Gehässigkeiten in aller Munde


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flickr.com/ Thilo Hilberer/ (CC BY-ND 2.0)

Keine Antriebsfeder zum Wohle des Volkes

Wenn Gehässigkeit zum guten Ton wird, dann, ja wo befinden wir uns dann? Gibt es einen Ort, der dafür prädestiniert ist oder ist es vielmehr kein Ort, sondern eine Lebenseinstellung? So in etwa nach dem Motto, gib’s ihm, scheu dich nicht, jemanden verbal ins Maul zu schlagen. Egal ob schriftlich oder direkt neben dem Angesprochenen stehend.

Was bedeutet Gehässigkeit? Klar, Haß ist unschwer daraus zu erlesen, also brauche ich Haß, um mich unverschämt zu äußern. Haß auf was etwas Bestimmtes ist in diesem Moment nicht der ausschlaggebende Anlaß. Es stecken in dem Wort noch andere Bedeutungen, Gemeinheit, Boshaftigkeit, Niederträchtigkeit, Tücke. Da in der Gehässigkeit nicht direkt, also keine im Allgemeinen sofortige Aktion einer Wut erkennbar ist, sondern hinterrücks durch sarkastische Tücke ihre Boshaftigkeit ausdrückt, scheint sie eine spontane Äußerung zu sein, die durch das verbale oder schriftliche Loslassen ihr Ziel erreicht hat und damit sich im Sande verläuft.

Wer als Kind oder Jugendlicher sich in gehässigen Ausdrücken Luft gemacht hat, sei es gegenüber Spielgefährten, Eltern, Erzieher hat in der Regel eine Standpauke, Strafe oder Prügel bezogen. Dabei wurde nicht berücksichtigt, ob inhaltlich an der Äußerung ein Wahrheitsgehalt zu finden war, sondern es wurde die hinterhältige, tückische Art der Gehässigkeit moniert.

Erstaunlich muß festgestellt werden, daß Gehässigkeiten gegenüber den Mitmenschen in Mode gekommen sind. Je heftiger anhand der Wortwahl denunziert, dreister gelogen, sarkastisch verdrehte Tatsachen in den Raum geworfen werden, desto mehr Applaus erhält der Boshafte. Dabei ist es nicht nur in den sogenannten unteren Gesellschaftsschichten anzutreffen, nein, diese moderne Art der Beschimpfung ist längst in den eigentlich als vorbildlich geltenden „gehobenen“ sozialen Schichten angekommen. Manchmal erscheint es, daß das Gehässigsein gerade durch die, die die Verantwortung entweder durch ihren Stand, ihre Wahl oder Amt besitzen, den Zugang für eine verbrämte Sprechweise zu den anderen „unteren“ Gesellschaftsschichten begründet haben.

Verbrämen, mittelhochdeutsch verbremen, bremen, brem, Einfassung, Rand bedeutet etwas, das als negativ empfunden wird, durch positives erscheinen lassen oder abzuschwächen. Man kann verbrämen mit bagatellisieren, beschönigen, verschleiern, verbergen, idealisieren, herunterspielen, schönreden gleichsetzen. Gehässigkeiten, die mit diesen Verben in Zusammenhang benützt werden, sind in der heutigen politischen Auseinandersetzung zum „guten Ton“ geworden, so zu erkennen auf Wahlplakaten, bei Diskussionen, Internetauftritten.

Die gerne immer mal wieder angeführte Erfolgsgeschichte einer Publikumsbeschimpfung als Mittel zum Zweck, um Gehör zu finden, in aller Munde zu sein, wird durch eine verbrämte Gehässigkeit zu neuen Ufern geleitet. Sinn und Zweck dieser Art des Miteinanders ist die Hoffnung und das Ziel, möglichst breitgefächert Zweifel und Unbehagen zu streuen.

Gerade Menschen, die politische Ämter anstreben, also dadurch legitimiert sind, Entscheidungen im Sinne des Volkes zu übernehmen, sollten diese Art der Kommunikation über bestehende Probleme ablehnen. Es sei denn, ihre Absicht besteht darin, in ihrem zukünftigen Amt nicht für Ausgleich, Harmonie innerhalb verschiedener Interessengruppen sich einzusetzen. Wer mit Gehässigkeiten, Verbrämungen (Beschönigungen von Negativem) die Zukunft eines Landes gestalten will und gleichzeitig Wertevermittlung an die vorderste Spitze ihrer „Antriebsfeder“ malt, der will nur eines, sich für seine ansonsten nicht akzeptablen Vorschläge zu Problemlösungen in den Vordergrund stellen und nicht zum Wohle des Volkes antreten.

Doris Mock-Kamm

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