Fürchte dich nicht!


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Leichter gesagt als getan?

Fürchte dich nicht! Leichter gesagt als getan. Denn es ist einer jener Sätze, bei denen es genauestens auf den Zusammenhang zu achten gilt, von wem und bei welcher Gelegenheit er ausgesprochen wird.

Vielleicht ist es vielen nicht ganz unbekannt, den folgenden Satz zu Gehör bekommen zu haben, wenn es mal wieder Knatsch zuhause gab, die Mutter nicht weiter wußte und drohte: Wart es ab, wenn Papa kommt! Schrecklich, finden Sie nicht auch?

Dieser Satz ist aber nicht fokussiert auf Mütter, er findet auch Anwendung unter Geschwistern, in der Schule, in fast sämtlichen Formen eines Zusammenlebens. Leider wurde und wird oftmals die Person, die es dann mal regeln sollte oder soll, auf diese Weise in die Rolle der Tat, schlimmer noch in die Rolle eines Täters gezwungen. Nicht weiter tragisch ist es, wenn es bei einem überschaubaren „Hilferuf“ bleibt, sollte es allerdings zur Norm ausarten, dann kann von Mißbrauch der „geforderten Täterrolle“ gesprochen werden. Und demjenigen, der die „Drohung“ ausgesprochen hat, die Kompetenz einer Konfliktlösung abgesprochen werden, wobei hier zu unterscheiden gilt, ob es sich tatsächlich um eine Unfähigkeit oder aber eine bewußte Verlagerung der Täterschaft auf andere herbeigeführt wurde oder wird, um sich damit selbst „rein zu waschen“.

Wenn wir als Beispiel bei einer familiären Situation bleiben, so werden die Eltern diese „schwierige“ Situation gemeinsam meistern, wenn sie es gewöhnt sind, Konflikte zu benennen und zu besprechen. Sollte dies in einer Familie nicht der Fall sein, wird der „vermeintlich“ Schwächere (das Kind) den Druck der Drohung zu spüren bekommen. Und die „Figur“ des Vaters als „Vollstrecker“ im Gedächtnis bleiben.

In einigen Fällen haben nunmehr diese Täterverlagerungen auch den Weg in die sozialen Medien gefunden. Die Drohungen gegenüber Andersdenkenden, Aussehenden gleichen diesem Muster der Unfähigkeit, Konflikte nach Benennung zu klären oder zumindest die Bereitschaft zu signalisieren, an einer Lösung zur Beilegung zu arbeiten. Erschreckend ist hierbei zu beobachten, daß diese Drohungen sogar auch von Menschen ausgesprochen werden, die sich um das „Wohl des Volkes“ bemühend, zu politischen Ämtern wählen lassen wollen.

Diese Drohungen müssen nicht spezifisch gegenüber einem Menschen zum Ausdruck kommen, sondern sind sehr oft danach ausgelegt, wenn du dies nicht befolgst, dann…, oder wenn dies passiert, dann…, oder wenn wir jetzt nicht handeln, dann… Was geschieht dann, dann kommt die oben erwähnte „Täterschaft“ ins Spiel. Das Überstülpen einer ausübenden Macht, die andere vollziehen.

Fürchte dich nicht! Immer wieder im Neuen Testament ist dieser Satz zu lesen, um Menschen unter anderem daran zu erinnern, sich mit Gottes Hilfe und Beistand den „bösen Mächten“ gegenüber zu stellen. Und genau dieses: Fürchte dich nicht! scheint prädestiniert zu sein, um Menschen, die Drohungen erhalten haben, entweder sich selbst betreffend oder die Gesellschaft, zu einer noch möglichen „Umkehr“ zu bewegen.

Um wieder das Beispiel Familie aufzugreifen, bedeutet dies, wenn du dich jetzt beruhigst oder so handelst, wie ich will, wird die Drohung der Abrechnung durch andere aufgehoben. Hier ist eine Situation, die wie eingangs angesprochen in eine Position führt, die langfristig zu einer unterwürfigen Handlungsweise führen kann. Und der ansonsten dem Satz innewohnende Beistand der Hilfe in Abhängigkeit führen kann, um eventuellen anderen Lösungen aus dem Wege zu gehen, unabhängig von den tatsächlichen möglichen Konsequenzen.

Fürchte dich nicht! Gerade in Momenten, in denen ausweglos scheinende Konflikte das Leben bestimmen, sollte es für die, denen wir zugestehen, eine Situation überschauen zu können, aufgrund ihres Berufes, Standes, Wissens, von Wichtigkeit sein, gemeinsam die Angst vor etwaigen Konsequenzen zu nehmen.

Fürchte dich nicht! Darf nicht bedeuten, Angst vermittelt zu bekommen. Darf nicht bedeuten, nicht seinen Standpunkt vorzutragen. Darf nicht bedeuten, einer etwaigen Strafe ausgesetzt zu sein.

Jeder, der mit Drohungen, Horrorszenarien, Katastrophen seinen Standpunkt verdeutlichen will und gleichzeitig verspricht, wenn du dich so oder so verhältst, passiert dir nichts, ist ein Lügner, Heuchler und hat in Wirklichkeit kein Interesse, einen Konflikt für beide gleichermaßen erträglich zu klären.

Kommen wir wieder zum Beispiel Familie, eine Mutter, die droht mit fremdbestimmter Tat, durch den Vater und ein Vater, der mit Strafen reagiert, können kein gutes Vorbild für Konfliktbewältigung sein. (Vorausgesetzt, es ist ein sogenannter Dauerzustand der Konfliktbewältigung.) Das gleiche gilt für die Menschen, die mittels Angst, fragwürdigen Parolen, veralteten Wertevorstellungen, Phrasen und Schuldzuweisungen auf alles und jenes versuchen, Menschen unter Druck zu setzen, damit sie ihre Vorstellungen durchgesetzt bekommen.

Fürchte dich nicht! Dieser Satz kann nur in Verbindung eines gemeinsamen, auf gleicher Augenhöhe angestrengten Willens positiv Auswirkungen erzielen. Alles andere führt auf einen Weg der Fremdbestimmung.

Fürchte dich nicht! Ein Satz, der öfters einem Mißbrauch unterliegt, sollte gerade in Zeiten von heraufbeschworenen Unruheherden, von Menschen gerne verwendet, um ihre eigenen Unzulänglichkeiten bei einer Problemstellung zu vertuschen, nicht leichtfertig angenommen und übernommen werden.

Die Menschen, die „Fürchte dich nicht!“ ernst meinen, werden niemals vorher oder irgendwann Ängste zu was oder wem gegenüber verlauten lassen.

Doris Mock-Kamm

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