Den VW-Käfer doch nicht verwettet


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Okay, okay, schön langsam. Wie komm ich denn jetzt auf okay, okay, so lange nicht mehr gehört, gesagt, geschweige denn gedacht! Aus dem Gedächtnis verdammt, weil zu oft angewandt, bei fast jeder Gelegenheit, ob passend oder nicht ausgesprochen, den Leuten auf den Nerv damit gegangen, bis sie selber anfingen, okay, okay zu benützen, egal ob für gebongt, alles erledigt, verstanden, ist schon gut. Ab da war gar nichts mehr gut, es war einfach nur nervend, okay, okay.

Das Ganze ist eine saublöde Idee gewesen, ich konnte mal wieder meinen Mund nicht halten, hätte schon können, wollte nicht, manchmal überrumpelte mich das alte: Hab dich nicht so, das ist doch machbar, das geht doch mit links, da steh ich drüber, und dann steh ich erstmal wieder drunter. Unter meiner eigenen Fuchtel, die mich zu Äußerungen verleitete, die mir geholfen haben, Situationen zu meistern, Respekt zu erlangen, mich abzugrenzen, mich selbst kennenzulernen, wenn ich mit dem Kopf durch die Wand gerannt war. Dachte, ich hätte die Hörner schon längst abgestoßen, aber heute morgen war mir das Gesäusel von Helmuts neuer Freundin einfach zu viel.

Nicht nur, daß sie dauernd wie eine Klette an ihm hing, ihm permanent Honig ums Maul schmierte, indem sie zu allem was er sagte, dachte, zustimmte, bejahte, ihn bestätigte, so als ob sie keinen eigenen Kopf besäße und er, er schien es zu genießen, Dösbaddel, selbst Hajo hat ihn gestern abend flapsig gefragt, als sie die Toilette aufgesucht hatte, um ihre Toilette zu richten, ha ha ha, ob er nicht ein wenig zu blauäugig wär, aber er schien es überhaupt nicht zu bemerken, wie unselbständig sie sich gab, um ihn um den Finger zu wickeln. Sie schien die Art von Frauen zu sein, die anfangs alles, aber auch alles an dem Partner faszinierend finden, bezaubernd alles von ihm Geäußerte sogar noch mit eigenen Gedanken untermalen, und es als eigenes Gedankengut in Anspruch nehmen, sogar die gleiche Gefühlsebene vorgaukeln, bis der Fisch an der Angel sitzt und sie dann schleichend ihre Gedankenwelten und Gefühle indoktrinieren, das Gegenüber selbst nicht mehr erkennt, daß er nur noch ihr Sprachrohr ist und willig zu allem Ja und Amen sagt.

Okay, okay, mochte sein, ich war eifersüchtig, vielleicht auch neidisch, neidisch, nein, vorsichtig, Hajo war schließlich mein Bruder, und er hat eine verdammt harte Zeit hinter sich. Und nein, ums Geld ging’s auch nicht, oder doch? Scheiße! Ne, okay, okay. Dann eben doch lieber okay, okay. Es ging sicher auch ums Geld, bei mir oder bei ihr. Beides. Jetzt stand ich hier oben, der Hang war rutschig, wir haben ausgemacht, keine Telefonate, nur im Notfall, dann aber dreimal hintereinander, einmal hieß alles okay, schon wieder, okay. Okay, okay. Blöder Film, hundertmal angeguckt, um dieses blöde okay, okay zu hören und um uns schlapp zu lachen, okay.

Irmi, Hajo, Helmut und ich waren wie ein Flächenbrand über alle Konventionen hinweg durch dick und dünn gegangen, irgendwie waren wir von Anfang an, als wir uns auf dem ersten gemeinsamen Unifest kennenlernten, nicht mehr zu trennen. Helmut, der gemütliche, gemächliche Stubenhocker hatte bereits vier Semester an der Uni verbracht, aber die meiste Zeit wohl eher hinter seinen Büchern versteckt die Welt beobachtet. Er wollte mir anhand dieser wilden Unifeste zeigen, wie gefährlich so ein Leben für mich werden könnte, wenn ich erstmal in den Tümpel von wilden aufsässigen Losern, die hier an der Uni rumhingen, ins Nichtstunleben abdriften würde, gäbe es für mich keine rosige Zukunft.

Und kaum waren wir auf der Fete, hat er Irmi gesehen, mich vergessen und mich meinem Schicksal überlassen. Hajo hat sich meiner angenommen, er studierte wie Helmut Jura, saß mit ihm in den gleichen Vorlesungen. Irmi war wie ich eher ein Heißsporn, immer fröhlich, unerschütterbar, und wir dachten, wir könnten die Welt in die Knie zwingen.

Irgendwie haben wir das auch geschafft, bis Irmi vor fünf Jahren ihre Eltern bei einem Autounfall verlor, in ein tiefes Loch fiel, sich immer mehr abkapselte und schließlich auf Druck von Helmut einen Psychiater aufsuchte, in der Hoffnung, sie dadurch wenigstens von den Tabletten wieder runter zu bringen, die sie haufenweise schluckte. Er hat sie aber nicht nur von den Tabletten befreit, sondern ihr ihre wahre Befreiung offenbart, sie hat nach einem halben Jahr Therapie die Scheidung eingereicht und lebte jetzt mit ihrem Psychiater in Südfrankreich, beide leiteten dort gemeinsam Seminare, in denen sie die Menschen spirituell von ihren weltlichen Übeln befreiten. Irmi war nicht mehr Irmi, sondern Maybella, die Muse, Gönnerin und geistige Mittlerin zwischen den Welten. Sie hat jeglichen Kontakt zu den Menschen abgebrochen, sogar zu ihren Kindern, die ihr neues Leben in Frage stellten.

Eigentlich war für heute eine Wanderung rund um unseren Urlaubsort geplant, seit Irmis Weggang haben wir uns immer wieder Zeit genommen und mit Helmut einen Wochenendtrip organisiert. Diesmal sollte es nach langer Zeit mal wieder in die Berge gehen, mal wieder wandern, den Kopf frei machen. Helmut hat nach anfänglichen Depressionen über den Verlust und über die Selbstzweifel, die ihn zermarterten, langsam wieder zurück in sein Leben gefunden, hat seine Firma vergrößert, die Kinder waren, wie unsere, sozusagen aus dem Gröbsten und nur noch sporadisch zu Hause. Drei Tage vor der Abreise hat er nun Rita kennengelernt und darauf bestanden, sie mitzunehmen, da sie noch nie in den Bergen war.

Okay, okay, er hat sie extra eingekleidet mit Schuhen, Hose, Jacke, Rucksack und noch anderem Kram, eher für eine Gipfelbesteigung als für eine gemütliche Wanderung rund um die Sehenswürdigkeiten des Hotels. Und heute Morgen nun, es regnete, regnete immer noch, ich war naß bis auf die Knochen, mir war kalt und ich hatte die Orientierung verloren, die blöde Karte half mir kein bißchen, den letzten Wegweiser hatte ich vor einer Stunde gesehen und jetzt ging es hier entweder steil bergab oder ich mußte den ganzen verdammten Weg zurück. Und das alles nur, weil Madame heute morgen sich gesträubt hat, das Hotel zu verlassen und Helmut fast schon überzeugt hätte, daß es auch seine Meinung sei, lieber nochmal in die Federn zu steigen und mittags sich am Swimmingpool des Hotels zu treffen.

Da kam ich auf die glorreiche Idee zu dieser Wette, jeder sollte eine etwa gleich lange Strecke sich aussuchen, und wer zuerst wieder im Hotel ankam, dem würde ich meinen alten VW-Käfer schenken. Okay, okay, größenwahnsinnig, ich weiß. Nicht mal Hajo durfte mit ihm fahren, wenn ich nicht daneben saß, Helmut schon gar nicht, der durfte nur als Beifahrer die Fahrt genießen. Himmelblau, ein Geschenk von Vater zum Uniabschluß und mein absolut wichtigster Besitz. Okay. War ich blöd.

Helmut war als erster an der Rezeption, um sich Karten über die Wanderrouten geben zu lassen. Die nächste Stunde verbrachten wir mit dem Abwägen der möglichen Streckenabschnitte, ob deren Länge und Schwierigkeitsgrade, die sollten, so Hajo, mit berechnet werden. Und ich war so verdammt bescheuert, hatte mir den Weg ausgesucht, der wohl die meisten Höhenunterschiede hat. Der einzige Trost, der mir blieb, war, daß es höchst unwahrscheinlich war, daß Rita sich meinen Käfer unter den Nagel riß, Helmut würde es wohl auch nicht schaffen und Hajo, naja, wenigstens konnte er mir nicht verbieten, mit ihm mitzufahren.

Also Zähne zusammenbeißen und jetzt diesen Hang runter, schön immer seitlich, mit den Armen ausgleichend, nichts überstürzen, erst locker dann fest auftreten, ging doch. Okay, hier war wenigstens noch eine Ahnung von Weg zu sehen, mußte mich wohl rechts halten. Aha, war auf der Straße zum Hotel, schlappe zwei Kilometer, eine Ewigkeit, aber ich hatte nicht um Hilfe gerufen, ich hatte es geschafft, geschafft, meinen Käfer zu opfern und mir eine Grippe einzufangen.

Rita war Vergangenheit, Helmut so gut wie unter der Haube, nicht nur beziehungsmäßig, sondern auch real, denn er verbrachte jede freie Minute in der Werkstatt von Brigitte, und gemeinsam schraubten sie nicht nur an Autos.

Helmut war so nach der Hälfte seiner Strecke übel geworden, also schlich er sich als Verlierer fühlend zurück zum Hotel, die Zimmerschlüssel seien bereits ausgehändigt worden und  fand Rita in der Wanne liegend, unter der Dusche die Wanderklamotten und Schuhe. Die Vorbereitung für einen nassen Eindruck, wenn denn die Zeit in etwa gekommen wäre und wir uns alle wieder im Hotel einfinden würden. Sie war bereits mit einem Taxi zum nächsten Bahnhof gefahren, als Hajo im Hotel ankam und von einem grinsenden Kellner abgefangen wurde, der ihn in die Hotelbar führte zu einem gestikulierenden, dem Redefluß verfallenen Helmut, der jedem die Geschichte von einer triefenden Lady erzählte, die er zwang, in den nassen Klamotten das Zimmer zu verlassen. Sie mußte sich in den Toiletten des Restaurants umziehen und hatte es eilig, mit dem bestellten Taxi das Hotel zu verlassen.

Mein Wetteinsatz wurde mir zugesprochen, da die Wette für ungültig erklärt, und Helmut hat auf der Suche nach einem VW-Käfer, den er sich als Warnung für die nächste Liebelei anschaffen wollte, Brigitte kennengelernt.

Okay, Hajo durfte inzwischen meinen Käfer auch alleine fahren, für mich als Warnung, nicht mehr so übermütig mit meinen Gefühlen und Worten umzugehen.

Doris Mock-Kamm

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