Trachten betrachten


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flickr.com/ jonas01123/ (CC BY 2.0)

Um sich besser zu schützen, oder?

Sehr wahrscheinlich, möglicherweise, eventuell, sicherlich, nein, definitiv jeder Mensch unterliegt dem Betrachten, mal nur für kurze Sekunden, mal in länger anhaltenden Momenten. Entweder, um blitzartig, meist unterbewußt, das Gesehene, Gehörte zu unterteilen, in eventuell möglich, gefährlich, annehmbar oder bei längerem bewußtem Betrachten zu dem gleichen Schluß zu kommen, wie nicht darüber nachgedacht zu haben.

Jüngere Menschen nennen diesen Vorgang eher checken oder abchecken, es ist aber im Ergebnis und sogar bei Tieren zu beobachten, die Art und Weise der Absicherung einer Gefahr oder des Zusammenfügens in strukturierte Gedankenwelten.

Was aber nicht alle Menschen veranlaßt, dasselbe Wort ohne das „be“ davor, nämlich „trachten“, in ihren Lebensweg zu integrieren.

Trachten, mittelhochdeutsch trahten, althochdeutsch trahtōn, stammt vom Lateinischen tractare ab und bedeutet traktieren. Traktieren, gleichgesetzt mit bedrängen, verkloppen, drangsalieren, nötigen, keine Ruhe geben, nerven. Ist dies wirklich der Vorgang beim Betrachten? Betrachten, mittelhochdeutsch betrahten, althochdeutsch bitrahtōn, bedenken, erwägen. In diesem Zusammenhang kann auch das Traktat, die Abwandlung, Artikel, Schmähschrift, Essay, Streitschrift, Pamphlet erwähnt werden, denn das Traktat beinhaltet je nach Verwendung eine Abhandlung, Erörterung und ist somit mit dem Betrachten gleichzusetzen, das checken, das uns allen innewohnt.

Nun besitzt unsere Sprache ein „verwandtes“ Wort, das aber bei den Sprachwissenschaftlern nicht in Verbindung zu ‚trachten‘ gesetzt wird. Die Tracht, die Kleidung bestimmter Volksgruppen, hauptsächlich getragen zu besonderen Festen. Laut Duden entstammt das Wort von mittelhochdeutsch trahte und bedeutet tragen, getragen werden. Informiert man sich über ‚tragen‘, so wird die Herkunft als nicht geklärt angegeben. Tracht ist auch ein Synonym für Uniform, Montur, Kluft. Ein Schelm, der Böses dabei denkt! Und vielleicht für diesen Gedankengang eine Tracht Prügel einkassiert.

Tracht wird nicht nur bei einer Tracht Prügel angewandt, sondern bedeutet, die von Bienen eingetragene Nahrung, Stellung einer Fruchtart in der Anbaufolge, Traggestell für die Schultern zum Tragen von Körben und in veralteter Form, die Last, die jemand trägt.

Betrachten wir nun unser Wissen, checken kurz die Fakten, so kommt man nicht völlig umhin, dem Trachten und den Trachten eine gewisse verwandtschaftliche Beziehung zuzugestehen, auch im Hinblick auf die ansonsten mit anderen Wortsynonymen hergeleiteten Begriffe unserer Vorfahren. Denn immer wieder ist zu beobachten, daß ein grundlegendes Prinzip bei den Wörtern eingehalten wurde, nämlich, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Warum sollten unsere Vorfahren also nicht eine Verbindung hergestellt haben zur Erklärung eines Begriffes, wenn es naheliegende Betrachtungen dafür gab?

Eine gute Beobachtungsgabe ist unerläßlich, um uns vor Gefahren zu schützen, sie bewirkt aber wenig, wenn das Gesehene, Gehörte nicht betrachtet wird, das heißt, analysiert, gecheckt. Denn es nützt wenig zu registrieren, daß ein Auto herannaht, wenn wir nicht die Geschwindigkeit abschätzen können. Demnach ist das Trachten, das Bedrängen, das Nerven, das sich bei Betrachtungen einstellt, wie oben erwähnt entweder unbewußt oder bewußt ein Mittel, die Beobachtungsgabe zu schärfen, zu hinterfragen.

Beziehen wir nun die Tracht, die Last in diesen Gedankengang mit ein, so ist es wahrlich bei einigen Beobachtungen eine Last, zu einem Ergebnis zu kommen, das sich als Lösung, als keine Gefahr vorhanden, als zu Ende gedacht, als mit Getragen werden, also als Zustimmung der Beobachtung abschließt. Die Tracht kann demnach auch als getragene Last bezeichnet werden.

Unabhängig von einer tatsächlichen Last, die zu tragen ist, wenn man eine Tracht trägt, wer tatsächlich schon eine Originaltracht angezogen hat, weiß, wovon hier gesprochen wird, kann also eine Tracht eine schwere Bürde, Last sein. Denn es ist durchaus üblich, vor dem Tragen einer Tracht, Kluft, Montur, sich durch Betrachtung einen Überblick über die Konsequenzen angeeignet zu haben, entweder durch bewußtes oder unbewußtes Beobachten.

Lassen Sie sich nicht traktieren, eine Tracht zu tragen, wenn Sie die Betrachtung noch nicht abgeschlossen haben, denn eine Tracht kann Sie nicht von der Beobachtung weiterer Geschehnisse befreien, außer Sie sind es leid, eigene Betrachtungen anzustellen, doch damit sind Sie der Gefahr ausgesetzt, Ihre eigene Fähigkeit des Abwägens, Bedenkens in fremde Hände zu legen.

Nicht umsonst haben unsere Vorfahren hier wohl eine synonyme Verbindung hergestellt.

Doris Mock-Kamm

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