Binsenweisheit nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss


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Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch

Jeder scheint eine unbegrenzte Auswahl in seinem Sprachschatz zu besitzen, formuliert sie, teilweise in einer etwas anderen Weise, damit sie in ihrer Aussage dem entsprechen, wie der Sprechende die Welt sieht oder wie die Welt zu sein hat.

Die Binsenweisheit oder Binsenwahrheit hat sicher schon immer die Welt bereichert mit neuen Erkenntnissen, die absolut der Wahrheit entsprechen und deshalb nicht mehr angezweifelt werden können. Von niemanden, denn sie besitzen Allgemeingültigkeit, sind von vielen geprüft und von allen als wahr befunden worden, sie sind eine bekannte Tatsache, der Weisheit letzter Schluß.

Vielleicht haben Sie diesen Begriff schon lange nicht mehr gehört, denn mit Allgemeinplätzen will keiner mehr so richtig zu tun haben, da jeder für sich in Anspruch nehmen möchte, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen. Irgendwie paßt das vermehrte Aufkommen von „Weisheit strotzenden Menschen“ in unser Zeitgeschehen. In einem Zeitgeschehen, daß geprägt ist von unzählig vielen Problemen und Fragen und von wenigen Antworten. Daß es dem Anschein nach weniger Antworten gibt, liegt nicht an der Menge der Antwortmöglichkeiten, sondern an der „Zulassung“ von Lösungsvorschlägen. Das ist nicht verwunderlich, denn viele Menschen möchten gewisse Antworten nicht gelten lassen, die wider ihrer Lebenseinstellung oder gegen das Gewohnte und Althergebrachte, deshalb Bewährtes zu sein scheinen.

Woher kommt der Begriff: Binsenweisheit, Binsenwahrheit? Um es vorweg zu nehmen, es gibt mehrere Auslegungen über das Zustandekommen der Binsenweisheit. Irgendwie erbaulich, oder nicht?

Laut einem Gleichnis aus dem Altgriechischen wuchsen König Midas Eselsohren, die er mittels seiner Haare verbarg. Einzig der Barbier hatte Kenntnis davon, und es wurde ihm strikt untersagt, dies Geheimnis zu verraten. Nun war dem Barbier dies Geheimnis wohl zu erdrückend, aber um sich nicht einer Strafe auszusetzen, schrie er das Geheimnis der Eselsohren, die König Midas unter seinen Haaren versteckte, in ein Erdloch. Um das Erdloch herum wuchsen Binsen, die es durch ihren „Flüsterton“ weitererzählten und dadurch in die ganze Welt hinausposaunten. (Wenn der Wind durch die Binsen streift, ergeben sich Laute, die man als „flüstern“ bezeichnen kann.)

„Nodum in scirpo quaerere“, einen Knoten an der glatten Binse suchen, in etwa gleichbedeutend mit, Schwierigkeiten suchen, wo keine sind. (Binsen haben keine Knötchen am Stengel im Gegensatz zu andern Gräsern.)

Möglicherweise ist die Binsenweisheit aber auch aus dem Jiddischen in unseren Sprachgebrauch aufgenommen worden. „Bienemes“ kann mit die Wahrheit begreifen übersetzt werden. Seit etwa dem 16. Jahrhundert ist die „Binsenwahrheit“ zum festen Begriff geworden, um eine Selbstverständlichkeit zu unterstreichen.

Viel schlauer sind wir jetzt vielleicht nicht geworden, bei der Frage, was mehr Weisheit, Wahrheit ausdrückt, die Binsenweisheit, die Redensart, das Sprichwort oder die Wahrheit, Weisheit als eigenständige Wörter schlechthin.

Das wirklich Einzige, das uns zur Weisheit, Wahrheit führen kann, ist die Fähigkeit, selbst „allgemein Gültiges“ zu hinterfragen. Sich nicht darauf verlassen, daß es „der Weisheit letzter Schluß“ gibt, auch wenn dies bequem ist. Denjenigen keinen Glauben schenken, die aus Überzeugung neues Wissen, neue Methoden, neue Inspirationen ablehnen, nicht annehmen, weil sie ansonsten befürchten, ihren Status, ihre Glaubwürdigkeit, ihre Überzeugung zu verlieren.

Und sollten Sie jemanden treffen, für den „errare humanum est“ keine Allgemeingültigkeit besitzt, dann kann man Ihnen nur wünschen, daß Ihnen keine Eselsohren wachsen.

Errare humanum est, sed in errare perseverare diabolicum.

Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch.

Doris Mock-Kamm

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