Gesellschaft: Berufsleben zerstörerischer als man wahrhaben möchte


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Der Preis einer Leistungsgesellschaft

Wer kennt es nicht, dieses Gleichnis: Wie ein Fels in der Brandung hast du deinen Mann zu stehen. Inzwischen ist die Frau ihm ohnehin schon lange ebenbürtig im Berufsleben, wenn auch weiterhin mieser bezahlt, um Familie, Beruf locker zu meistern. Einfach die Ellenbogen verwenden, per Mobbing erreichst du genau das, was dir zweckdienlich den Berufserfolg garantiert, potentielle Konkurrenten werden gnadenlos verdrängt.

Diese Rechnung mag für viele aufgehen, aber sie hat ihren extrem hohen Preis, dessen eigentliches, tragisches Ausmaß tatsächlich niemand wirklich benennen kann: Die Menschen leiden dabei völlig unnötig. Dies drückt sich in ganz verschiedenen Konstellationen aus, eben weil wir Menschen auch sehr unterschiedlich sind. Zu meinen, man könne die Psyche einfach so mal austricksen, eventuell sogar mit Pillchen oder Drogen ihr ein Schnäppchen schlagen, kann sich ganz schnell als gefährlichen Trugschluß erweisen. Sowohl unser Seelenleben als auch der Körper merken sich alles, was wir uns antun. Dies sollten wir uns wie ein Logbuch oder einen akribischen Speicher vorstellen.

Nicht der Mensch steht im Vordergrund, sondern die Wirtschaft

Das bloße Registrieren psychischer Erkrankungen kann keineswegs zielführend sein, und selbst die kurze Beschreibung darüber sowie über die Forderung, die Unter- und Fehlversorgung der Betroffenen müßten doch durch eine schnellere und frühere Behandlung verhindert werden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, was die ursächlichen Gründe anbelangt. Sie sind nicht einfach durch Therapien, Kuren im Zusammenspiel von Psychopharmaka zu beseitigen. Die Ursachen haben ganz viel mit unserer völlig verkehrt gelagerten Berufsgesellschaft etwas zu tun.

Stets hat der Mensch im Vordergrund zu stehen, und die Wirtschaft sich nach ihm zu richten, die Praxis handelt exakt umgekehrt. Das hinterläßt deutliche Spuren, die in Magersucht, Bulimie, Hyperaktivitätsstörungen, Ängste, Depressionen bis hin zum Burnout-Syndryom münden können. Da die Berufswelt schon in den Schulen ihren eigentlichen Beginn hat, denn diese muß sich ihr unterordnen, das Schulsystem richtet sich nach dessen wirtschaftlichen Bedürfnissen, dürfen wir uns nicht wundern, daß auch Kinder und Jugendliche zu den Betroffenen zu zählen sind.

Ständig haben wir uns alle der Leistungsgesellschaft zu stellen, dies bedeutet kaum noch Pausen im Sinne von Urlaub und Freizeit. Bei eigentlich sinkendem Einkommen bis hin zur totalen Verarmung spielen Existenzängste eine erhebliche Rolle, sind weitgehend Verursacher vieler psychischen Erkrankungen. Es macht eben keinen Sinn, die realen Sorgen einfach wegzudenken, sie begleiten uns ständig und überall bis hinein in unsere Träume. Das Unterbewußtsein leidet dabei wesentlich schlimmer, weil es fast alle körperlichen Funktionen zu steuern hat.

Exakt deshalb reagiert es um so heftiger, schafft sich den Freiraum notfalls sogar den Körper schädigend, nur um seinen Seelenfrieden zu erlangen. Ein Gemisch aus Hohn, Spott und beruflicher Aussichtslosigkeit führt natürlich ebenso zu heftig psychischen Reaktionen, die in Krankheiten münden. Und die Politik der Regierenden trägt fleißig dazu bei, weiterzuschüren, in dem mehr Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger verhängt werden, anstatt deeskalierend zu handeln. Wobei diese sich ohnehin als falsch aufgrund schlampiger, unqualifizierter Entscheidungen des ARGE-Personals entpuppt haben. Hauptsache durch „deutsche Gründlichkeit“ wird gehandelt.

Humanes Wirtschaftssystem eine utopische Wunschvorstellung?

Mitnichten. Eher berechtigt in unserer Gesellschaft, die sich nur noch nach den Leistungsvorgaben der Wirtschaft richten will. Diese muß daher erkranken, hat keine Chance, sich zu erholen. Wer drei mal im Jahr mit Urlaub sich Erholungspausen vom Berufsleben gönnt, neben Nanny, Koch und Gärtner mal eben sieben Kinder mit Beruf vereinbaren darf, wobei das nicht nur unsere ehemalige Bundesministerin für Arbeit und Soziales betraf, hat gut reden, darf sich glücklich schätzen von psychischen Erkrankungen viel eher nicht betroffen zu sein.

Ob dies Kinder ohne Eltern oder zumindest ohne einen Elternteil die ersten drei Lebensjahre einfach so „wegstecken“, weil sie dann sehr früh von Fremdpersonen betreut werden, bleibt mal dahingestellt; nur weil das im anderen deutschen Staat völlig einfach so gehandhabt wurde, sind noch lange nicht die zwischenmenschlichen Nachteile berücksichtigt worden, das enge Band zwischen Mutter/Vater und Kind muß schon „geknüpft“ werden.

Ein folgerichtiger Weg war die 35-Stunden-Woche beispielsweise. Mehr Freizeit stand im Vordergrund, per Rückbesinnung der Gesellschaft wieder mehr Menschlichkeit zu gönnen, damit die Seele wieder baumeln darf. Das sollte unser Ziel sein, statt eine nimmersatte, maximal gewinnorientierte Wirtschaftspolitik uns alle unterordnet, das Joch, die Last ist zu schwer, der Mensch erkrankt, physisch und auch zunehmend psychisch. Der volkswirtschaftliche Schaden ist im übrigen geringer, wenn wir an das marode Gesundheitssystem denken, wäre er dabei eigentlich fast gänzlich zu vermeiden mit der Umsetzung eines humaneren Wirtschaftssystems.

Lotar Martin Kamm

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