Jahrmarktbesuche


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Als wir noch Kinder waren, meine drei Geschwister und ich, fuhren wir jedes Jahr mit unseren Eltern in die Großstadt, für uns in die weite Welt. Obwohl ich heute sagen muß, es war eine Reise in eine Kleinstadt. Diese Kleinstadt veranstaltete jährlich einen großen Jahrmarkt, der bereits schon vor hunderten von Jahren immer zum Ende der Erntezeit stattfindet. Es war für die umliegenden Dörfer die Gelegenheit, ihre Waren zu verkaufen, Geschäftsverbindungen zu festigen, Nachrichten, Tratsch aus aller Welt oder bloß vom Gehöft weiter zu hören. Für viele jungen Leute die einzige Möglichkeit, sich nach anderem Jungvolk umzusehen und die neuesten Errungenschaften der schnellebigen Welt der Städte zu genießen.

Und natürlich haben sich all die Jahrhunderte zu diesem Ereignis auch Gaukler, fahrendes Volk, Artisten eingefunden, um hier ihr Können zu präsentieren, vom locker sitzenden, zu diesem Fest angesparten Geld auch etwas abzubekommen. In meiner Jugendzeit allerdings waren keine Bader oder Heilkundige mehr mit ihren Ständen dabei, so wie es in einigen Romanen geschrieben steht. Dafür gab es den „Hau den Lukas“- Stand, ein Kettenkarusell, Schiffsschaukel, Schießstand, Lotterieverkauf, Autoscooter, Wahrsagerzelt, Pferdchenrondell und etliche Stände mit Bonbons aller Art, gebrannten Mandeln und Nüssen, Würstchen, Lebkuchengebäck, Zuckerwatte, die für unsere Eltern das Schrecken an und für sich darstellte, da bei dem Genuß nicht nur unsere Hände und Gesichter in Zucker getaucht wurden, sondern auch unsere Kleidung.

Da aber die festliche Stimmung auf uns allen lastete, ertrugen sie diese Unvermeidlichkeit mit einer gewissen stoischen Ruhe, die Eltern mit mehreren Kindern zuweilen befällt. Nicht zu vergleichen mit Tante Marias Reaktion, wenn unsere Cousine Barbara an der Zuckerleckerei naschte, denn Tante Maria war stets bemüht, jede kleine vorhersehbare Berührung der Zuckerwatte mit Barbaras Gesicht, Händen, Kleidung im Vorfeld zu verhindern und das obwohl Barbara ein Jahr älter war als mein Bruder Max und schon die zweite Klasse besuchte. Apropos Besuche, unsere Reise war nicht ausschließlich auf den jährlichen Jahrmarkt fixiert, meine Eltern verstanden es bestens, in diesen beiden Tagen des Wochenendes sämtliche Verwandte, Freunde, Bekannte mit in den Aufenthaltsplan zu integrieren.

Selbstverständlich übernachteten wir bei Tante Maria, die Schwester meines Papas, da sie und Onkel Herbert ein kleines Häuschen am Stadtrand bewohnten und für uns vier Kinder ein Zimmer zu Verfügung stand, das auf dem Dachboden eingebaut war, und das Barbara als Jugendliche beziehen sollte. Mama und Papa übernachteten im Wohnzimmer auf einer ausziehbaren Couch. Irgendwie schien Tante Maria Wochen vorher gekocht, gebacken und gewerkelt zu haben, denn stets waren nicht nur die zu den Mahlzeiten gereichten Lebensmittel in unüberschaubarer Zahl vorhanden, sondern auch Gebäck, Kuchen, Torten und natürlich ihre speziellen Einmach- und Einkochkünste wurden uns serviert. Das führte oft zu kleineren Ärgernissen bei den Besuchen der anderen Verwandten, Freunden und Bekannten, da wir mit gut gefüllten Bäuchen dort ankamen und beim besten Willen kein ansonsten von uns begehrtes Stück Kuchen mehr vertrugen, und unsere Eltern uns trotzdem baten, wenigstens etwas von der angebotenen Köstlichkeit zu probieren, damit die Verwandten, Freunde und Bekannte nicht den Eindruck bekämen, wir seien zu verwöhnt, und es fiel sogar der Ausdruck undankbar.

Manchmal erschien es uns wie ein Wettbewerb, deren Teilnehmer wir waren. Mama und Papa beherrschten allerdings die Wettbewerbsregeln ausgezeichnet, denn sie schienen nie gänzlich satt zu sein für das nächste aufgetischte Menü oder eine Kostprobe. Auch schienen einige Verwandte der Meinung zu sein, wir, die Kinder, müßten das ganze Jahr über darben und nahmen deshalb die Gelegenheit wahr, uns durch das Essen die Stärke zu geben, um bis zum Wiedersehen etwas für unser Wachstum beizutragen.

Bei allen diesen Besuchen wurden wir, egal ob in der Zwischenzeit ein Gegenbesuch stattfand, mit den Worten begrüßt: Ah, seid ihr aber groß geworden! Meine Brüder genossen diesen Satz, es schien, daß der Satz sie um einige Zentimeter wachsen ließe. Meine Schwester und ich allerdings, sie war die jüngste von uns Vieren, verstanden ihn eher als beleidigend, denn wir waren übereingekommen, immer schon so groß zu sein, wie wir eben sind.

Von diesen Besuchen sind viele kleine und kleinere Erinnerungen haften geblieben, und wenn sich die Gelegenheit unter uns Geschwistern ergibt, diese Erlebnisse wieder einmal untereinander zu teilen, so verbergen sich in den gemeinsamen Gesprächen stets verlorene Szenen, die neue alte Empfindungen hervorbringen. Ich jedenfalls kann über keinen Jahrmarkt oder keine Kirmes schlendern, ohne dem Hang zu widerstehen, einige der Köstlichkeiten zu kaufen mit dem Gefühl des gleichzeitigen Heißhungers und der vollkommenen Sättigkeit. Und ich verkneife mir, ehe werde ich mir die Zunge abbeißen, einem Kind, das ich nach längerer Zeit wiedersehe, zu sagen: Du bist aber groß geworden, oder du bist aber gewachsen. Denn dies empfinde ich bis heute als abwertende Bemerkung gegenüber dem Kind, das nun mal in einem Wachstumsprozeß steckt und die Aussage gar nichts mit seiner Persönlichkeit zu tun hat. Ich begrüße es lieber mit den Worten: Schön, dich wiederzusehen!

Doris Mock-Kamm

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