Du hast mir die Augen geöffnet, Milli


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Das Datum weiß ich noch sehr genau, es war der 17.7.1969, denn am Tag zuvor hatte ich meinen 21. Geburtstag gefeiert. Dad und Onkel Will waren Tage davor so aufgeregt, so beinahe unausstehlich wie der Geruch von verfaultem Fisch, zu allem Übel hatten sie Mam nicht eingeweiht, deshalb war sie in diesen Tagen ständig mieser Laune, so daß sie den Tag verflucht hat, der nun mein 21 Geburtstag werden sollte. Sie hatten viel zu organisieren, Mam mit Backen und Kochen, Zimmer herrichten für die Verwandtschaft, die von weiter her extra anreisen wollte. Weiter her, hieß 30 Meilen von uns entfernt, aber schließlich sollten die Großeltern nicht am selben Tag wieder zurückfahren. Dad und Onkel Will taten so geheimnisvoll und verschwörerisch, daß auch ich die letzten Tage ein unbändiges Kribbeln der Vorfreude verspürte, lag doch die Hoffnung in der Luft, ein eigenes Auto endlich mein nennen zu können.

Was soll ich sagen, ich habe mein erstes eigenes Auto bekommen, 250 Dollar, einen Anzug mit tausend Tränen meiner Mutter bestickt. Immer bin ich davon ausgegangen, eines Tages die Autowerkstatt meines Vaters zu übernehmen, schließlich bin ich größtenteils in der Werkstatt aufgewachsen und hatte bis zu diesem Geburtstag meinem Vater geholfen, so daß ich ohne Lug und Trug behaupten konnte, jedes Auto reparieren zu können. Nach dem Willen meiner Eltern hatte da auch nie ein Zweifel bestanden

Meine Urgroßeltern stammten aus Deutschland, sie haben sich hier im Ort niedergelassen und mein Urgroßvater hat eine Zimmerei aufgebaut, erst wohl eher als Nebenjob, aber immerhin hat er es geschafft, eine große Zimmerei mit etlichen Angestellten weiterzuvererben. Nun denn, von diesem Erbe war, als ich geboren wurde, nicht mehr viel übrig, und Dad hatte wie gesagt eine Autowerkstatt, wohingegen Onkel Will sich lieber auf alles stürzte, was zu kaufen und verkaufen war. So kam er irgendwann in den 60igern auf die Idee, mit Versicherungen das große Geschäft zu machen und schaffte es tatsächlich zu einem ansehlichen Wohlstand.

Während ihres feuchtfröhlichen Abends schlug Onkel Will Dad vor, daß ich als cleverer Junge auch das Zeug zu mehr hätte, als in der Autowerkstatt mein Leben zu vergeuden. Und er erinnerte Dad an Erzählungen, nachdem es Sitte sei, in Deutschland nach einer Lehre ein Jahr lang in der weiten Welt sein Glück zu versuchen ohne die Hilfe seiner Eltern, und da dies besser zu bewerkstelligen sei für mich als Versicherungsvertreter und nicht als Autoschrauber, sollte ich, bevor ich die Werkstatt übernehme, mein Verkaufsgeschick beweisen, da man ja irgendwann planen könnte, neben der Werkstatt auch Autos zu verkaufen.

So kam es, daß ich am 17.7.1969 durch eine Kleinstadt fuhr, als mir eine ältere Frau fast vor das Auto gelaufen wäre. Da die Straße kerzengerade durch den Ort führte, muß sie mich gesehen haben, und ich vermutete im Nachhinein, das war reine Absicht von ihr. Jedenfalls waren mir nach dem Schock, sie ging einfach ohne sich umzuwenden weiter, die Knie weich geworden, und ich hielt an einem Restaurant, keine 100 Meter weiter, um mir einen Drink zu gönnen.

„Na, Sie haben wohl schon Kontakt geknüpft und Milli kennengelernt?“
„Ich, nein, aber mir ist eine alte Frau direkt vor das Auto gelaufen, jetzt brauch ich erstmal einen Drink!“
„Sag ich doch, so weiß, wie Sie um die Nase herum aussehen, kann es nur Milli gewesen sein, die Sie getroffen haben.“

Und ich erfuhr, daß Milli, seit ihr Mann bei einem Unfall gestorben war, ihre Kinder verlor sie im 2. Weltkrieg, nur noch das machte, was sie will. Vornehmlich Autofahrer einen Schrecken einjagen, sie sei deswegen auch schon eine Nacht eingesessen, aber Milli sei unerschütterlich. Überhaupt zeige sie seitdem eine ganz andere Seite an ihr, sie beharre darauf, jetzt endlich das tun zu dürfen, das sie jahrelang aus Rücksicht auf ihre Familie, ihren Mann, ihren Kindern und überhaupt wegen so vielem nie habe tun dürfen. So sei sie auch schon beim Stehlen erwischt worden, aber nur einmal, sie wollte einfach nur sehen, wie man sich fühlt, wenn man ertappt wurde.

Nun, ich hatte für heute genug und blieb eine Nacht in der Stadt, auch mit der leisen Hoffnung Milli nochmal zu sehen, damit ich mir ein besseres Bild über diese Frau machen könnte. Auch schien mir diese Kleinstadt ein guter Ort, um mit meinen Versicherungen mein Glück zu versuchen. Und tatsächlich konnte ich am nächsten Tag die ersten Abschlüsse in meiner Mappe stapeln. Aber von Milli keine Spur.

In dem gesamten Jahr, das ich weg von zuhause verbrachte, fiel mir immer wieder das Gesagte zu Milli ein, gerade in Zeiten, in denen ich nicht vom Glück getroffen wurde, Heimweh mich plagte und ich mich auch fragte, mache ich das hier alles für mich oder für Dad oder Onkel Will. Aber das Geld, das mit Versicherungen zu verdienen war, war reizvoll, so daß ich mit Stolz nach einem Jahr Prämien einstecken konnte, um mir damit ein kleines Haus zu kaufen, ohne am Hungertuch nagen zu müssen. Man konnte sagen, ich war angekommen in der Welt der Erwachsenen.

Genau ein Jahr später fuhr ich stolz bei meinem Elternhaus vor. Aber zuvor machte ich Halt in der Kleinstadt, die in meinem Kopf Milli hieß, ich war einfach zu neugierig und hätte es mir selbst übel genommen, nein, heute konnte ich sagen, das Leben hätte einen anderen Menschen aus mir gemacht. Ob es Zufall war oder nicht, als ich vorsichtig und bremsbereit in die Stadt einfuhr, lief sie mir tatsächlich hinter einem Van vorkommend über den Weg. Ich glaube, ich war noch nie so schnell aus einem Auto gesprungen wie damals, durch mein „Hallo Milli!“ blieb sie verdutzt stehen, so daß ich ihr erklären konnte, sie schon einmal getroffen zu haben und sie in das Restaurant an der Ecke einlud. Etwas irritiert musterte sie mich von oben bis unten, aber schließlich überzog ein Lächeln ihr Gesicht und sie grinste: „Der junge Mann, der bleich wie ein Butterteig einen Drink sich genehmigt hat. Ann kann es nicht lassen, ihre Anekdoten vom Restaurant zum Besten zu geben!“

Milli, Mildred, war 70 Jahre alt, genauso alt wie das Jahrhundert und das hätte sie immer dazu veranlaßt, nicht so viel nachzudenken, denn vieles sei einfach offensichtlich gewesen. Wer mußte schon über seinen Geburtstag nachdenken, wenn die Jahreszahl immer der Anzahl der Jahre des Jahrhunderts entsprach. So nahm sie alles hin, die Arbeit bereits in jungen Jahren auf der Farm der Eltern, die Heirat mit John, dem Friseur, die die Eltern eingefädelt hatten. Die Geburten der Kinder, ihre Näharbeiten, weil der Laden zu wenig abwarf, die Untreue ihres Mannes, der es bestens verstand, Frauenherzen zu brechen. Die Schmerzen über den Verlust ihrer beiden Söhne, sie konnte nicht mal diesen Schmerz für sich alleine fühlen, denn so viele Eltern verloren ihre Kinder in dem unsinnigen Krieg. Ihr Leben war nicht ihres, sondern das, das andere von ihr erwarteten, selbst die vergänglichen Jahre des Jahrhunderts zählten ihre Lebensjahre.

Nach dem Tod ihres Mannes wurde ihr bewußt, daß sie selber nicht gelebt hatte, nicht ihr Leben gelebt hatte, sondern das Leben für andere gelebt wurde, und das genau wurde ihr vor Augen geführt, als sie in Trauer über die Hauptstraße ging und fast von einem Lastwagen erfaßt wurde. Das Hupen des Fahrers war für sie wie eine Glocke, die unter der Wucht des Schlegels zersprang und ihr Leben wie aus tausend Splittern vor ihr lag, sie dadurch erkannte, daß das nicht ihre Glocke war, sondern die Glocke, die andere für sie geformt hatten.

So hat sie angefangen sich Bücher zu besorgen, nahm an sämtlichen Kursen teil, die hier in der Stadt angeboten wurden, verweigerte aber, irgendetwas für die wohltätigen Vereine zu geben, sie wollte selbst entscheiden, wer Hilfe benötigte und wer nicht. Sie hat nicht nur tanzen gelernt, sie konnte inzwischen Klavier spielen, tobte mit Kindern auf dem Spielplatz und veranlaßte seither Autofahrer, umsichtiger durch die Straßen zu fahren. Irgendwie sei das für sie zur Bestimmung geworden, Aufmerksamkeit zu erregen, jedenfalls seien die Verkehrsunfälle in der Stadt weniger geworden.

Milli sagte, du bist erst erwachsen, wenn die Glocke deines Uhrwerkes von dir selbst ohne Hilfe wieder zusammengesetzt werden kann und das könne man nur, wenn sie selbst geschmiedet wurde.

Genau dies habe ich seit dem 17. 7. 1970 getan, ich habe kein Haus gekauft, habe nicht die Werkstatt meines Vaters übernommen, habe nicht weiterhin Versicherungen an Menschen verkauft, die sie nicht brauchten, habe nicht das Leben geführt, das Mam, Dad, Onkel Will und andere von mir erwartet haben, ich bin in die Welt gezogen und habe angefangen, an meiner Lebensglocke zu formen.

Mille Grazie, Mildred, mein letztes Kapitel ist dir gewidmet und ich hoffe, ich habe mit meinen Büchern dazu beigetragen, den Menschen den Unterschied zwischen leben und gelebt werden aufzeigen können.

Dear Mildred,

your lips were red,
your eyes were blue,
your ideas were true.

Where ever you are,
your heart beware
how to live
the spirit of love.

Thank you, Milli

Doris Mock-Kamm

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3 Antworten zu Du hast mir die Augen geöffnet, Milli

  1. Pingback: Samstag, den 15. Oktober 2016 | Kulturnews

  2. Sylvia Kling schreibt:

    Ich habe gerade in großer Berührung geweint. Mehr kann ich momentan nicht schreiben.
    DANKE

    Gefällt 2 Personen

  3. Ede-Peter schreibt:

    oooh ist die Geschichte toll – ganz ohne Ironie gemeint. Hat mir sehr gut gefallen.
    LG Ede

    Gefällt 2 Personen

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