Eine endliche Geschichte (Teil 2)


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Es geschieht dann unverhofft und mit erschreckender Gründlichkeit. Als hätte die Nacht sie ausgespieen, sind da auf einmal zwei, drei, vier schemenhafte Gestalten. Ein Axtstiel teilt mit leisem Fauchen die Luft, und das Schlüsselbein des Jungen splittert mit trockenem Knacken. Augenblicks stürzt er zu Boden. Noch in der selben Sekunde wird das Mädchen von harter Hand derart beiseite gefegt, wie sich ein zorniges Kind mitunter seines Spielzeugs entledigt. Ihr Kopf prallt an einen Findling, und bei Tageslicht hätte man sehen können, wie rasch ihr Blondhaar die Farbe wechselt. Benommen und blind, grad wie ein Kalb in den ersten Minuten seines Daseins, taumelt sie auf allen Vieren. Dann – nicht einmal mehr das…

Als das Mädchen Mutter Erde schon sehr, sehr nahe ist, stellen Verstand und Gehör einen vorerst letzten Kontakt zu dieser, unserer Welt her. Doch auf seltsame, nie zuvor erlebte Art. Die Tritte und Schläge, die dem bereits leblos scheinenden Körper des Jungen gelten, empfindet sie, als träfe es sie selbst. Bei jedem dieser dumpfen Geräusche zuckt ihr geschundener Leib wie unter einem Stromschlag.
„Was tut ihr da!“, vernimmt sie ihre Stimme…
„So hört doch auf, ihr seid doch Menschen…“
Doch, es war ein stummer Schrei. Das letzte Aufbegehren vor der großen Dunkelheit…

Als sich wenig später herumspricht, der Junge sei Deutscher gewesen, es gäbe da doch diesen ostpreußischen Einschlag, zuckt man im Dorfe die Schultern. Der hätte das doch sagen können. Dann wär‘ ihm sicher nichts passiert…

Peter Petereit

Epilog

Im November 1990 war es. 34 Lenze zählte ich und hatte seit der „Wiedervereinigung“außer einem „Abitur“ keinerlei Qualifikationen. Mein Hochschulabschluss war militärischer Herkunft und folgerichtig nicht das Papier wert, auf dem es mir bescheinigt wurde. Einem „Sicherheitsdienst“ war das egal – solange ich bereit war, in jeweils 10-tägigen Tag-Nacht 12-Stundenschichten à 7 DM/h Millionenwerte eines Arzneimittelgroßhändlers waffenlos zu bewachen.

Der Arzneimittelgroßhändler hatte zu jener Zeit einen nie in Betrieb genommenen Neubau der Güstrower Kleiderwerke übernommen, baute ihn für seine Zwecke im Inneren um und hatte der Einfachheit halber den vorgesehenen Ost-Betriebsleiter gleich mit übernommen. Wir fanden rasch einen Draht zueinander, er parlierte gerne auf etwas höherem Niveau über Literatur und das meinte er, beim Pförtner/Nachtwächter gefunden zu haben. Ich las ihm aus meinen handschriftlichen „Frühwerken“ vor, und eines schönen Tages meinte er, ich könne mir doch Nachts und an den Wochenenden die Schreibmaschine seiner Sekretärin ausleihen. Um die Texte in Form zu bringen, denn manche seien gar nicht so übel…

Da saß ich nun in jenem November in meiner Pförtnerloge, hörte Radio und hörte den Namen „Antonio Amadeu“ und was ihm zu Eberswalde geschehen, in allen Nachrichten… Damals wurde noch „wertfrei“ berichtet, das Wort Rassismus wurde tunlichst vermieden. Lichtenhagen und Hoyerswerda waren noch Zukunftsmusik. Wohin soll das führen, dachte ich, und eine Begebenheit, welche einige Jahre zurück lag, kam mir wohl damals in den Sinn…

…ein Restaurantsaal in meiner Heimatstadt, abends nur spärlich besucht. Mit einem Freund sitze ich am „Ringerstammtisch“, daneben hat man ein paar Tische zusammengestellt und feiert frohes Jugendleben.

Es ist die Zeit der „Vertragsarbeiter“, Vietnamesen, Kubaner, Angolaner. Ein paar Tische weiter sitzen zwei davon und trinken Bier. Als ich „Affenlaute“ aus Richtung der Fetentafel höre, werde ich irgendwie wachsam. Und als ich sehe, wie sich einer der Angolaner in Richtung Toilette begibt und sich drei, vier der Feiernden grinsend anschicken, dem „Affen“ zu folgen, um ihm zu zeigen, wo die Bäume sind, stehe ich auf und folge ihnen. Vor Ringern hat man zu jener Zeit Respekt. Die Mutigen starrten mich auf dem WC an, vergessen das Pinkeln und eilen wieder nach oben… An jenem Abend geschieht nichts. Und als wir die Angolaner auch noch an unseren Stammtisch bitten, verkrümeln sich die grad noch Mutigen nach und nach. Sie hatten Angst gehabt, gestehen uns unsere neuen Gesprächspartner in perfektem Deutsch, so als seien sie wieder im Krieg…

…also, diese Szene und den Namen Antonio Amadeu im Sinn, begann ich damals, 1990, zu tippen. Der Betriebsleiter und ein befreundeter Schriftsteller fanden die Geschichte gut. Zeitungen und Magazine sandten sie mir mit der freundlichen Bemerkung zurück, das Thema Amadeu sei von der Presse und Experten ausgiebig behandelt worden.

Kein Bedarf, alles ist gesagt und geschrieben…

Peter Petereit

Eine endliche Geschichte (Teil 1)

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