Gwens Leben erhielt endlich eine Wendung


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Wehmütig blickte sie gen graudüsteren Himmel, während es in Strömen goß, ihr schwarzes, langes Haar komplett durchnäßt in ihrem Ausschnitt hing, die Bluse zerfetzt, all die Tränen verloren im Fluß einer undurchdringlichen Ohnmacht, die keine Wege fand, sich auch nur ansatzweise zu äußern. Leere, begleitet mit Taubheitsgefühlen umgaben Gwen, ohne daß die Dreiundzwanzigjährige irgendeine Notiz nahm vom Geschehen in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Es stank erbärmlich neben ihr, Hundekothaufen lösten sich auf, manch einer schwappte vorbei wie ein führerloses Boot in tobender See, ein vorbeiflitzender Sprinter sorgte für zusätzliche Nässe, die sie aber nicht weiterhin störte, zu sehr lähmte Gwen der nicht enden wollende Schmerz, den zuvor Mark ihr angetan. Ausgerechnet ihr Ex-Freund, von dem sie sich doch so friedfertig getrennt hatte. Warum nur, fragte sie sich ständig, wie konnte er ihr das antun? Welch Demütigung!

„Sie können doch nicht einfach so auf dem Bürgersteig sitzen, junges Fräulein. Ja, Sie meine ich“, sprach Gwen eine alte Frau mit Krückstock an, bückte sich umständlich, reichte ihr die Hand. Doch Gwen schüttelte stumm ihren Kopf, hielt sich beide Ohren zu.

„Na, na, na, nun aber mal ganz sachte, nehmen Sie meine Hand, ich mein es nur gut mit Ihnen. Egal, was auch geschehen, es gibt immer einen Weg aus jeder Misere. Komm schon, Mädchen, laß dir mal von ner ollen Schabracke helfen!“, betonte die Alte und lachte. Gwen schaute sie völlig entgeistert an, mußte unweigerlich grinsen und ergriff die linke, knöcherne Hand der Alten.

„Danke Ihnen. Wie heißen Sie, ich bin die Gwen“, bemerkte sie und richtete sich langsam auf.

„Nennen Sie mich Cindy, heute heiße ich Cindy, morgen vielleicht Mary, keine Ahnung.“ Gwen musterte Cindy, die ein wenig unständlich ihren Krückstock hielt, aber beherzt und entsprechend energisch mit ihr die Straße überquerte.

„Komm mal mit, Mädchen, ich glaube, du kannst einen ordenlichen Schluck vertragen. Dabei erzählst du mir gleich am besten, was geschehen. Keine Widerrede, ich bin noch jung genug, zu erkennen, daß irgendein Kerl über dich gestiegen ist“, sagte Cindy und öffnete die Tür der Eckkneipe „Zum goldenen Anker“. Laut war’s in der verrauchten Spelunke, zwei kräftige Haudegen brüllten sich just am Tresen an, im nächsten Moment knallte der Wirt ihnen zwei Schnäpse auf die Theke und forderte sie auf, diese zu trinken, um danach die Kneipe zu verlassen.

Gwen machte Anstalten zu gehen, weil ihr der Raum so gar nicht gefiel, doch Cindy hielt sie zurück, bugsierte sie an einen Tisch in einer Ecke, dort saßen keine Gäste, niemand würde die beiden hier nerven, wie die Alte mit fester Stimme betonte.

„Was kann ich euch bringen?“, fragte der Wirt und wischte den Tisch mit einem blauen Lappen ab. Gwen bestellte ein kühles Blondes, Cindy einen Gin Tonic, aus den Lautsprecherboxen erklang die kreischende Stimme von Nick Cash, „Homicide“ war Gwen durchaus bekannt, schließlich hatte sie gar den Punkrock-Sänger mal im SO36 getroffen.

„No one cares when someone lies, they’d rather say that it’s a red alert, you’d better believe it, that’s the truth of it take it or leave it, resign to it homicide, homicide, homicide”,…die Gäste schienen kaum auf den Song zu reagieren, während Gwens Lebensgeister allmählich erwachten, Erinnungen flammten kurz auf an eine Zeit, in der sie glücklich war, damals gerade Mark kennenlernte, bevor sie zusammenfanden. Cindy holte sie zurück in die Gegenwart.

„Jetzt erzähl doch mal, was dir geschehen!“, forderte sie die Alte auf und stieß mit Gwen dabei an. Die Dreiundzwanzigjährige berichtete von ihrer Beziehung mit Mark, der sie anfangs auf Händen getragen, ihr fast jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatte, bis Gwen einmal fremdging, ihn enttäuscht hatte. Schnell endete ihre Liebe, sie einigten sich, dennoch im Guten sich zu trennen. Mark zog nach Frankfurt, sie blieb hier in Berlin. So weit so gut. Bis gestern abend er plötzlich vor ihrer Wohnungstür stand, nach zwei Jahren, wo sie sich nicht mehr gesehen hatten, er nicht fragte, ob er willkommen sei, sie zur Seite gestoßen hatte, aufs Bett warf und wortos heftigst vergewaltigte.

Cindy tupfte sich eine verlorene Träne von ihrer Wange, hielt Gwens rechte Hand dabei fest, die mutlos in sich zusammensank. Dabei fiel der Alten Gwens Muttermal am Handgelenk auf.

„Woher hast du dieses Muttermal, mein Kind?”, fragte Cindy völlig erstaunt.

„Mein Papa hatte mir stets versichert, dies sei vererbt, meine verstorbene Oma soll das ebenso gehabt haben“, erwiderte Gwen.

„Verstorben?”, fragte Cindy hörbar entrüstet, einige Gäste schauten aufmerksam geworden zu ihnen hinüber, „was hat denn deinen Papa dabei geritten?“

Gwen schaute zum ersten Mal genauer ins Gesicht von Cindy, kam ins Grübeln.

„Bevor du herumrätst, mein Kind, ich bin es, deine Oma!”, rief Cindy, stand auf und umarmte ihre Enkelin. Die beiden Frauen boten ein schönes Bild herzlicher Nähe. Im ganzen Raum herrschte schlagartig Ruhe, selbst die Musik verebbte, weil der Wirt sie abgestellt hatte.

Lotar Martin Kamm

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