Vom Erklimmen von Stockwerk zu Stockwerk


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Oder aber ne Etage tiefer fallen?

Es mag für manche Kinder, aber auch für Menschen, die unsere Sprache erlernen, manch Wörter geben, die zu Verwechslungen oder gar zu Kopfschütteln führen können, weil sie oberflächig betrachtet einfach nicht den Sinn erschließen, warum sie für diesen Ausdruck gewählt wurden.

Zu diesen Wörtern gehören Stockwerk, Obergeschoß, Etage als Beschreibung einer weiteren Raumfläche über einem Gebäude. Nun gibt es die Stockwerke, Obergeschosse, Etagen schon lange als „Baustil“, und somit kann man auch davon ausgehen, daß die Wörter keine neue Erfindung sind, also erst mit dem Zeitalter der Wolkenkratzer in den Sprachgebrauch aufgenommen wurden.

Stockwerk, ein Werk des Stockes? Eher nicht, es ist nicht nur der Stock, der hier zu dem Wort verholfen hat, sondern auch das Verb aufstocken, etwas erhöhen, vergrößern, erweitern. Stock, mittelhochdeutsch stoc, Baumstumpf, Klotz, ursprünglich abgeschlagener Stamm, Ast und ist, wie kann es anders sein, wortverwandt mit stoßen. Alleine hier kann man schon gut ersehen, wie alt der Gebrauch des Wortes ist.

Obergeschoß, oben wird geschossen? Auch wohl eher nicht, hier wird aus Schoß, Geschoß formuliert, sonst müßte es heißen Oberschoß, was natürlich offensichtlicher wäre, um die Bedeutung besser zu verstehen. Der Schoß althochdeutsch, scōʒa, mittelhochdeutsch, schōʒ, Kleiderschoß, Mitte des Leibes, beim Sitzen durch die Oberschenkel geformte Vertiefung, ursprünglich aber Ecke, Zipfel, Vorspringendes, verwandt mit schießen, emporragen, hervorspringen, hier zum Vergleich, Geschoß.

Sind Sie noch dabei, auf dem Weg zur nächsten Etage? Etage, aus dem französischen, étage, Rang, Stand, Aufenthalt, übernommen aus dem vulgärlateinischen status, Staat.

Der Staat, spätmittelhochdeutsch, staat, stat, wiederum hat unter anderem die Bedeutung, Stand, Stellung, Stehen, Verfassung, Rang, zu stare, aufhalten wohnen.

Nun sind wir sprachlich in die oberen Stockwerke gelangt und können durch die Rundumsicht besser den Überblick über das Zustandekommen dieser drei Wörter verstehen, oder?

Alle drei Wörter zeigen für sich den Umstand des bau- oder handwerklichen Einflußes zur Begriffszusammenstellung. Der beim Fällen eines Baumes übrig gebliebene Baumstumpf erklärt uns die Verwendung für das Stockwerk. Der Schoß, als Vorspringendes, als Emporragendes, Erhöhung den Begriff für Obergeschoß. Der Rang, der Stand, die Stellung erklärt die Etage, das Aufhalten, das Wohnen.

Warum nun der ganze Aufwand über diese drei Wörter? Wenn Sie sinnbildlich gesehen vorhaben, in Ihrem Leben in die oberen Stockwerke, Obergeschoße, Etagen zu steigen, um einen Rundumblick, Überblick auf die geleistete Mühe Ihres Arbeitseinsatzes zu ergattern, so ist es nicht hilfreich, dabei diese Position mit Stöcken zu verteidigen, noch um sich zu schießen, noch auf ein Anrecht zu pochen, diesen Stand erreicht zu haben. Vielmehr sollte Sie die Frage beschäftigen: Beherrsche ich die Kunst des Wägens?

Die Kunst des Wägens ist die Statik, und ohne Berücksichtigung der Statik nützt Ihnen weder Ihr Stand, noch ein Fuchteln mit einem Geschoß, noch das Hantieren mit Stöcken.

Die Statik ist verantwortlich für die Tragfähigkeit Ihrer Leistung beim Bau des Gebäudes, symbolisch aber auch für Ihre Fähigkeit ausgewogen mit Ihrer Umwelt und den Mitmenschen umzugehen, denn ein Nichtbeachten der Ausgeglichenheit in vielen Bereichen des Lebens hat schon viele Baumeister wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Vom Erklimmen von Stockwerk zu Stockwerk

  1. gkazakou schreibt:

    War wieder mal interessant zu lesen. Hier in Griechenland wurde das Wort „Retiree“, eigentlich für den ausgebauten Dachstuhl verwendet, zum Inbegriff der hohen Einkommen. Und wenn aus einer Dachterrasse Eisenstäbe ragen – man braucht sie, um beim Aufstocken neue Betongerüste zu verankern – , so nennt man sie anamones, die Erwartenden.LG

    Gefällt 2 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Danke für die Information bezüglich der „Erwartenden“, der Ausdruck gefällt mir sehr.. Es wird hoffentlich für spätere Generationen die Möglichkiet bestehen, die „anamones“ und „Retiree“ in Bezug zu ihrer Entstehung nachzuvollziehen. Beide Begriffe geben Einblick in die „gesellschaftliche“ Gedankenwelt.

      Gefällt 1 Person

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