Abtauchen in andere Elemente


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Zur Taufe benötigt man nicht immer Wasser

Es gibt, je mehr man ins Landesinnere fährt, weniger Liebhaber, weniger dieser Leidenschaft verfallene, weniger berufsbedingte Taucher. Menschen, die entweder ohne Hilfsmittel oder mit inzwischen immer ausgefeilteren Techniken die manchmal schier bodenlose Unterwasserwelt betreten, erobern, untersuchen. Ein bißchen muß, oder ist es mehr als nur ein bißchen, nicht nur die Anlage, das Talent, sondern auch bei dem ein oder anderen eine gewisse Abenteuerlust vorhanden sein.

Kurz, es ist nicht jedermanns Sache, in die Tiefen von Flüssen, Seen, Meeren zu tauchen. Selbst das Schnorcheln unter der Wasseroberfläche ist für manchen Menschen schon eine Herausforderung, die er entweder irgendwann überwindet oder doch lieber nie in Angriff nimmt. Das Untertauchen selbst bei klarer Sicht des Wassers schreckt viele Menschen ab, in der Welt des Wassers auch dort das phantastische Leben zu erkennen.

Bei der Suche nach dem Ursprungswort, Begriff des Tauchens stößt man auf allerlei verschiedene Urwörter, aber kein Sprachwissenschaftler will sich endgültig auf eine eindeutige Wortherkunft festlegen. Woran das genau liegen mag, dazu fragen Sie bitte die Sprachwissenschaftler. Eigentlich nicht so ganz verständlich, denn tauchen, Tau und taufen haben artverwandte Laute und stehen eng miteinander in Verbindung.

Der Tau, also der Abend- oder Morgentau, die leichte Nässe, die sich auf die Landschaft legt, mittelhochdeutsch, tou, verwandt auch mit Dunst. Taufen, also jemanden das Taufsakrament spenden, oder einfach nur benennen, althochdeutsch, toufan, tief ins Wasser tauchen, untertauchen. Tauchen, althochdeutsch, tûchen, mittelhochdeutsch touchen, steht natürlich für tauchen.

Trotzdem ganz offensichtlich zwischen diesen Wörtern ein Zusammenhang besteht, wird ausdrücklich (gerade bei DWB Trier) darauf hingewiesen, daß es keine gemeinsame Urwurzel gibt, da die germanische Wurzel duk nicht sinnverwandt sei mit taufen, tunken.

Nun, denken wird man trotzdem dürfen und zu dem Schluß kommen, daß das Tauchen und die Taufe, sowie natürlich der Tau, der den Bezug zu Wasser, Dunst liefert, nicht voneinander zu trennen sind. Das Tauchen ermöglicht uns den Aufenthalt in einem anderen Element und vermittelt durch die Schwerelosigkeit ein Gefühl von Freiheit, weniger Belastbarkeit des Körpers. Im übertragenen Sinne auch gleichzeitig eine Reinigung des Körpers. Taufen versinnbildlichen die Aufnahme in eine Gemeinschaft, Gruppierung, das Wasser dient der Reinigung. Ähnliche Aufnahmezeremonien gibt es übrigens in Verbänden, Vereinen, Banden, Bewegungen, die Rituale müssen nicht unbedingt durch das Benetzen mit Wasser vonstatten gehen, sondern unterliegen oftmals anderen Vorschriften, aber selbst hier kann man von einem Übergang in ein anderes Element sprechen.

Wer als Baby oder kleines Kind durch die Taufe in einer Gemeinschaft Aufnahme gefunden hat, wird nur, wenn triftige Gründe vorliegen, diese Gemeinschaft verlassen, manchmal mit großen seelischen Kämpfen. Wenn man sich als Erwachsener für die Mitgliedschaft, das Eintauchen, das Erkunden, das dazugehören Wollen entscheidet, können diesem Entschluß viele Fragen und Überlegungen vorangegangen sein. Wie auch immer, es bleibt ein Wechsel von verschiedenen Lebensweisen, manchmal nur ein Schnorcheln an der Wasseroberfläche, manchmal ein Eintauchen in eine andere neue Welt.

Und jetzt sind wir sprachlich einmal ein wenig frech, stellen den Wörtern tauchen, Taufe und Tau das Wort Integration zur Seite, das die Bedeutung von Einbeziehung, Eingliederung, Aufnahme, Verbundenheit, Zusammenschluß hat und sich aus dem lateinischen Wort integratio, Wiederherstellung eines Ganzen, ableitet und werden feststellen, daß zur Integration auch das Tauchen und die Taufe gehört. Allerdings sollte man vor einer Integration den Menschen das Schwimmen beibringen, das Gefühl im Wasser aufgenommen zu sein ohne unterzugehen, ohne zu ertrinken, dann hat man die beste Aussicht, eine Wiederherstellung eines Ganzen zu erhalten. Denn Integration verlangt nicht nur das Tauchen, die Taufe, die Aufnahme, sondern den beiderseitigen Willen zur Gemeinsamkeit.

Falls Sie jetzt das Gefühl nach abtauchen oder sogar untertauchen haben, weil ihnen durch dies Geschriebene nach neuen Ufern verlangt, nach neuen Elementen, so genießen Sie oder proben Ihren Entschluß während Ihrer Erwägung doch mit dem Eintunken oder Titschen von Ihrem Nachmittagskuchen in Kaffee oder Milch, denn diese beiden Verben sind auch mit tauchen verwandt.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Abtauchen in andere Elemente

  1. gkazakou schreibt:

    Anregender Beitrag, danke.
    Mir scheint, dass der Hauptunterschied durch transitiven und intransitiven bzw aktiven u passiven Gebrauch der Wörter zustandekommt: Ich tauche unter – Ich tauche dich unter – ich werde untergetaucht. ich taufe dich – ich werde getauft – ich bin getauft.
    Wenn ich untertauchen kann (zB als illegal Eingereister), bin ich auf der Gewinnerseite. Wenn ich aber untergetaucht werde …..Vielleicht sollte ich mich taufen lassen. Zwangstaufen sind Vergangenheit, aber auch heute gibts Situationen, wo es günstiger ist, als getaufter Christ durchzugehen. So ein syrischer Freund, der sich taufen ließ, um eine buddhistische Frau (offiziell orthodox) zu heiraten – der griechisch-orthodoxe Priester vollzog die Heiratszeremonie, wozu die staatlichen Behörden nicht bereit waren, weil irgendwelche Geburtsdokumente fehlten.
    Taufe = Zweite Geburt.

    Gefällt 2 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Liebe Gerda, manchmal finde ich es sehr schade, nicht mehr nachvollziehen zu können, wie gewisse Wortbegriffe zu ihrer heutigen Bedeutung gekommen sind. Andererseits liegt vielleicht gerade darin der Reiz, zumal wie beim Tauchen, Taufen zu ersehen. Erkennbar ist auf alle Fälle die sinnbildliche Zusammenfügung. Die angesprochene Zwangstaufe wird es sicher in der einen oder anderen Form noch geben, als schlechtes Beispiel (fällt gerade nichts Besseres ein), aber in die Richtung führend, keine Auskünfte und Hilfen erhält, wer nicht Mitglied im Mieterverein ist. Die von dir angesprochene zweite Geburt, also die Aufnahme in eine bestimmte Gemeinschaft, wird zum Eintritt ins Erwachsenenalter nochmals vollzogen, bei den Katholiken zur Kommunion, in der Evangelischen Kirche mit der Konfirmation und bei vielen andern Kulturkreisen die Initiationsriten. Bei allen diesen Initiationszeremonien werden die „Zöglinge“ an die „neue Geburt“ herangeführt, durch „Priester“, deren Arbeit kann man im übertragenen Sinn als „schwimmen lernen“ in dem neuen Element bezeichnen. Apropos schwimmen, ich konnte zuerst tauchen, bevor ich Schwimmzüge machte, bei denen mein Kopf oberhalb des Wassers war, unter Wasser war ich tauchend nicht zu bremsen. Liebe Grüße Doris

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