
„Ja!“
Es ist doch erstaunlich, sie weiß wohl immer genau, an welcher Stelle es in meinem Buch am spannendsten ist. Keine Minute, ach was, keine Sekunde vorher und nachher, immer am spannendsten Punkt. Sie hätte auch rufen können, als ich den Abschnitt las, indem Luigi Antoniotti bei Frühstücktisch seiner 15-jährigen Tochter ausdrücklich verboten hat, sich mit den Losern, wie er ihre Freunde nennt, nachmittags am Strand zu treffen. Tochter, Vater Disput am Morgen, nichts besonderes, Tochter versteht Vaters Argumente nicht, Vater verbietet sich ein Zuwiderhandeln seiner Ermahnung.

Aber gerade jetzt ist Luigi Antoniotti auf dem Weg zu einem neuen Hinweis in der von ihm ermittelnden Fall der Geldwäsche, die bis in die höchsten Regierungskreise führen, aber auch in den Schlund der Kleinkriminalität rund um den Marktplatz und in den Vororten. Eine Stimme flüsterte ihm, als er seinen ersten Schluck Kaffee im Büro trank, ins Ohr, nachdem er sich nach mehrmaligem Klingeln doch dazu entschloß, den Telefonhörer abzunehmen, er solle in der S. Magdalena Straße unter dem Verkaufsständer, der vor dem Spirituosenladen von Manolo steht und eine Weinflasche darstellt, die vor allen Dingen dazu dient, die Touristen in seinen Laden zu führen, nach einer kleinen auf rosa Papier geschriebenen Notiz nachgehen, die ihm sicherlich einen großen Schritt weiter in seinen Ermittlungen bringen würde.

Luigi Antoniotti kam die Stimme bekannt vor, vielleicht gerade deshalb, weil sie durch den Flüsterton seine ganze Aufmerksamkeit verlangte, und er war sich fast sicher, diese Stimme kann nur von Guiseppe, dem Verkäufer bei Manolo, stammen, der erst seit wenigen Monaten urplötzlich diesen Job übernahm, nachdem Francesco, der fast als eigener Sohn von Manolo angesehen wurde, nicht mehr aufgetaucht war und auch seine Frau noch Verwandte etwas über seinen Verbleib zu wissen schienen, jedenfalls hüllten sich alle in Schweigen, es wurde gemunkelt, er hätte sich mit einer Liebschaft in die Staaten oder Karibik abgesetzt, Gelegenheit sich nebenbei Geld auf die Seite zu packen, schien er gehabt zu haben, glaubt man Stella und ihren Kolleginnen, die nicht gerade bereitwillig ihre Aussagen zu Protokoll gegeben haben, nachdem Luigi Antoniottis Arbeitskollege Franco, der in diesem Fall ermittelte, sie unter Druck gesetzt haben soll, da er unbedingt einen Fahndungserfolg nachweisen wollte, soll Francesco doch auch, man fand seine DNA an mehreren Zigaretten, die in der Wohnung des entführten Stadtrats Parelli nicht nur in den Aschenbechern, sondern auch auf den Wegen der weitläufigen Anlage seiner Villa lagen, und man nicht hundertprozentig ausschließen konnte, ob Francesco DNA-Spuren nur darauf zurückzuführen sind, weil er für Manolo auch den Fuhrdienst übernahm, um die Spirituosen, aber auch teure Tabakwaren an die Lieferadressen zu bringen.

Diesen Gedankengang behielt Luigi Antoniotti aber für sich, als er seinem Kollegen kurz die Info gab, daß er einen Hinweis nachprüfen werde, der ihm gerade zu Ohren gekommen war und fuhr direkt ohne den Umweg über die Stadtbahn durch die kleinen engen Straßen zu Manolos Laden, der in der S.Magdalena Straße fast am Ende zum großen Marktplatz sich befand, über den schon seit vielen Jahren kein Auto mehr fahren durfte, damit die Touristen in den umliegenden Hotels und Pensionen nicht durch Autolärm genervt werden sollten, nunmehr aber durch die vielen Bars und Restaurants genauso keine richtige Nachtruhe finden konnten, und die Parkplatzsituation verheerende Auswüchse annahm, da viele ihr Auto geradewegs in den engen Straßen auf den Bürgersteigen parkten oder sogar in zweiter Spur, sodaß Polizei-, Kranken-, Feuerwehrwagen immer öfters Probleme haben, zum Einsatzort zu gelangen.

Luigi Antoniotti stellte seinen Wagen deshalb in zweiter Reihe, einen blauen Ford damit behindernd, wegfahren zu können, aber er hatte ja auch nicht vor, stundenlang sich vor Manolos Laden aufzuhalten, sondern wollte die rosa Notiz, sollte sie sich wirklich unter dem Werbeständer befinden, an sich nehmen, sie wenn möglich kurz analytisch in die Puzzleteile, die bisher zu dem Fall der Geldwäsche zusammengetragen wurden, einfügen und daraufhin wieder in sein Büro zurückfahren, denn er hatte fast vergessen, daß heute Vormittag das Verhör von Simone De Angelis fortgeführt werden sollte, das unterbrochen worden war, weil Simone De Angelis einen Schwächeanfall erlitt bei seiner letzten Vernehmung und deshalb zwei Tage im Gefängniskrankenhaus behandelt worden war und der vormittägliche Termin kurzfristig anberaumt worden war, weil der Staatsanwalt, wie alle Kollegen, die mit dem Fall betraut wurden, von oberster Stelle die absolute Priorität für diesen Fall unmißverständlich mitgeteilt bekommen haben und deshalb eher eine völlige Unruhe und gegenseitiges Belauern auslöste zwischen den einzelnen Kollegen, die in diesen Fall involviert waren.

Und weil ihm das erst wieder während der Fahrt einfiel, war er über sich selbst erbost, da er eigentlich, um diesem Verhör noch pünktlich von Anfang an beizuwohnen, sofort eine Kehrtwende hinlegen sollte und über der Stadtautobahn sämtliche Tempovorschriften ignorieren mußte, um wenigstens die Hälfte der Aussagen, die Simone De Angelis hoffentlich bereit war zu tätigen, mit eigenen Ohren zu hören.

Die rosa Notiz war schon von weitem zu sehen, denn sie war ein DIN A4 Blatt, das nur mit einer kleinen Ecke vom Werbeständer festgehalten wurde. Luigi Antoniotti brauchte also sich nicht die Mühe zu geben, den Werbeständer hochzuheben oder zu verschieben, das rosa DIN A4 Blatt war mühelos aufzuheben, so daß er es quasi im Vorbeigehen nur pflücken brauchte, es aber nicht vor aller Augen lesen wollte, deshalb formte er es langsam zur Notizbuchgröße, als er wieder Richtung Auto ging, in dem Moment fuhr seine Tochter auf dem Rücksitz eines Motorrades und auch noch ohne Helm, aber den Mann engumschlungen, der mit dem Motorrad vom Marktplatz kommend geradewegs an ihm vorbeifuhr.

„Stefanie, wo bleibst du denn, wir müssen los!“ „Stefanie!“
„Ah, genau das meine ich, immer an der spannendsten Stelle, so als ob sie heimlich mitlesen würde, verdammt! Komme gleich, Moment!“

Doris Mock-Kamm

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