Geltungsbereiche alles andere als zufällig


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My home is my castle und Gebräuche in der Praxis

Hier gelten meine Regeln, denn my home is my castle. Mein Wort hat hier Geltung, ist gültig. Klingt ziemlich herrisch, nach diktatorischem Verhalten, dem sich alles andere unterzuordnen hat. In der ein oder anderen Familie, Gesellschaft mag dies Gültigkeit haben und zeigt den Dominanzanspruch einer oder mehrerer Personen, die von allen anderen erwarten, sich ihren Regeln, Verhalten, Meinung anzupassen.

Sicher ist eine gewisse Bereitschaft, die Normen und Regeln innerhalb eine Familien- Gesellschaftsstruktur anzunehmen vonnöten, um nicht permanent unter Streß, Auseinandersetzungen und Streitigkeiten zu leben. Schon kleinste Details können zu Spannungen führen, denken wir nur daran, welchen Aufruhr es verursachen kann, mit Dreck, Schlamm verschmierten Gummistiefeln in die Wohnung zu laufen. Nicht beim Essen schmatzen, sich nicht die laufende Nase am Ärmel abzuwischen, sind kleine Regeln, die wir zumindest beherrschen, wenn wir nicht allein am Tisch sitzen.

In den 50-60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren Männer selten ohne Hut auf den Straßen zu sehen, Frauen trugen Kittelschürzen gar beim Einkaufen, man trug mindestens ein Jahr schwarze Kleidung, wenn ein naher Verwandter starb, dies sind kleinste Details einer Gesellschaftsstruktur und sie hatten, wenn auch nicht überall, ihre Geltung. Verkürzt kann man sagen: andere Länder, andere Sitten.

Gelten, althochdeutsch, geltan, zurückerstatten, opfern, ursprünglich entrichten, erstatten, wahrscheinlich in Bezug zu heidnischen Opferdiensten, Zahlungen von Bußen und Abgaben, mittelhochdeutsch gelten, zurückzahlen, wert sein, für etwas büßen. Heute im Gebrauch für, gültig sein, wert sein, von Bedeutung, Wichtigkeit sein, sich handeln um, unabänderlich sein, angesehen, betrachtet werden.

Geltung bedeutet, Gültigkeit, Aussagekraft, Achtung, Anerkennung, Wirkung, Gewicht, Autorität, Verbindlichkeit, die Geltungssucht unterstreicht das Streben nach Ansehen und Wertschätzung.

Wenn wir versuchen, den ursprünglichen Sinn von gelten, nämlich opfern, zurückerstatten in unser jetziges Verständnis des Wortes mit einzubeziehen, so kann man nicht umhin, zu erkennen, daß eine gewisse „Opferbereitschaft“ in der Wortbedeutung beinhaltet ist. Denn wenn ich einen „Geltungsbereich“ annehme, etwas gelten lasse, so bedeutet es nicht, eine hundertprozentige Einwilligung, Übereinstimmung, sondern eine Bereitschaft zum Einverständnis einer Regel, einer Meinung, einer Sitte.

Wir lassen gelten, weil wir einen Sinn erkennen oder jemanden achten, ihm Respekt zollen, ohne dazu gezwungen worden zu sein, das heißt aber auch, wir haben ein kleines Stückchen von unserem eigenen Gefühl, unserer Meinung für das Wohlbefinden eines anderen aufgegeben, um uns gemeinsam gut zu fühlen. Dies ist ein „Opfer“ wert.

Nun nützt, wer weiß das nicht, ein Opfer oder Bußzahlung wenig, wenn etwas nicht aus freien Stücken mitgetragen wird. Dies mag kurzfristig eine Situation entspannen, wird aber höchstwahrscheinlich zu einem anderen Zeitpunkt umso massiver zu einer Konfrontation führen. Und wie so oft im Leben, wenn ich etwas gut finde, liebe, es gern habe, ist es leichter, „gelten zu lassen“. Dies bedeutet, schließt ein, daß ich vertraut bin mit dem Gegenüber, der Regel, der Sitte, und beinhaltet gleichzeitig das Bemühen, das Verständnis der Geltung. Dies funktioniert am besten ohne Herrschaftsanspruch, denn erzwungene „Opferbereitschaft“ hat nichts mit Gültigkeit zu tun, sondern mit diktatorischer Geltungssucht.

Nur wer sich der Mühe unterzieht, andere, anderes kennenzulernen, vertraut zu werden, der hat die Geltung, das „Opfer“ des Verstehens und Respektierens verstanden und trägt damit zu einem friedlichen Leben in „my home is my castle“ bei.

Doris Mock-Kamm

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4 Antworten zu Geltungsbereiche alles andere als zufällig

  1. gkazakou schreibt:

    mir scheint auch eine Bedeutungsähnlichkeit mit Geld vorzuliegen: Geld ist ein Wechsel oder Schuldschein, dessen Geltung auf Einverständnis (Vertrag) beruht.

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    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Gerda, du hast völlig recht, Geld ist abgeleitet von gelten, althochdeutsch gelt, Zahlung, Lohn, Vergeltung. „Früher“ (in Anführungszeiten), weil es eigentlich nicht so lange her ist, sagte man oft: Vergelt´s Gott. In etwa die Bedeutung, mein Dank ist zu wenig, Gott möge es dafür gut mit dir meinen. Also die Zahlung, Dank wird dir von höherer Stelle zugute kommen oder Gott möge es dir vergüten. Mir war der Bezug zu „opfern“ in dem Wort gelten nicht bekannt, sehe aber den wichtigen Aspekt, der dadurch in Bezug zu „Zahlungen“ steht, denn es wird hiermit auch auf die Bereitschaft hingewiesen, daß der Besitz (Geld), den ich habe, nicht als „Opfer“ im negativen Sinn, sondern als Dank für etwas weitergebe. Liebe Grüße Doris

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  2. Gerhard Kugler schreibt:

    Zum Artikel passt einer, den ich über „Herrschaft oder Streiten“ geschrieben habe: http://www.erlebnisoffen.de/demokratie/herrsch_streit04.pdf

    Gefällt 2 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Lieber Herr Kugler, Herrschaft kann nur dort Fuß fassen, wenn die Herrschaft als unabdingbare Vorraussetzung in einer sozialen Struktur angesehen wird. Meistens ist dies der Fall, wenn die Herrschaftsbegünstigten ihren Meinung-, Wissensanspruch nicht einfordern. Dafür kann es mehrere Gründe geben. Mit einer der Gründe ist allerdings die Unfähigkeit der Streit-Kommunikation. Diese Fähigkeit ist nur wenigen Menschen von Geburt an gegeben, es ist deshalb von Wichtigkeit, in den Kindergärten, Schulen, Betrieben „Gesprächsführung“ zu erlernen. Da es aber noch nicht im Bewußtsein der Menschen verankert ist und Lösungswege eines Konfliktes Zeit in Anspruch nehmen können, ist es nicht nur wirtschaftlich, sondern oftmals auch sozial, einfacher, einen „Herrscher“, „Bestimmer“ einzusetzen, um wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Und leider scheinen, vielleicht durch die Jahrhunderte bedingt, viele Menschen nicht gewohnt zu sein, ihre Entscheidungen eigenverantwortlich übernehmen zu können. Wie sonst ist es erklärbar, daß bis heute nicht der „Wert“ eines Menschen anhand seines Charakters und seiner Handlungen gemessen wird, sondern sein Status (egal ob von Geburt oder durch ein Amt), sein Vermögen (egal ob geerbt oder durch was auch immer vorhanden) als Wertbemessung herangezogen wird. Ich werde ihren Text die nächsten Tage ausführlicher durchlesen und nicht nur überfliegen, habe aber in und zwischen den Zeilen interessante Aspekte zu diesem Thema aufgenommen. Liebe Grüße Doris Mock-Kamm

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