Was man als Kind so denkt


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‚Kernseife, Mehl, Grieß‘, ganz einfach, vielleicht hat heute Mittag Stefanie mal wieder Zeit zum Spielen, seit sie in die Schule darf, kommt sie fast gar nicht mehr raus. Ich weiß jetzt auch schon, wie man Buchstaben schreibt, A, M, L, und das mit dem großen Strich, aber sie darf nie alleine einkaufen, auch nicht Milch holen, nur an der Hand von Fräulein Margret, die kocht und putzt da und paßt auf Stefanie und Wolfgang auf. Der ist schon groß, kann rechnen und ärgert mich immer, wenn ich nicht weiß, was irgend etwas ist, bald kann ich es auch, nächstes Jahr, dann zeig ich ihm, was ich kann. Er kann dafür noch nicht richtig Fahrradfahren, sein Rad ist neu und blau, hat eine Klingel und richtige Bremsen, sagt er. Ich muß immer ohne sitzen fahren, sonst kann ich nicht treten, das Rad gehört mir auch nicht. Gehört uns allen, haben drei Räder, alle sind mir zu groß, das eine fährt nur Vater.

‚Kernseife, Mehl, Grieß, Kernseife, Mehl‘, Mama sagt immer, die sind arm dran, obwohl die eigene Zimmer haben, Stefanie hat eine Puppe mit richtigem Haar, die darf ich nicht anfassen, höchstens mal die Haare streicheln. Und Wolfgang hat eine Eisenbahn, die fährt, und er hat eine Mütze und die kann im Kreis fahren. Ich bin auch schon mal Zug gefahren, da waren überall Lichter auf den Straßen, und überall in den Geschäften waren Spielsachen, die konnten sogar mit dem Kopf wackeln. Meine Puppe ist kaputt, die Susi Katze hat drauf gemacht, hab sie draußen liegen lassen, Mama konnte sie nicht retten, hat ihr die Haare geschnitten, keine echten, aber im Kopf war auch Kacke, sagt Mama. ‚Mehl, Grieß, Mehl, Grieß.’

Alle essen Kacke, aber das darf ich nicht sagen, Mama wird wütend, und Vater hat mich versohlt, weil ich nichts essen wollte von der Kacke und ihnen das Essen verdorben habe. Der Andrea ist schlecht geworden und Jupp, mein Bruder, hat angefangen zu würgen, was kann ich dafür, wenn die die Kacke aufs Feld bringen, habe es selbst gesehen, auch im Garten. ‚Kernseife, Grieß, Grieß, Kernseife.‘ Ich eß ja auch wieder, auch die Kacke, Mama sagt, die Pflanzen bräuchten die Kacke zum besser Wachsen, und da sei nichts mehr auf dem Essen, weil der Regen alles sauber mache. Doch das stimmt nicht, hab nachgeguckt, da ist immer noch was da, hab im Garten Möhren ausgebuddelt, die Erde hat nach Pipi gerochen. Klaue jetzt keine mehr, aber die Erbsen schmecken sowieso besser und sind eingepackt, Schimpfe hab ich auch gekriegt. ‚Mehl, Grieß, Kernwäsche, Grieß.‘

Die Stefanie hat gesagt, sie spielt nicht mehr mit mir, wenn ich nicht aufhöre, sowas zu sagen. Die darf eh nur sonntags in der Stube essen mit ihrem Papa, und manchmal abends sieht sie ihren Papa auch, manchmal, der arbeitet immer so viel und hat ein Auto. ‚Weißkern, groß, Mehl.‘

„Na, Sibylle, wo gehst du denn hin?“ „Einkaufen.“ „Na, du bist aber schon eine Große! Magst eine Mirabelle haben?“ „Nein, vor dem Essen darf ich nichts essen.“

Frau Braun hat immer so dreckige Hände, die hat mir mal eine Kirsche, als ich klein war in den Mund gesteckt, da war ein Wurm drin, hab’s aber gewußt und sie ausgespuckt. Von der nehm ich nur noch Bonbons mit Papier, am besten schmecken die mit dem gelben Papier, die verteilt sie immer. Hat keine Kinder mehr, sagt Mama, und ihr Mann tät ihr leid, weil die immer so viel quatscht, und der wird in der Wirtschaft so gut wie gar nicht reden, sagt der Vater, nur immer sein Bier trinken und dann wieder gehen. Das sei ein Griesgrämiger.
„Da, nimm halt ein paar mit für später und deine Geschwister. Ist die Mama am Kochen?“ „Weiß nicht.“

‚Waschweiß, Gram, mehr, groß, Mehrweiß, Kirschkern, Kirschkern, Gram, Maß, Kirschkern, Gram, Maß.‘

Ich soll froh sein, daß ich keine so eine Familie hab, sagt Andrea, die weiß immer so viel, obwohl ich glaub ihr nicht alles, die macht sich immer so groß und gibt an, daß die schon alles versteht. Die sagt, Stefanie und Wolfgang dürften ja nicht so oft wie ich draußen spielen und sich dreckig machen, die müßten immer aufpassen, daß sie schön aussehen, und die Zöpfe von der Stefanie würden am Tag dreimal geflochten, und beim Wolfgang würde das Fräulein Margret am Tag hundertmal über seine Haare streichen, damit die ihm nicht in der Stirn wären, mit Spucke hätte der Wolfgang gesagt, und er mag das nicht, aber seine Mutter hat gesagt, sie würde ihm die Haare abrasieren, weil er oft so wuschige Haare hätt, und da läßt er das Fräulein Margret halt machen. Und die Frau Braun hätte Kinder gehabt, die hätt der Krieg aber nicht mehr nach Hause gelassen, die weiß nicht, wo die sind, und der eine hätte sogar eine Frau gehabt zum Heiraten, doch die ist jetzt weg, die kommt auch nicht mehr, und deshalb würd die jetzt den ganzen Tag im Garten stehen und gucken und mit allen reden und fragen, und verteilt Bonbons, damit ihre Kinder wieder kommen, wenn einer die sieht und denen erzählt, wie viele Bonbons die Mutter schon weggegeben hätte.

Die Andrea meint auch, ich bin doof, weil ich so pingelig wär und allen das Essen vermiesen würd, ich würd selber Erde fressen, nur weil ich mir im Garten mit Stecken ein Haus gebaut hab, und da ist ein Wasserloch, das muß ich immer wieder füllen, weil es immer wieder weg ist, und ich brauch das Wasser doch, um meine Sachen zu waschen, um zu kochen, hab im Haus Schnecken und Käfer, die sollen nicht hungern. Die ist nur neidisch, weil sie nicht mitspielen darf, soll doch mit ihrer Freundin spielen, sowieso weiß ich, daß sie einen Lippenstift versteckt hat, weil die und Elisabeth doch jetzt immer auf Dame spielen, die sind beide so doof. ‚Meer, Gram, Weißkern, Weißkern, Meer, Gram.‘

Mama war letztens richtig wütend auf die, weil die mir den blauen Rock, der mit den vielen Falten, nicht hergeben will, der paßt ihr gar nicht mehr, aber die will den trotzdem haben, für später, und deshalb hab ich einen neuen gekriegt ohne Falten, mit rot und gelb und Blumen drauf. Da war die so sauer, daß die mich geschlagen hat, nur weil ich ihr die Zunge als Strafe rausgestreckt habe, weil sie nämlich keinen neuen Rock gekriegt hat. Mama sagt, sie soll mich in Ruhe lassen, und ich würd ja auch größer. Ich bin schon groß und kann einkaufen.

„Ah, die Sibylle, was machst du denn hier?“
„Einkaufen.“
„Ja, was sollst du denn mitbringen?“
„Kernweiß, Melk, Gras, äh, Wurstkern, grob, Most.“

Doris Mock-Kamm

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