Immer wieder dieser Bahnhof


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Das Gebäude des Bahnhofes unterschied sich nicht sonderlich von all den anderen Bahnhöfen, die sie im Laufe der nächsten Jahre zu Gesicht bekommen sollte. Aber das wußte sie zu dem Zeitpunkt, als dieser zum Zentrum ihres langsamen Beginnes der Abschiede, des Loslösens des Alltäglichen, des begrenzten Wissens ihrer Kindheit war. Eigentlich sollten Bahnhöfe Zughöfe heißen, das ist allen gemeinsam, nicht weil dort Züge halten oder einfach durchfahren, sondern weil es zieht. Allem Anschein nach haben sämtliche Architekten beim Bau der Bahnhöfe darauf geachtet, sie so in die Himmelrichtung zu stellen, daß jeder kleine Windhauch bereits ein kräftiges Lüftchen um die Bahnhöfe herumwehen läßt.

Auch scheint damit eine gewisse Genugtuung mitzuspielen, den Gästen gleichzeitig, den Abschied noch ein wenig schwerer zu machen oder leichter, je nachdem wie, nein, nicht das Gefühl der Fahrenden berücksichtigend, das wäre vermessen, sondern nur auf den Wunsch des schnellen Verlassens dieses Ortes, weil nämlich je nach Windrichtung der Geruch, Gestank traf es zuweilen besser, von den außerhalb des Bahnhofes stehenden Klohäuschen, vermischt mit dem Abrieb des Eisens der Schienenstränge es sich erbot, schnellstens in den nächsten Zug zu steigen.

So wurde es für sie zur Angewohnheit, nie ohne Schal das Haus zu verlassen, selbst als sie schon längst ihren eigenen Zug (Auto) vor der Türe zu stehen hatte, ohne Schal, kein Schritt vor die Türe. Nun ist und blieb der erste Bahnhof trotzdem der erste große Sehnsuchtsort, auch wenn er längst nicht mehr vorhanden, weil im Wahn von Modernisierungswellen nicht nur das Klohäuschen dem Erdboden gleichgemacht, sondern auch das Gebäude bis auf die Grundmauern gleich mit in Angriff genommen wurde, aus dem Ort einen modernen Ort zu machen, der fähig ist, mit der Zeit zu gehen. Viel Beton und Glas, Blick von innen auf die Straße und auf die Gleise, nach rechts und links, nur nicht nach oben und unten, das blieb versperrt, rundrum im Käfig für alle sichtbar, sowohl für die Wartenden wie für die Vorbeieilenden.

Trotzdem war und blieb dieser Ort mit dem unsichtbaren, nur durch ihre Augen der Erinnerung sichtbare Bahnhof, ihre Liebe und ihr Begehren von dort den Anfang zu nehmen, die Welt ein bißchen näher in ihr Herz zu lassen. Der zugige, riechende Bahnsteig, auf dem man entweder nach Osten in die zehn Kilometer weite Stadt fahren konnte oder den Zug nahm Richtung Westen und nach fünfzehn Kilometern eine Stadt betrat, die durch viele Winkelgassen, den Eindruck hinterließ, nicht wirklich weitergekommen zu sein.

Zu Beginn ihrer Liebelei war sie stets an der Hand der Mutter oder der Geschwister, immer geschützt, nie allein, deshalb frei und ohne Angst. Ging die Fahrt nach Osten, war dies stets die Endstation, das Ziel, mehr mußte man nicht wissen. Geschützt kam man wieder zurück. Fuhr man nach Westen, konnte sie nie wissen, ob es weiterging, ob man umstieg, entweder weiter nach Westen oder von dort nach Osten, die Namen der Städte hatten noch keine Bedeutung. Interessant war nur das Fremde, da waren Namen nicht wichtig.

Später, als sie beruflich und heranwachsend diese Strecken befuhr, waren sie so vertraut wie das Haus der Eltern, der Ort und die Umgebung, in der sie aufwuchs. Und es waren stets Monatskarten, später Rückfahrkarten, die sie zurückbrachten an den vertrauten Geruch, zu dem zugigen Bahnsteig, an das Bimmelgeräusch der Bahnschranken, wenn sie herabgelassen wurden, kurz bevor die Züge einfuhren. Wann genau der Bahnhof ihr Herz wirklich erobert hatte, mag zwar in der Kindheit verankert sein, aber der wahre Auslöser waren die Fahrten ohne Rückfahrschein. Als sie längst von zuhause ausgezogen, ihr Beruf sie weit weg ein neues Zuhause finden ließ. Ohne Rückfahrschein, selbst wenn sie zu Besuch kam, nie ein bestimmtes Datum für die Abreise, frei entschied, die Züge fuhren für sie immer.

In dieser Zeit ohne Rückfahrscheine war der Bahnhof der erste und letzte Eindruck, den sie aufnahm, entweder um anzukommen oder zu gehen. Der Bahnhof gab ihr das Gefühl eines Mittelpunktes, der ausgependelten Waage, nur hier auf dem Bahnhof war sie gleichzeitig in ihrem neuen und alten Heim. Der Bahnhof, der ihr ermöglichte, den Horizont der Welt zu erkennen und den Horizont der begrenzten Möglichkeiten zu spüren. Sie seither nie ohne einen Schal unterwegs war, aber immer mit Wehmut nach Ferne und Ankommen. Der Bahnhof der Kindheit, der sie wegzog und hinzog, stand auch, wenn kein anderer es sah, in ihren Erinnerungen wie ein Fels in der Brandung für alle Zeit.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Immer wieder dieser Bahnhof

  1. Pingback: Mittwoch, den 21. September 2016 | Kulturnews

  2. gkazakou schreibt:

    Ein sehr schöner Text, der viele eigene Erinnerungen aufruft.

    Gefällt 1 Person

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