Hochstapelei keineswegs ein Kavaliersdelikt


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Stapeln will gelernt sein

Vielmehr wäre wohl richtiger, nicht jeder kann stapeln, da hilft oftmals auch das Lernen nicht. Schon bei Kleinkindern kann man beobachten, daß das eine Kind mühelos Klötzchen auf Klötzchen setzen kann, ohne daß der Turm vorzeitig umfällt, das andere Kind aber damit zu kämpfen hat, die Klötzchen fast nie die richtige Lage haben, das nächste Klötzchen schief sitzt und somit den ganzen Turm vorzeitig zum Einsturz bringen kann.

Kann man sagen, Stapeln ist eine Kunst, eine Kunstfertigkeit, ein Talent, ähnlich dem mathematischen Verständnis, das, auch wenn jetzt einige sicher gern wiedersprechen möchten, eine grundlegende Fähigkeit voraussetzt, um es zu beherrschen und zu verstehen? Wer schon einmal die Gelegenheit hatte, Staplerfahrern bei der Arbeit zuzusehen, wird möglicherweise selbst bei dieser Tätigkeit die Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrern festgestellt haben, wenn sie ihre Fracht in die dafür vorgesehenen Stauräume platzieren. Nicht jeder ist mit dem gleichen Geschick für Größe, Raum so verwachsen, daß auf Anhieb alles perfekt abgelegt werden kann.

Nun ist Stapeln können nicht unbedingt eine Voraussetzung, um im Leben seine berufliche Existenz zu finden, Mathematik übrigens auch nicht, aber immerhin die Fähigkeit des Schichtens von Materialien, ohne daß dieses Konstrukt einstürzt. Von großem Vorteil selbst bei der Lagerung des gespaltenen Holzes für den Winter, nur so zum Beispiel. Es gibt aber auch Stapler, die nennt man Hochstapler, dieser Menschenschlag stapelt Lügen vermischt sehr oft mit Mitleid erheischenden Gefühlsanwandlungen, um damit zu erreichen, daß seine Wohnstatt bestens ausgestattet und für sein leibliches Wohl stets gut gesorgt ist.

Diese Hochstapler suchen sich in der Regel Menschen mit einem großen Potential an Mitgefühl aus, um sich so Gelder und Vorteile zu erschleichen. Die Liste der Betrogenen wird umso länger, wenn diese Menschen es schaffen, im Gewande von Vereinen, Organisationen, die für gemeinnützige Zwecke ins Leben gerufen wurden. Hochstapelei ist kein neuzeitliches Problem, sondern zieht sich wohl eher durch sämtliche Geschichtsepochen.

Hochstapler, von hoch, gleichgesetzt mit vornehm und stapeln, gleichgesetzt mit betteln in der Gaunersprache. Daraus läßt sich schließen, daß die meisten Hochstapler ihre „Opfer“ unter den besser gestellten Mitmenschen gesucht haben, aber nicht nur nach finanziellen Gesichtspunkten, sondern gleichwohl auf der Suche nach Vorteilen verschiedenster Art.

Die Gründe, die Menschen bewegt, andere zu betrügen, sind mannigfaltig, vielleicht kann man es so nennen, individuell. So hat Victor Lustig 1925 den Eiffelturm an einen Schrotthändler verkauft, Karl May sich unter anderem als Augenarzt Dr. Heilig ausgegeben, und wer kennt nicht den als Hauptmann von Köpenick bekannten Friedrich Wilhelm Voigt. Die Liste ließe sich beliebig verlängern, obwohl nicht alle Fälle von Hochstapelei an die Öffentlichkeit kommen. Viele Menschen, die auf Trickbetrüger hereinfallen, fühlen oftmals eine Scham, die sie schweigen läßt.

Wer selbst oder durch unmittelbar betroffene Bekannte mit Hochstaplern in Berührung kam, wird die teilweise perfide Art der Erschleichung in das Gefühlsleben der „Opfer“ besser verstehen können und wissen, wie schwer es sein kann, über den Betrug zu sprechen. Es sind nicht nur die finanziellen Verluste, die die „Opfer“ belasten. Und die Hochstapler, wie reagieren sie? Sie stapeln einfach weiter, wenn sich eine neue Möglichkeit bietet, sie empfinden meistens kein Schuldgefühl, keine Reue, denn würden sie sie empfinden können, könnten sie nicht hochstapeln.

Ihre Gefühlswelt ist nur ihnen selbst gegenüber aktiv, nicht für andere Menschen. Und wenn wir wieder zum Beispiel des Kleinkindes zurückkehren, das es gedankenverloren schafft, ein Klötzchen auf ein anderes zu setzen, mit einer Leichtigkeit, dann kann man den Begriff Hochstapler vielleicht noch besser verstehen, denn auch sie stapeln „gedankenverloren“ eine Lüge auf die nächste Lüge und ignorieren in diesen Momenten alles andere, das um sie herum geschieht.Und es gehört auch eine gewisse Art Talent dazu, Menschen zu hintergehen, sie zu betrügen, sich in ihr Vertrauen einzuschleichen, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Sie sind wie Schmarotzerpflanzen, denn sie können noch lange, nachdem sie entlarvt worden sind, von den Vorteilen, die sie sich ergaunert haben, leben.

Kann man sich vor Hochstaplern schützen? Wohl nicht gänzlich, denn durch die Maschen der Wohltätigkeit, Spendenaufrufe, Mitleidstour, ist es schwer, die Maske zu erkennen, die der Hochstapler für seine Lügen benützt. Hellhörig sollte man spätestens dann werden, wenn die Mitleidstour kein Ende nimmt und ständig durch neue Mitleidsvarianten ersetzt werden.

Verbieten Sie ihrem Kind jetzt auf keinen Fall, seine Klötzchen bis zum Himmel zu stapeln, bestärken Sie es ruhig in seinem Können, die Hauptursache der Hochstapler ist wohl eher ein Minderwertigkeitskomplex und ein Liebes- und Anerkennungsdefizit.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Hochstapelei keineswegs ein Kavaliersdelikt

  1. gkazakou schreibt:

    nur ein Einwand: Hochstapler sind keine Schnorrer und Trickbetrüger. Vielmehr machen sie sich Vorurteile hinsichtlich von Titeln und Bekleidung zunutze, sie geben sich aus als Reiche, Adlige, Gebildete, ohne die entsprechenden Voraussetzungen (Papiere, Herkunft, Villa) zu haben. Ich kannte zu Studentenzeiten einen jungen Mann, der seinen Nachnamen mit seinem Geburtsort verband (Bonin von Dieburg) und sich dadurch, ohne zu lügen, als Adliger zu erkennen gab. Ich war Zeugin, als er telefonisch von dem Münzapparat einer Raststätte, als wir zusammen nach München trampten, Freikarten für eine Ballettpremiere „bestellte“. Als wir ankamen, war die Kasse bereits zu, und er war sehr ungehalten. Der zuständige Direktor rannte, um ihm zu Diensten zu sein, und beschaffte die gewünschten Freikarten, sich entschuldigend, dass sie nicht nebeneinander lagen. Wir sahen eher abgerissen aus – was die Wahrscheinlichkeit, dass wir von hohem Adel waren, vermutlich vergrößerte.
    Das Gelingen hängt wohl davon ab, dass der Hochstapler seine künstliche Person für genauso authentisch hält wie zB ein Adliger, der aus Geburtsgründen Privilegien wie selbstverständlich in Anspruch nimmt. .

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    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Gerda, Hochstapler sind im weitesten Sinne schon auch Schnorrer und Trickbetrüger. Du erwähnst zu Recht die „adelige“ Ebene, das Vortäuschen einer „besseren“ gesellschaftlichen Stellung. In meinen Augen sind sie deshalb Schnorrer, weil sie durch „indirektes schnorren“ sich Vorteile erbetteln, auch wenden sie vielerlei Tricks dabei an. Persönlich bin ich drei Hochstaplern in meinem Leben begegnet, alle drei haben, wie du erwähnst, ihre Lügen gelebt, interessanterweise bei anderen Menschen andere, sie können von einer Persönlichkeit in die nächste zappen. Es ist wohl ein „Krankheitsbild“ ähnlich eines Kleptomanen, der trotz keinerlei Mangel das Klauen nicht lassen kann. Liebe Grüße Doris

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