Blümchenkaffee


https://pixabay.com/de/goldene-tasse-kaffee-gold-1517356/

pixabay.com

Anstand oder Feigheit bei zuviel Geiz?

Eventuell unterliegt man als junger Mensch eher der Versuchung, nicht die Wahrheit zu sagen, wenn etwas bedenklich oder gar völlig falsch erscheint. Man möchte wahrscheinlich rücksichtsvoll erscheinen oder befürchtet, nicht mehr in den Genuß von Vorteilen zu gelangen.

Kurzum, man trinkt seinen Blümchenkaffee mit der Bemerkung, er sei vorzüglich oder einfach sehr gut. Man trinkt die Brühe und lächelt. Sie wissen nicht mehr, was ein Blümchenkaffee ist? Aber Sie erinnern sich sicher an die netten, blumigen, auch gemusterten Kaffeeservice, die man als Kommunionskind für die Aussteuer oder als Geburtstagsgeschenk überreicht bekommen hat. Hatte man sehr reiche Verwandte, dann bekam man sogar ein ganzes Service, also sechs Tassen, sechs Unterteller, eine Kaffeekanne, Zuckerdose, Milchkännchen. Und unten am Tassenboden war eine Blume, ein Blümchen. Wenn es echtes Meißner Porzellan war, wurde es sichtbar ins Wohnzimmerbuffet drapiert, oftmals so, daß man den Tassenboden sehen konnte.

Der Begriff Blümchenkaffee leitet sich von eben jenen schönen Tässchen ab, sah man durch den frisch eingeschenkten Kaffee hindurch eben jene Blümchen, war es ein Zeichen, daß am Kaffee gespart wurde, und die Hausfrau eventuell zu geizig war, ein paar Bohnen mehr mit aufzubrühen. Dies vor dem Hintergrund, wer denn so eine teure Aussteuer hatte, sollte es nicht nötig haben, am Kaffee zu sparen.

Nun sind die Zeiten des sparsamen Umganges mit Kaffee längst vorbei, und nur noch wenige Menschen werden sich daran erinnern, daß es eine Zeit gab, in der Kaffee einen kleinen oder großen Hauch von Luxus anlastete. Der Ersatzkaffee mit Eicheln und Getreide, oder vielleicht kennt jemand noch den Caro-Kaffee, den konnte man auch aus diesen Blümchentassen serviert bekommen. Kaffee gibt es inzwischen an jeder Ecke, anstatt Kaugummi- und Zigarettenautomaten. Die verschiedenen Geschmacksrichtungen, die man heute erhält, sind so mannigfach, daß man bei der Entscheidung, welchen man nun probieren könnte, sicher je nach Geschäft einen Monat bräuchte, um sich durchzukosten.

Aber wieder zurück zum Blümchenkaffee. Da sitzt man nun artig bei dem Nachmittagskaffee und bringt es nicht übers Herz, den angebotenen Kaffee abzulehnen, weil man das Blümchen, sogar wenn man kurzsichtig ist, sieht, bevor man einen Schluck getrunken hat. Ist dies nun Anstand oder ein Zeichen von Feigheit?

Anstand kann es ohne weiteres sein, da man die Gastgeber nicht blamieren möchte, falls noch andere Gäste zugegen sind. Feigheit kann es ohne weiteres sein, da man nicht die Fähigkeit aufbringt, der Wahrheit entsprechend zu monieren, daß der Kaffee aber etwas zu dünn ausgefallen sei. Als junger Mensch steht man öfters vor solchen Entscheidungen, sinnbildlich gesehen.

Wenn man in den ersten Fußstapfen seines Berufes steht und noch nicht „fest im Sattel sitzt“, wird man es tunlichst vermeiden, Dinge beim Namen zu nennen und lieber den „Spülwasserkaffee“ trinken. Das ist auch nicht ein Zeichen von fehlender Persönlichkeit oder Anbiederung, sondern zählt bei jungen Menschen eher noch (hoffentlich) zur Entwicklung. Anders sieht es aus, wenn Erwachsene sich nicht äußern und den Blümchenkaffee ohne Kommentar schlürfen. Dies zeigt eher ein Fehlen der Persönlichkeit und ist oftmals ein Anbiedern, um damit gewisse Vorteile zu erzielen, denn er kann ohne weiteres wissen, daß sich auf dem Boden der Tasse nur ein gemaltes Bildchen befindet, keine echte duftende Blume.

Neuerdings kann man allerdings feststellen, daß eine zunehmend größere Anzahl Erwachsener dieses Wissen nicht nützen, denn sie trinken „das Spülwasser“, das ihnen von neuen politischen Parteien vorgesetzt wird, ohne mit der Wimper zu zucken und erfreuen sich sogar noch daran, vor dem Kosten schon einen Blick auf die vorgegaukelte, schöne blühende Welt zu erhaschen.

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Blümchenkaffee

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Liebe Doris, ich erinnere mich an stete Diskussionen, wenn irgendwo ein schwacher Kaffee serviert wurde. Da kamen dann gerne solche Sätze wie, „Da hat eine wohl nur ne Bohne durchgeschossen“ oder, „Ich kann lesen woher die Tasse stammt“ (manchmal stand da was auf dem Tassenboden), gerne aber auch die Bezeichnung „Muckefuck“ 😀 Da ich selbst erst mit ca. 35 Jahren begann, Kaffee zu trinken, musste ich auch nicht schwindeln 😉

    Gefällt 2 Personen

  2. Kerstin schreibt:

    Den Blümchenkaffee gibt’s aber nicht nur von den neuen Parteien. Eigentlich ist es derzeit das, was alle Parteien servieren, mehr oder weniger dünn, manche Tassen sogar ganz ohne Blümchen…und einige erzählen einem sogar noch, sie würden einem aus Meißner Porzellantassen servieren und einst taten sie das vielleicht sogar, aber das ist Schnee von gestern und heute gibt’s bloß eine alte Steinguttasse mit Sprung. Und sie scheinen zu glauben, keiner bemerke das….

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s