Wo gehobelt wird, fallen Späne


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flickr.com/ Sbamueller/ (CC BY-SA 2.0)

Manchen Müll bekommt man einfach nicht los

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, zugemüllt zu sein? Für den einen ist es die Flut der Spam-Mails auf seinem E-Mail-Konto, die Anzeigenblättchen im Briefkasten, die falschen Versprechungen von wem auch immer, die verschwenderische Verpackung, die sich auf dem Küchentisch stapelt nach dem Einkauf, die dringlich wirkenden Phrasen eines Versicherungs- oder Autoverkäufers, die moralischen Wertezitate von der Kanzel einer Kirche, dem Elternhaus oder der nicht mehr überall zu übersehende Müll, der sich in der Landschaft breit macht, teilweise wie das Wasser bei einer Überschwemmung.

Müll, nicht nur eine Bezeichnung für den entstehenden Abfall von Produkten, sondern längst im Sprachgebrauch übernommen für sämtliche überflüssige, abwertende Dinge, Sachen, Personen, Meinungen. Da kann man sich schon manchmal zugemüllt vorkommen und das Gefühl sich breit machen, nur noch durch einen Müllschlamm wühlend, die Hoffnung nicht aufgebend, wieder „handfesten“ Dingen, Sachen, Personen, Meinungen zu begegnen.

Nun könnte man ja davon ausgehen, daß unsere Vorfahren noch nicht so vehement dem Müll (allgemein) ausgesetzt gewesen sind, auf Grund mangelnder Austauschmöglichkeiten, mangelnder Verschwendung, mangelndem Besitzes und somit das Wort erst neuerer Herkunft sei. Laut Duden stammt das Wort aus dem Niederdeutschen, mittelniederdeutsch mül, althochdeutsch mullen, zerreiben. Ist demnach also schon ein eher „altes“ Wort und wie zu ersehen, wieder einmal einem Handwerk entnommen. Und anscheinend einem Handwerk, dem größere Bedeutung zugemessen wurde, findet sich doch in dem Nachnamenverzeichnis der Name ‚Müller‘ sehr oft.

Das DWB zitiert: ja manchmal ist es (das publicum) geneigt diejenigen welche das wirkliche leisten, so herunterzuhalten, dasz wer nicht sicher weisz was er thut, gern den plunder an den nagel hängt, und mit in dem schutt und müll herumläuft, den sie alle machen. Zelter und Göthe briefwechsel.

Nach diesem Zitat zu schließen, wurde ‚Müll‘ also schon im 18. bis 19. Jahrhundert für Wertloses, Unnützes angewandt. Sicher wäre es jetzt auch reizvoll, zu o.g. Zitat sich zu äußern, bietet es doch in Bezug auf den ‚Müll‘, den wir immer noch konsumieren, interessante Aspekte. Immerhin können wir vielleicht beruhigter schlafen in dem Wissen, die Altvorderen wurden auch schon mit „Gedankenplunder“ zugemüllt.

Zerreiben als Handlungsbeschreibung einer Aktion bedeutet, aus einem Gegenstand ein anderes Produkt herzustellen mit demselben Inhaltsstoff. Zerfleddern wir Papier, bekommen wir Schnipsel, sie sind immer noch Papier. Zersägen wir Holz, erhalten wir Späne, sie sind immer noch Holz. Zerreden wir ein Thema, ergeben sich Ansichten, sie sind immer noch Thema.

Vielleicht reichen diese drei Beispiele nicht aus, um dem Wort Müll einen wirklichen wichtigen Zweck in seiner Bedeutung zuzugestehen. Doch was für eine Weltgeschichte läge hinter uns, wenn nicht unsere Vorfahren Dinge, Sachen, Personen, Meinungen auseinandergenommen, zerbröselt, zermalmt, zerstoßen, zerrupft, zerfetzt, zerschnitten, zerrissen hätten, um je nach Beweggrund für dieses Handeln eine Sache, Ding, Person, Meinung besser anzuwenden oder besser zu verstehen.

Es gehört zum Wesen eines wißbegierigen Menschen, sich mit verschiedenen Sachen, Dingen, Personen, Meinungen auseinanderzusetzen, der Haken ist nur, die meisten sind nicht bereit, die „Späne, die beim Hobeln“ entstehen, in den dafür bereitstehenden Korb zu legen, sondern wedeln gerne mit den einzelnen Spänen weiterhin vor den Nasen der Menschen herum, um zu beweisen, wie toll sie hobeln können. Das ist dann der Müll, den wir nicht gebrauchen können, das ist der Grund, warum wir uns zugemüllt vorkommen.

Doris Mock-Kamm

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