Eine endliche Geschichte (Teil 1)


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Mitunter soll sich dies wahrhaftig zutragen: Da begegnen sich zwei Menschenkinder, die bis zu dieser Sekunde voneinander nicht einmal um ihre gemeinsame Existenz auf unserem Planeten Erde wußten. Und die Liebe schlägt ein, wie ein Blitz.

Irgendwie ist das immer, als zöge da ein großer Unbekannter seine Fäden. An Alter und Aussehen, an Muttersprache und Konfession, an Herkunft und Hautfarbe, ja selbst, und das ist gar nicht selten – am gleichen Geschlecht -, stört sich jener Geheimnisvolle nicht. So soll sie denn beginnen, die kurze Geschichte einer Liebe in Deutschland.

Das Mädchen und der Junge sitzen dicht beieinander auf dem steinernen Geländer der alten Brücke. Scheinbar gedankenverloren genießen sie die Stille, die durch das zu ihren Füßen dahinmurmelnde Flüßchen eher noch unterstrichen wird. Der Himmel ist beinahe wolkenlos, und bei genauerem Hinsehen entdeckt man im Gras und in den Zweigen der Uferbüsche abertausende, im warmen Licht flirrende Gespinste. Altweibersommer.

Sie sind jung, die beiden. So um die Zwanzig, und jeder für sich mit der Welt zufrieden und bis über beide Ohren in den anderen verliebt. Seit mehreren Tagen radeln sie ohne rechten Plan durchs Land, und neben vielem Sehenswerten für Auge und Verstand hatten sie ausgiebig Zeit, sich selbst zu erkunden. Dabei kamen sie freilich immer wieder zu dem Schluß, daß sie wohl füreinander bestimmt seien. Räder und Gepäck haben sie unter der Brücke verborgen, dort, wo sie in ihrem winzigen Zelt die Nacht zu verbringen gedenken.

Das schmale, von einigen wenigen Sommersprossen gesprenkelte Gesicht des Mädchens ist von den Anstrengungen der heutigen Tour noch leicht gerötet. Es fährt sich mit gespreizten Fingern durchs Blondhaar; versucht vergeblich die fahrtwindzerzauste Pracht zu ordnen und ärgert sich, ganz weit hinten im Oberstübchen, über ihr Mißgeschick, das Stirnband verbummelt zu haben.

Der Junge betrachtet sie still von der Seite, zärtlich lächelnd, denn er liebt jede ihrer Gesten. Und als sie sein Lächeln schließlich erwidert, kann er sein Verlangen, sie zu küssen, nicht länger zügeln. Er zieht sie an sich.

Nach geraumer Zeit spürt sie sehr deutlich seine wachsende Erregung. Obwohl sie durchaus ähnlich empfindet, stößt sie ihn mittels ihrer kleinen Fäuste und in gespieltem Ernst zurück: Sie seien doch keine Tiere, die es am hellichten Tag vor allen Leuten treiben würden. Die Steine seien ihr zu hart, die Mauer zu schmal und überdies verspüre sie gewaltigen Hunger und sei deshalb sowieso ungenießbar.

Er rückt von ihr ab, streichelt ihr eine widerspenstige Haarstähne aus der Stirn und seine Augen blitzen schelmisch. Ein paar Pfunde könne sie tatsächlich noch vertragen, scherzt er. Das mache sie handlicher und er brauche nicht solange umhertasten, bis er gefunden habe, was sie so perfekt unter ihrer Kleidung verberge. Er sei sich allerdings sicher, daß sie im nächsten Ort einen gemütlichen Gasthof fänden, wo sie ihre, jawohl, abnormen Gelüste befriedigen könne.

Behende schwingt er sich zur Straße hin von seinem Sitz, umfaßt dann die Taille des Mädchens und hebt es von der Brüstung. Sich ihm zuwendend, schmiegt sie sich an seinen starken, sonnenwarmen Körper und reicht ihm so gerade bis zur Brust. Sie fühlt seine Lippen ihren Scheitel streifen, genießt diese Geborgenheit, und eine Welle unfaßbaren Glücks steigt in ihr empor.

Von der Brücke aus verläuft die Straße ein gutes Stück bergauf und kerbt dennoch die zu beiden Seiten sanft zum Wald hin ansteigenden Hänge. Dort, wo das schmale Asphaltband ins Nichts abzukippen scheint, ragt vor dem Hintergrund sehr ferner Berge eine Kirchturmspitze, deren Turmkreuz gelegentlich gülden blitzt, wenn es von den Strahlen der Sonne getroffen wird. Hand in Hand wandern nun die jungen Leute ohne sonderliche Eile diesem Ziel entgegen.

Als sich dann gegen Ende der Steigung der Blick ins Nachbartal eröffnet, drückt das Mädchen die Jungenhand merklich fester und bleibt wie angewurzelt stehen: Sehr still, sehr sauber und sehr friedlich angepaßte Zweckbauten.

Ist das schön, denkt das Mädchen und hat Bilder längst verlorengeglaubter Kindheitsträume vor Augen. Hier müßte man leben können. Für immer weg von der Hektik der Stadt und alles erstickenden Blechlawinen. Und, für einen Augenblick wünscht es sich sogar, die Zeit möge stehenbleiben und diesen Frieden nimmer stören.

Der Sinn des Jungen für solcherart Romantik ist wohl weniger stark ausgeprägt. Er erfreut sich einige Minuten an ihrer Fähigkeit, derart intensiv staunen zu können und reißt sie dann aus ihrem Tagtraum: Dies müsse es wohl sein, jenes sagenhafte Land der glücklichen Kühe…

Das Mädchen bedenkt ihn ob solcher Sprüche wie immer mit einem strafenden Blick aus klaren blauen Augen, prustet dann das befreiende Lachen heraus und zieht ihn ungestüm mit sich.

Das letzte Wegstück ist das Paar mehr mit gegenseitiger Neckerei befaßt, als daß es Einzelheiten der Umgebung mehr als flüchtige Beachtung schenkt. Daß sich im Dorf kaum eine Menschenseele zeigt, ist für sie ebenso belanglos wie sich hier und da hinter blumengeschmückten Fenstern bewegende Gardinen.

Das Einzige, was für einen Moment ihre Lebensfreude trübt, ist ein hochmoderner Traktor, der, das Dorf in zügiger Fahrt durchquerend, reichlich Staub aufwirbelt und sie von der Straße zwingt. An einem Zaun stehend warten die beiden ab, bis sich die unzähligen Partikel wie ein anfangs hauchzarter, am Ende jedoch wieder unsichtbarer Schleier über das gepflegte Grün der Vorgärten gesenkt haben.

Der Gasthof entspricht schon vom Äußeren allen ihren Erwartungen. Ein Fachwerkbau, die Fachen frisch geweißt und das Holz der vor mehr als einem Menschenalter gesetzten Balken mag durchaus noch einem weiteren Jahrhundert widerstehen. Die Einrichtung ist einfach und rustikal, man sieht, daß Sauberkeit den Wirtsleuten hier hohes Gebot ist.

Um den Stammtisch sitzt ein gutes Dutzend Männer verschiedener Generation beim Biere und macht sich, lautstark durcheinander redend, die an solchen Orten üblichen Gedanken über die Zeitläufe. Die Gespräche verstummen beim Eintritt der jungen Leute und plätschern dann, nach einem Weilchen der Musterung und Besinnung, in weniger als Zimmerlautstärke fort.

Das Mädchen schaut sich um, steuert zielbewußt einen Tisch am Fenster an und greift noch halb im Stehen nach der Speisekarte. Es wird ein opulentes Mahl, und gelegentlich wundert sich der Junge, wo seine Liebste die reichlich bemessenen Portionen läßt. Und da es ihnen überdies an Gesprächsstoff nicht mangelt, folgt der ersten Flasche Wein eine zweite, und draußen setzt derweil gemächlich die Abenddämmerung ein.

Es ist wohl so, daß Verliebte die Welt im Allgemeinen und sich selbst im Besonderen mehr mit dem Herzen sehen als mit wachem Gespür. So auch das Mädchen und der Junge, die nur Aug‘ und Ohr füreinander haben. Ach, hätten sie doch nur den Gesprächen am Stammtisch gelauscht, ein wenig nur, oder Blicke zu deuten versucht…

Von Kanaken wird dort bierseelig gezischelt, und von Schlampen, denen die rechtschaffenen Schwänze deutscher Mannsbilder nicht gut genug seien… Stammtischgeschwätz eben. Und, was soll’s…

Unser schwarzgelockter Dreitagebartträger mit dem gebräunten Teint macht einen sehr handfesten Eindruck, man weicht ihm, selbst auf dem Weg zu Kaisers Klause, respektvoll aus.

Zu vorgerückter Stunde rüsten die jungen Leute zum Aufbruch. Sie zahlen großzügig und treten hinaus in die erfrischende Kühle der Nacht. Nicht nur, weil sich ihr Zelt mit wenigen, in den letzten Nächten oft geübten Handgriffen im Scheine einer Taschenlampe aufschlagen läßt, haben sie es nicht sonderlich eilig. Man hat ja einander und dazu alle Zeit dieser Welt. Eng umschlungen, schlendern sie entlang der Häuser, in denen man sich nun wohl auch anschickt, das Tagwerk zu beschließen.

Peter Petereit

Fortsetzung folgt

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