Wes Lied ich sing


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Liederlichkeit geht viel eher um die Welt

„Laßt uns Lieder singen und fröhlich sein!“ Mehr oder weniger zu jedem Anlaß gibt es Lieder, sei es um die Stimmung zu heben, zu untermalen, sich Mut zu machen, und natürlich auch um „die Sau rauszulassen“.

Letzteres versinnbildlicht (zu Unrecht in Bezug auf das Wesen der Schweine) das Suhlen im Dreck, im Morast, sprich ohne Anstand, Moral, Rücksichtnahme. Ein Feiern, ein Ausleben feuchtfröhlicher Triebe, mitunter gegen alle Konventionen, entbunden jeglicher Norm, sich nur noch den Instinkten nach Befriedigung hingebend.

Wenn zu der Melodie, der Musik, ein simpler, sich wiederholender Text, der einprägsam für viele ist, sich hinzugesellt, dient dieser zur Untermalung, um sich „gehenlassen“ zu können. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn das Wort liederlich für solche oder ähnliche Ausschweifungen, Bemerkungen eingesetzt wird. Für liederlich können wir auch frivol, hemmungslos, sittenlos, verdorben, unzüchtig, nachlässig, schlampig, verdorben, schamlos, korrupt, unmoralisch einsetzen.

Die genaue Wortherkunft von Lied ist nicht mehr nachvollziehbar und wird wohl immer das Geheimnis unserer Vorfahren bleiben, aber in Bezug auf liederlich liegen die Meinungen der Sprachwissenschaftler nicht weit auseinander. So war liederlich im mittelhochdeutschen Sprachgebrauch oberflächlich, schlaff, schwach. Die negative Positionierung des Wortes Lied rührt laut Grimms Wörterbuch: „aus dem begriffe des fröhlichen hat sich der des sorglosen, überlegungslosen, leichtsinnigen häufig herausgebildet“.

Das Lied ist also an und für sich ein Ausdruck für Fröhlichkeit, vielleicht auch Glücksempfinden, Sorglosigkeit und kann dadurch, wie eingangs bereits geschrieben, als Mutmacher, Kraft verleihender Antrieb angesehen werden. Wer hat nicht schon einmal, als ihn die Angst beschlich, leise oder laut ein Lied vor sich hergesungen? Oder denken wir an die Lieder, die gemeinsam auf den Feldern, bei schwerer Arbeit gesungen wurden und damit gleichzeitig eine neue Stärke hervorgebracht haben, die die Arbeit erleichterte. Nach Überlieferungen sollen die in den Arenen des alten Roms zu Tode verurteilen Christen oftmals gemeinsam Lieder angestimmt haben, als Löwen auf sie losgelassen wurden.

Jedes Ding hat zwei Seiten, scheint sich also ebenso auf das Lied zu beziehen. Das Lied kann harmonische, stärkende Gefühle auslösen genauso wie triebhafte selbstvergessene, leichtsinnige Triebe.

Die Liederlichkeit, die sich vermehrt im umgangssprachlichen Ton anscheinend manifestiert hat, denken wir an einfache sich einprägende Phrasen, bissig-sarkastische Argumentsverdrehungen bis in die höchsten politischen Debatten, zeigt eine hemmungslose, nachlässige Kommunikationskultur, die wie eine Welle sämtliche Konventionen umwirft.

Nicht ein Lied geht um die Welt, sondern Liederlichkeit. Interessanterweise hauptsächlich gesungen von den Vertretern, die für Moral, Anstand, Sitte sich dieser Form des Austausches, besser des Aufmerksamkeit Erhaschens bedienen. Wenn durch Liederlichkeit eine starke Präsenz einer Persönlichkeit hofiert wird, so ist dies ein Zeichen für das Ende einer auf Gemeinschaft basierenden Gesellschaft. Denn keine Persönlichkeit, die unter Applaus für ihre Liederlichkeit Streicheleinheiten bekommt, wird sich dieses Zepter aus der Hand nehmen lassen. Sie brauchen den anfeuernden Kick des Publikums, um sich in ihrer Haut bestätigt zu fühlen und werden jede Art von Einflußnahme von sich weisen, da das Suhlen im Morast ihnen weiterhin die nötige Beachtung schenken wird, völlig egal wes Lied sie singen.

Wer über diese Stärke, die die Liederlichkeit hervorbringen kann, lächelt, der möge vielleicht sich anhand von bestehender Literatur sich informieren über gewisse hierarchische Verhältnisse von Bandenstrukturen, von Herrschaftsverhalten in fast allen Epochen.

Vergessen wir aber trotzdem nicht, das Lied hat nicht nur eine Möglichkeit, steht nicht nur für eine Gefühlsart, jeder von uns kann sich entscheiden, wes Lied er singt.

Doris Mock-Kamm

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Eine Antwort zu Wes Lied ich sing

  1. gkazakou schreibt:

    Mir kam zu Lied und Liederlichkeit sofort das Gedicht von Nikolaus Lenau in den Sinn (1838)
    Liedtext

    Drei Zigeuner fand ich einmal
    liegen an einer Weide,
    als mein Fuhrwerk mit müder Qual
    schlich durch die sandige Heide.

    Hielt der eine für sich allein
    in den Händen die Fiedel,
    spielte, umglüht vom Abendschein,
    sich ein feuriges Liedel.

    Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
    blickte nach seinem Rauche,
    froh, als ob er vom Erdenrund
    nichts zum Glücke mehr brauche.

    Und der dritte behaglich schlief,
    und sein‘ Harfe am Baume hing,
    über die Saiten ein Windhauch lief,
    über sein Herze ein Traum ging.

    An den Kleidern trugen die drei
    Löcher und bunte Flicken,
    aber sie boten trotzig und frei
    Spott den Erdengeschicken.

    Dreifach haben sie mir gezeigt,
    wenn uns das Leben umnachtet,
    wie man’s verraucht, verschläft und vergeigt
    und wie man es dreimal verachtet.

    Nach den Zigeunern lange noch schau’n
    mußt‘ ich im Weiterfahren,
    nach den Gesichtern dunkelbraun,
    nach den schwarzlockigen Haaren.

    Gefällt 2 Personen

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