Frühstück bei Hagedorn


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„Du Mama, ist das nicht die Alte, die nebenan gewohnt hat?“
„Gisela!“
„T’schuldigung, hast du es nicht gelesen. Hier steht, gestern Vormittag ist es zu einem Straßenbahnunglück gekommen, bei dem eine Frau ums Leben kam. Mehrere Zeugen haben ausgesagt, daß die getötete Person direkt vor die Straßenbahn gelaufen sei. Das Unglück geschah nur wenige Schritte vor ihrem Wohnhaus. Und guck mal, das ist doch die Friedrichstraße, da ist sie doch hingezogen.“
„Laß mich mal lesen. Hm, du hast Recht, daß könnte Fräulein Manders sein. Das ist furchtbar, mal sehen, ich frage morgen die Herta von der Bäckerei, die kann mir sicher sagen, ob es Fräulein Manders ist.“

Die Mühe des Umzuges hätte ich mir sparen können, laufe weiterhin wie eine Süchtige jeden Morgen nach der Arbeit an Hagedorns Laden vorbei. Zwinge mich, selbst wenn meine Füße mich wieder dahin geführt haben, nicht ins Schaufenster zu sehen. Und ich starre wieder hinein, hinein in das Halbdunkel, durchflochten mit dem Licht der Straßenlaterne oder eines der Automobile, die so früh schon über die Straße brausen. Da sehe ich ihn und all die anderen Dinge, die mich manisch anziehen und doch nie mein Eigentum werden können. Das Geld dafür liegt im Kosmetikkoffer, sicher verwahrt. Ich habe es nicht einmal ansparen müssen, es ist einfach immer da, seit ich es eingetauscht habe, nach der Währungsreform. Es ist ein kleiner Teil dessen, was sie für mich dagelassen haben.

„Mama, ich habe doch gleich gesagt, daß sie es war. Die Leute sagen, sie sei regelrecht auf die Straße gerannt.“

Das Klavier bleibt stumm, Mama. Nach dem Umzug habe ich es extra stimmen lassen in der Hoffnung, daß auch ich die Töne wieder aufleben lassen könnte. Aber Mama, es geht nicht. So sitze ich davor und lasse meine Finger über die Tasten gleiten, ohne sie zu berühren und ich wünsche mir so sehr, du und vor allen Dingen Papa könnte sie hören, die Musik, die Papa so gerne gehört hat. Die Töne sind immer noch in meinen Fingern zu fühlen und ich spüre jeden Ton in meinem Herzen und manchmal auch Papas Hand auf meiner Schulter, wenn er versunken der Musik zugehört hat. Wieder habe ich es nicht über mich gebracht, nicht zum Laden zu gehen. Hagedorn hat den Schaukelstuhl und den runden Tisch jetzt hinten rechts vom Schaufenster gestellt. Er ist nicht mehr im hellen Straßenlaternenlicht zu sehen, aber ich weiß auch so, wie er aussieht.

„Herta hat mir heute morgen erzählt, Fräulein Manders wäre vor Herrn Hagedorn weggelaufen. Er wollte an diesem Morgen schon früh etwas im Laden für eine Abholung bereitstellen, die er tags davor nicht erledigt hatte. Als er Fräulein Manders sah, nahm er an, daß sie die Frau sei, von denen Nachbarn erzählten, sie würde immer morgens vor dem Schaufenster stehen. Er wollte sie bloß fragen, was ihr denn so gut gefallen würde, daß sie jeden Tag so früh vor den Fenstern steht.“

Jetzt ist der Fall abgeschlossen, haben sie mir geschrieben, alle Nachforschungen nach dem Verbleib von Hubert Lauenstein werden zu den Akten gelegt. Es gibt keinerlei Nachweise über seinen Aufenthaltsort, geschweige denn was mit ihm passiert ist, als er am 17. Februar 1945, abends so gegen 21 Uhr die Wohnung in Begleitung von zwei Offizieren der Gestapo verlassen hat. Nichts Mama, nichts Tante Friederike, nichts Papa. Sie sagen sogar, vielleicht hat er sich aus dem Staub gemacht, ohne uns, sei geflüchtet, irgendwo ein neues Leben anzufangen. Zu Staub, zu Staub, auch für ihn kein Grab, genauso zu Staub wie du Mama und Tante Friederike. Warum nur seid ihr so schnell nach dem Alarm aus dem Haus gerannt, wir hätten es doch auch noch in den Keller geschafft, warum diese Eile? Es war doch nicht das erste Mal. Ihr ward so nervös, vielleicht hattet ihr euch wieder gestritten? Wegen mir gestritten? Ich stand zwischen Wohnung und Flur, irgendwie gelähmt, ich wollte euch hinterherlaufen, aber, Mama, ich wollte auch in die Wohnung zurück. Und dann Mama, der Knall, sie haben mich nicht mehr zu euch gelassen. Nur noch alles Schutt und Asche, Asche, keine Menschen mehr. Ich habe die Briefe gefunden, Tante Friederike. Ich habe sie alle gelesen, Mama, heimlich, sie waren im Kosmetikkoffer. Meine beiden Brüder sind nicht auffindbar, die Hebamme hat die Unterlagen wohl gefälscht, sie sind nie irgendwo angemeldet worden. Mama, sie haben dich belogen, wußte Papa davon? Warum durfte ich bleiben und sie nicht? Nur weil ich dir ähnelte, weil ich ein Mädchen war. Wußtest du, daß Tante Friederike sich immer wieder bei ihrem Bruder ausgeheult hat, in seinem letzten Brief schrieb er, es ist jetzt an der Zeit, ihre Ehre wieder herzustellen. Ineke, die fröhlich Hüpfende, Papa, Ineke, die in sich Zerspringende. Ineke, die vor lauter Staub um sich herum nicht mehr hüpfen kann.

„Ach wirklich, Frau Herta, das ist ja fast nicht zu fassen. Schmuck, sagen Sie und einen Brief.“
„Ja, stellen Sie sich vor, da steht drin, weil ich immer ein Lächeln für sie hatte, auch wenn sie es nicht immer erwidern konnte, so gibt sie mir dieses Lächeln in Form des Schmuckes zurück. Alles echt, Halskette, Ohrringe, Armband, Ring, paßt alles zusammen, keiner wußte, daß sie so reich war.“

Lieber Papa, nun bist du schon so lange weg und ich habe so viele Fragen. Mama und Tante Friederike, deine Frau sind bei dem Bombenangriff getötet worden, sie sind auf dem Weg zum Hinterhauskeller direkt getroffen worden und… Ich konnte nur ihre Asche beerdigen, sie waren beide nur Asche, gemeinsame Asche, alles Asche. Die Asche wurde in dem Familiengrab begraben, zwei Urnen, eine Asche. Tante Friederikes Familie ist nicht gekommen, sie haben geschrieben, daß sei die Gerechtigkeit des Herrn für ihre und deine Sünden. Und mit einem Bastard wollten sie nichts zu tun haben, ich würde nicht zu ihrer Familie gehören. Dabei wollte ich doch alles richtig machen und ihnen den Schmuck von Tante Friederike geben. Papa, ich weiß, du hast Mama geliebt und auch Tante Friederike. In den Briefen stand, sie hatte zwei Fehlgeburten und womöglich würde sie eine weitere Schwangerschaft nicht überleben. Ich habe es so geliebt, mit dir zusammen im Schaukelstuhl die vielen Reisen durch die Welt zu erleben. Deine Stimme ist meinem Ohr immer noch nahe. Ineke, die die Welt durch deine Augen gesehen hat, Ineke hat Asche in den Augen und keine Träne mehr, um sie fortzuspülen.

„Gisela, geh vom Fenster weg, mach lieber die Türe auf, es hat geklingelt, Gisela!“
„Guten Tag, Frau Schuster, hm, Frau Schuster, ich, nun Gisela und ich, also im Kino läuft ein neuer Film, Frühstück bei Tiffany, sonntags um zwei, mit Gisela, nein, mein Bruder Franz ist auch dabei und Giselas Schwester kann auch mit. Sie ist auch eingeladen.“
„So, so, Frühstück bei Tiffany. Aber du bringst die beiden sofort nach dem Film wieder nach Hause, Stefan.“

Liebe Tante Friederike, lieber Onkel Hubert, danke für die schöne Puppe zu meinem Geburtstag! Eure Ineke
PS. Ich habe euch lieb, fast so lieb wie Mama.

Doris Mock-Kamm

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3 Antworten zu Frühstück bei Hagedorn

  1. Beat(e)s Welten schreibt:

    Eine berührende Geschichte originell eingerahmt. Ich mag den Ansatz mit den beiden Perspektiven. Was für menschliche Dramen verbergen sich oft hinter den Fassaden des Alltag! Wie wenig wissen wir doch von den Menschen hinter ihrer äusseren Erscheinung.

    Gefällt 2 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Beat(e), stimme dir zu, oftmals beurteilen wir vorschnell nur nach dem äußeren Erscheinungsbild. Wenn ich es nicht besser wüßte, zum Schaden für andere und sich selbst, dennoch sind diese Eindrücke nur die „Vorsichtsmaßnahme“ von Geist und Seele, um sich zu „schützen“. Dieser Schutz bezieht sich nicht nur auf körperliche Unversehrheit, sondern auch auf die seelische. Da wir uns alle also schützen, ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen sich „Masken aufsetzen“, um ihre Verletzlichkeit nicht preiszugeben. Es freut mich, daß du diesen Ansatz aus der Geschichte herausgelesen hast, denn ich hatte sie unter diesem Aspekt selbst noch nicht gelesen. Liebe Grüße Doris

      Gefällt 2 Personen

      • Beat(e)s Welten schreibt:

        Mein Ansatz kommt wohl daher, dass er meine eigenen Schreibversuche prägt: Ausgehend von einer äusseren Erscheinung (Bild) eine Lebenswelt hinter dem gepflegten Schein zu schaffen und zu fühlen.
        Liebe Grüsse
        Beat aus der Schweiz (zur Zeit in Deutschland :-))

        Gefällt 2 Personen

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