Einem neuen Leben entgegenblicken


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Die lange Zeit der Ungewißheit schien mit der neuen Arbeitsstelle wieder langsam in Vergessenheit zu geraten. Die Ängste, die sich während dieser Zeit in sie schlichen, übertrafen sogar den Trennungsschmerz, der das Ende ihrer Ehe ausgelöst hatte, obwohl sie die treibende Kraft war, die dem Zusammenhalt der Familie entgegenwirkte. Deshalb war der lang gewachsene Satz, „Es ist das Beste für uns alle, neue Wege zu gehen.“, für keinen erstaunlich. Gesagt am Küchentisch, abends, in Anwesenheit der pubertierenden Kinder, die längst auch schon den Drang nach Unabhängigkeit spürten, nicht in Bezug auf die Trennung der Eltern, sondern ihrer eigenen Sehnsucht entwachsen, so schnell wie möglich auf eigenen Beinen zu stehen, da man ja bereits so viel wisse.

Chris kaute ruhig weiter, Gespräche hatte es viele gegeben, Versuche an der innigen Liebe wieder anzuknüpfen, neue und alte Träume gemeinsam zu realisieren, aber irgendwo ganz tief im Herzen wußten beide, es waren Versuche, der Einsamkeit zu entkommen, in die sie stürzen könnten, wenn das Gewohnte, Alltägliche nicht mehr den Halt bieten würde, den man braucht, wenn Sorgen und Probleme anstehen. Es war einfach vorbei, daß wußte auch Chris, deshalb bemerkte er in seiner sie ansonsten zur Weißglut bringenden Art: „Da hast du wohl Recht.“

Hatte sie das wirklich, Recht, sie wollte das Recht nicht, sie wollte, wenn sie ehrlich war, wußte sie nicht, was sie wollte, wußte nicht, was sie trieb, warum eine Ehe verlassen, in die sie beide mit so viel Glück hineingestürzt waren, als ob es nie wieder möglich wäre, ein anderes Wasser zu finden, das Körper und Seele gleichzeitig reinigt. Der Schmerz der Unzulänglichkeit, der Unzufriedenheit, die sie sich nicht erklären konnte, ebbte ab, als sie sich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stellte, Bewerbungen schrieb, Chris half ihr sogar dabei, selbst die Kinder trösteten sie, wenn der Frust über die vielen Absagen sie in die Gedanken, der Nutzlosigkeit abweichen ließ.

Nun war sie auf dem Weg zur zigten Wohnungsbesichtigung, dreißig Kilometer von dem alten Zuhause entfernt. Sie hätte problemlos mit einem Auto diese Strecke fahren können, aber eine eigene Wohnung war ihr wichtig. Zurzeit lebten sie noch alle gemeinsam unter einem Dach. Nicht nur bei ihr Aufbruchstimmung, ebenso bei der Ältesten, die ihr Studium in einem halben Jahr in Berlin beginnen wollte, Kunst, der Bequemlichkeit halber, Sergo, eigentlich Sebastian, hat das Gymnasium verlassen, er mochte unbedingt ins Ausland mit seinem Kumpel, Geld verdienen mit Straßenmusik.

Die Wohnung lag am Stadtrand, idyllisch, kleinbürgerlich, kurz gemähter Rasen, kleine Hecken, höchstens vierstöckige Häuser, vereinzelt kleine Bungalows. Die Wohnung, drei Zimmer, zweiter Stock links, mit großem Balkon, war bezahlbar und sollte auch für die Kinder die Möglichkeit, nicht nur auf Besuch, wenn nötig auch für längere Aufenthalte, Platz bieten. Im Treppenhaus roch es nach Kuchen, nach Gebäck, das hob ihre Stimmung und sie sortierte den Geruch als gutes Zeichen ab, diese Wohnung mieten zu können.

Bevor es wirklich in ihr Bewußtsein drang, war die Wohnung bereits an sie vermietet. Herr Pasteike von der Wohnungsgesellschaft war anwesend und eine ältere Dame, die sich einfach aus unerfindlichen Gründen angeschlossen hatte, als sie die Wohnung zum ersten Mal betrat. Herr Pasteike schien es sehr unangenehm, er unternahm aber keinerlei Maßnahmen, die alte Dame der Wohnung zu verweisen, sondern schien zunehmend unter Zeitdruck zu stehen, schließlich beendigte er die Besichtigung mit dem einfachen Satz: „Kommen Sie morgen um 10 Uhr ins Büro, der Mietvertrag liegt für Sie dort zur Unterschrift bereit.“ Das war’s.

Damit löste sich ihre ganze Angespanntheit, der Umzug verlief wie am Schnürchen, Chris half mit, die Kinder, Verwandte, Freunde und eh sie Abschied, richtigen Abschied nehmen konnte von ihrem alten Leben, dem Haus, ihrem einst so innig geliebten Chris, von den Kindern, wohnte sie bereits zwei Wochen in ihrer Wohnung. Trotz der anstrengenden Tage im Job, bei dem noch so viel Neues täglich auf sie einstürmte, saß sie oftmals abends auf der Terrasse, unausgelastet, nicht wirklich fähig das neue Leben zu verstehen. Es war eher ein Gefühl, vor einer großen Nebelwand zu sitzen, zu müde Willen aufzubringen, die Wand wahrzunehmen, es gab irgendwie kein außen, kein innen, es war wie eine mit Leere ausgestopfte Leere.

Das Haus roch morgens und abends nach Kochen. Es schien fast so, als ob das Haus mit Kochgerüchen tapeziert worden wäre. Nie unangenehm, nicht überlagernd, befremdlich, sich störend, sondern einfach nur das wohlige Gefühl von hungerlosem Appetit auf Geschmack.

Sergio klingelte Sturm, er brauche eine Bleibe, habe sich mit seinem Freund überworfen, weil der plötzlich seine Freundin mit auf die Reise nehmen wollte, das ging gar nicht, kenne die nicht mal einen Monat. Hat Vater gesagt, er solle niemanden mitteilen, wo er sei, er war wütend und er wolle für eine Weile bei Mutter bleiben. Sie hatte nichts dagegen, er solle aber mit ihr gemeinsam morgen Abend ein paar Klamotten von ihm abholen, schließlich könne er nicht dauernd in der gleichen Hose rumlaufen. Typisch Mutter, dachte sie, anstatt ihm endlich die Reise auszureden, war es wichtiger, sich um sein Aussehen zu kümmern.

Nach der Arbeit kaufte sie noch schnell etwas zum Kochen ein, sie hatte seit ihrem Umzug nur Pizzas oder andere schnell zu liefernde Menüs gegessen. Die Küche war noch gar nicht eingeweiht worden. Bevor sie die Haustüre aufschließen konnte, wurde sie von Sergio geöffnet mit seinem besten „Weihnachtsgeschenke auspacken“-Gesicht und einem Schwall von Sätzen, Gesten, sogar einer liebevollen Umarmung eben jener alten Dame, die bei ihrer Wohnungsbesichtigung anwesend war und jetzt mit ihrem Sohn zusammen in dem großen Treppenflur stand.

Sergio war getrieben von Hunger unterwegs zur nächsten Döner-Bude im Treppenhaus auf Frau Seidel gestoßen, als diese gerade den großen weißen Schrank, der hinten neben dem Ausgang zum Garten stand, mit ihren neuen Kochkreationen füllen wollte. Etwas verwundert über den Inhalt des Schrankes, der sich auf der linken Seite als Kühlschrank entpuppte und rechts voll mit Regalen war, auf denen Kuchen, Torten, Marmelade, Saucen und allerlei andere Köstlichkeiten standen. Frau Seidel bot ihm von ihrem neuen Rezept, einer Sachertorte, ein Stück an, um seine Meinung zu hören und wohl auch, um den nach außen hin wirkenden völlig ausgemergelten jungen Mann bei Futter zu halten.

Frau Seidel war verwitwet, finanziell unabhängig, da sie mit ihrem Mann zusammen ein großes Hotel geführt hatte, die Kinder schön längst auf eigenen Beinen stehend, hatte sie vor fünf Jahren beschlossen, aus ihrer Villa mit Seeblick auszuziehen. Aus Langeweile fing sie irgendwann an, die Speisen, die sie in den vielen Kochshows im Fernsehen gesehen hatte, mit- und nachzukochen. Ihre Haushälterin hat all die vielen Köstlichkeiten, die zu der Zeit in ihrer Küche durchbrutzelten, backten, entstanden, stets mitgenommen, so daß nur weniges in der Tonne landete.

Denn Frau Seidel konnte sich einfach nicht mit kleinen Portionen abgeben. Als die Haushälterin verstarb, war für sie selbst auch eine Welt zusammengebrochen, denn mit ihrem Tod verließ ein Teil ihres Lebens das Haus. So hat sie ihrer ungewissen Zukunft, die Kinder sprachen bereits von Altenheim, es gäbe da sehr schöne Altersruhesitze, ein Schnippchen geschlagen und in einer spontanen Idee dies Haus hier gekauft. Hier koche sie sich durch alle Arten von Speisen und fülle den hinteren Schrank, der entweder von den Hausbewohnern oder von dem Fräulein, das für eine karitative Einrichtung arbeitet, immer wieder rechtzeitig geleert werden würde, so daß inzwischen keine ihrer Kochbemühungen mehr in irgendeiner Tonne landen würden.

Auch würde sie durch das Kochen nicht ärmer werden, denn ihre Villa sei vermietet und die Mieteinnahmen dieses Hauses würden all ihre Kosten decken. Sergio war so hingerissen von, ja, ob von Frau Seidel oder ihren Kochkünsten, wer weiß das so genau im Nachhinein, daß er an jenem Tag mit ihr zusammen in der Küche stand, Handreichungen machte, probierte, abschmecken half und abends sicher war, den Beruf des Kochs erlernen zu wollen. Soll sein Freund doch alleine auf Reisen gehen, schließlich hätte er ja seine Freundin an seiner Seite.

Wenn sie jetzt manchmal an den Wochenenden oder abends in ihrer neuen Wohnung saß, die Ungewißheiten der Vergangenheit ab und an noch spürbare Schlingen auswarfen, ob alles so auch richtig war, half ihr der Gedanke an ihren Sohn, der mittlerweile im Gartenhaus sich befand, das Frau Seidel für ihn hat ausbauen lassen, damit er in ihrer Nähe sein und nach seinem anstrengenden Tag in der Hotelküche von ihr extra beköchelt werden konnte und um mit ihm über ihre neuen Rezepte fast den Schlaf und auch seine Mutter vergaß. Können Unwägbarkeiten, die wir anfangs nicht benennen können, warum sie uns aufsuchen, dafür da sein, auch anderen einen Weg zu bahnen? Sie schlief neben der Nebelwand ein, die längst nur noch aus dünnen Nebelschwaden bestand und freute sich auf das Wochenende bei Chris und ihrer Tochter.

Doris Mock-Kamm

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