Novemberspaziergang


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Wir schreiben das Jahr 1751 und ich befinde mich im Nirgendwo zwischen Rhein und Donau. Nachdem ich mich zu einem nachmittäglichen Spaziergang aufgemacht habe, um mir die Beine zu vertreten und um ehrlich zu sein, auch ein wenig neue Inspirationen zu tanken, weil ich nunmehr seit Wochen keinen vernünftigen Satz, geschweige denn einen vernünftigen Gedanken niedergeschrieben habe, aber der Herr Verleger in Berlin dringlichst um Ablieferung neuer Geschichten erbeten hat, kurzum ich habe mich verlaufen.

Mit meiner letzten aufzubringenden Kraft sitze ich hier in einer Hütte, wohl eher ein Verschlag, der dazu dient, für kurze Zeit etwas unterzustellen. Durch die Ritzen zieht nicht nur der Wind, sondern die inzwischen angehäuften Schneemassen drängen wie von Geisterhand gedrückt in den Innenraum. Seit nunmehr zwei Tagen habe ich mich von dem weißen Wasser ernährt und ich fühle mein Ende naht.

Dies schreibe ich nieder mit einer gefundenen Feder, die ich in kalte Asche getaucht habe, als Papier dient mir, wie ihr unschwer erkennen werdet, lose Bretter, die gestapelt an der rechten Verschlagwand aufgeschichtet waren. Selbst die Asche, die etwas links von der Hütte, bereits mit nassem Laub und Schnee bedeckt war, neigt sich wie mein Leben dem Ende zu. Nichts an mir und außerhalb von mir ist noch als trocken zu bezeichnen, alles ist durchdrungen von nasser Kälte, sogar tagsüber tropfen die Eiszapfen an dem Verschlag nicht ab. Die ganze Landschaft ist in einem blauschwarzen Wolkenmeer verschwunden, Tag und Nacht sind nur durch die Intensität eines dunkleren Blaus zu unterscheiden.

An diesem meinem, nun folgenden jämmerlichen Ende ist meine heißgeliebte Ehefrau Bea schuld. Ja, ich muß es so deutlich aussprechen. Liebste Bea, verzeih mir diese drastischen Worte, aber das Unausweichliche naht und ich bevorzuge, wie du weißt, Aufrichtigkeit, im Angesicht meines Todes ein unabdingbares Mittel, um nicht mit Sünden aus dem Leben zu scheiden. Meine Finger sind kaum noch zu bewegen, sie sind nur dank meiner Anstrengung, dieses letzte von mir Gedachte niederzuschreiben, fähig die Feder zu halten.

Mein Herzallerliebstes, meine Muse, mein treuliebendes Weib, das mir unter Tränen versprochen hatte, in guten wie in schlechten Zeiten mit mir zu sein, du weißt, du hast diesen Schwur gebrochen indem du mir seit Wochen mit deinen verletzenden Worten und unter Zuhilfenahme der Drohung, zurück zu deinem Elternhause zu eilen, mich spüren läßt, wie wenig Rücksicht ich auf deine Belange nehme. Sicher, das gestehe ich ein, der Verkauf des Schmuckes von deiner heißgeliebten Tante hat dich geschmerzt und ich hatte dir versprochen, dir noch viel wertvolleren Schmuck und neues Tafelsilber zu kaufen, sobald meine literarischen aus der Seele geträufelten Gedichte und Geschichten mir den vergangenen Ruhm wieder bescheren werden.

Aber anstatt in mich vollstes Vertrauen zu setzten, kamen täglich Nörgeleien, Zurückweisungen, Tränen auf den Tisch, ganz zu schweigen davon, daß die köstlichen Essensgerichte nun von dir selbst zubereitet werden mußten, weil die Köchin das Haus verlassen hatte, nachdem du ihr vorgeworfen hattest, sie würde das ihr zum Einkauf zur Verfügung stehende Geld nicht sachgemäß verwalten, obgleich du wußtest, daß seit Tagen schon bei den Händlern angeschrieben werden mußte. Was konnte ich dafür, daß der Herr Verleger aus Berlin mir keinen weiteren Vorschuß gebilligt hat.

Dein Herr Papa war so freundlich, mir zur Erhaltung und Wahrung der Familienehre den Vorschlag zu unterbreiten in aller Abgeschiedenheit, zu den von mir so innigst herbeigesehnten Inspirationen zur Niederschrift meiner ansonsten von ihm nur wenig beachteten Gedichte, dieses Zimmer in dem Gasthaus „Zum Tannenblick“ für einige Wochen zu mieten. Aus diesem Grunde liebste, von mir angebetete Beatrice, bin ich vor zwei, oder sind es schon drei lange einsame kalte Tage und Nächte, die ich in unmenschlicher Umgebung verbringe, zu einem nachmittäglichen Spaziergang aufgebrochen, um danach mit frischen Elan die poetisch auf mich einwirkenden Eindrücke niederzuschreiben.

Inzwischen naht die schwarze Blaunacht immer näher, und ich habe Mühe, diese letzten von mir mitzuteilenden Zeilen noch mit dem möglichen Lichte niederzuschreiben. Mein Körper fühlt sich in glitzerndes Eis gehüllt, wie die dunklen Tannen um mich herum. Auf diesem meinem Spaziergange vernahm ich ein mir befremdlich klingendes Geräusch, ähnlich schleifenden Schritten, das sich hinter mir immer näher rückend und lauter werdend ausbreitete. Dieses Geräusch trieb mich immer weiter in den Wald, so daß ich bald darauf die Orientierung verlor, aber auch zu meinem Glücke das Geräusch nicht mehr vernahm. Auf dem Weg zurück änderte sich das Wetter schlagartig in einen Schneesturm, so daß ich die erste Nacht völlig erschöpft unter Bäumen einschlief.

Noch zuversichtlich machte ich mich auf den Weg zu meinem Gasthause, aber der dichte Nebel hat mich hier zu diesem Verschag geführt, in dem ich nun…

„Hannes, Hannes, Hannes, kannst du mal die Kopfhörer abnehmen! Hannes!“
„Monika, ist es…?“
„Hannes, sag mal, du tickst doch nicht mehr ganz richtig. Sitzt hier vor der geöffneten Kühlschranktür mit Winterpulli, Mütze, Handschuhen, obwohl wir draußen gut und gerne 30 Grad haben! Und komm mir jetzt bloß nicht wieder mit der Ausrede, du bräuchtest reale Umgebung für deine blöden Geschichten! Das hatten wir doch nach der Überschwemmung des Badezimmers abgehakt, nachdem du diese Geschichte der Schiffsreise möglichst mit original Wasserrauschen aufschreiben wolltest!“

Doris Mock-Kamm

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