Was kann ein Mensch dafür


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Was kann ein Mensch dafür,
geboren im Krieg,
noch kein Verstand,
nur Gefühl für Sorgen,
versteckter Sprache,
gehortete Gespräche,
wie die Schinken, der Speck,
die Einmachgläser
im Keller,
zwischen den Steinen,
was konnte Sieglinde,
vom Pfarrer bei der Taufe
ungefragt Adolpha mit
ins Taufbuch geschrieben,
was konnte sie anders,
als das Wesen ihres Bruders
in sich aufzunehmen?

Friedrich, der fünfte Bub,
Nachzögling, drei Jahre vor ihr
geboren, kein Wunschkind,
wieder ein Bub,
obwohl schon viere davor,
von allen Fredi genannt,
ein blondroter Sonnenschein,
wußte immer zur richtigen Zeit,
still zu halten,
seine besonnene Art
konnte sogar das Herz der
Großmutter erweichen.
Keine Zeit des Kümmerns,
Überleben hieß Nahrung
erwirtschaften, der Hof
war groß, alle Hände hatten
zu tun, Fürsorge, Mitleid
gab es nur in kleinen
Portionen.

Was kann ein Mensch dafür,
geboren im Krieg,
noch kein Verstand,
nur Gefühl für Sorgen,
versteckter Sprache,
gehortete Gespräche,
Fredi, kein Atmen ohne ihn,
eine Tochter, gewünscht,
doch zu spät geboren,
im Krieg nicht gewünscht?
Was soll werden, vom Vater
keine Nachricht mehr,
vergrämte Oma,
kraftlose Mutter,
jeder hat sein Bündel
zu tragen, Bomben
fielen, ohne zu fragen,
ob alle rechtzeitig
in Sicherheit,
Fredi war stets
Lindes sicherer Hafen?

Er übernahm alle Pflichten,
gab Liebe zum Atmen,
formte Gefühle
zu Worten, brachte sie
zum Lachen, hielt ihre
Ohren zu, wenn Bomben
mal nah, mal in der Ferne
auf den Boden krachten.
Auf dem Feld legte
er sich über sie, im
Keller wiegte er sie.
Er forderte sie auf zum
Laufen, langsam seinen
Schritten folgen, bald
konnte sie rennen,
ohne zu stolpern.
Was kann ein Mensch dafür,
wenn sein Leben gerettet,
sein anderes Sein dafür,
für immer verloren?

Der Spätsommer überflutete
mit warmen Licht und
sanftem Wind den Tag.
Er hielt sie an der Hand
auf dem Weg zum Feld,
zur Mutter, zur Oma,
da läuteten die Glocken,
da heulten Motoren,
da lag sie im Graben
geborgen wie in Mutters
Schoß.
Was kann ein Mensch dafür,
die Wärme zu spüren,
den Abschied am Grab,
zu frieren,
die Trauer der Mutter,
kein Flehen streichelt
die Erde fort,
die karge Erde, die Fredi
bedeckt für immer?

Für Linde kein
Platz daneben.
Was kann ein Mensch dafür,
zu leben in Dankbarkeit,
zu fühlen den Verlust,
für immer bei Fredi zu sein,
sein Atmen zu spüren,
seine Wärme zu fühlen?
Was kann ein Mensch dafür,
Sieglinde, Friedrich?
Linde und Fredi,
was könnt ihr dafür?

Nafia

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2 Antworten zu Was kann ein Mensch dafür

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