Vom Abziehbild zum Ende herrschaftlicher Kutschfahrten


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Nicht „unser Volk“ – vielmehr Liebe zum Nächsten

Darf man Zweifel hegen, wenn gewisse Herrschaften, die es gut meinen, selbstherrlich auftreten und wichtige Themen in phrasenhafter Manier verdrehen, so daß am Ende nur noch mit Mühe der Konsens, der eigentlich geäußert wurde, in eine Umkehr zu einer moralisierenden selbstgefälligen Gemeinschaft führt?

Man darf nicht nur Zweifel hegen, man muß die glänzenden Abziehbilder, die für eine verklärte romantisierende, gespickt mit Pflichten und nationalem Gehorsam erträumte Gesellschaft den flirrenden Flair nehmen, der alles in den Zügeln hält, wenn die Fahrt in ihrer Kutsche eingenommen wird.

Wenn wir in der Kutsche dieser Herrschaften sitzen, müssen wir zu allererst darüber hinweggehen können, daß ihre Liebe zu „unser Volk“ mit ihrer narzißtischen Liebe zu ihrem eigenen Ichwert gleichgesetzt ist. Das bedeutet, nur wer mit ihnen fährt, kann mit emotionalen Beweggründen ihnen gegenüber rechnen, alle anderen sind dem Sturm der „Naturgewalten“ ausgesetzt.

Wenn wir in der Kutsche dieser Herrschaften sitzen, müssen wir lernen, alle Völker zu lieben, aber eine strikte Trennung einfordern, die je nach Gutdünken dem einen Volk erlaubt, neben der Kutsche zu fahren, anderen es aber nicht gestattet wird, sich überhaupt in der Nähe der Straße aufzuhalten. Der Grundgedanke zur Akzeptanz dieser Liebe besteht hier nur aus der eventuellen Möglichkeit geschäftlicher Verbindungen.

Wenn wir in der Kutsche dieser Herrschaften sitzen, müssen wir verstehen, daß Humanismus eine veraltete Gesellschaftsform darstellt, die zum Scheitern verurteilt war, da die Würde des Einzelnen nie einen Staat prägen kann. Die Würde der Herrschaften wird zum Zentrum des Gemeinwesens und nur ihr Glanz und Glorie vermag ausreichende Achtung erzeugen, mittels Pflichten, Gehorsam, Stolz, Ehre und Treue gegenüber den Kutschenbesitzern.

Wenn wir in der Kutsche dieser Herrschaften sitzen, müssen wir die tragenden Säulen ihrer Wirtschaftspolitik, am sinnvollsten auch in den Familien verbreiten, dadurch festigt sich von vorneherein die Position des Stärkeren. Denn die einfache Formel lautet: jedem das Seine, mir das Meiste! Diese probate einfache Klausel hält zudem die Zweifler in ihren Schranken, weil die finanziellen Mittel zur Verbreitung ihrer Argumente nicht ausreichen werden, da sie wie oben erwähnt, nur das Sein besitzen, aber nicht die Habe.

Wenn wir in der Kutsche dieser Herrschaften sitzen, müssen wir Kaltherzigkeit in unsere Herzen brennen können, denn Unwillige werden, ähnlich dem neuen Schulsystem, wie Schüler in Gemeinwesen umgeschult. Diese Gemeinwesen werden durch Verfechter der neuen Ordnung geleitet und haben zum Ziel, konformwillige Bürger für das Gemeinwesen der Herrschaften zu formen.

Wenn wir in der Kutsche dieser Herrschaften sitzen, müssen wir die selbstgefällige herrschaftliche Haltung einnehmen und Herr werden. Frauen werden nur geduldet, allein schon bezeichnet durch die Anrede. Frau bleibt Frau, Mann wird zu Herr. Das genügt aber noch nicht, die Frauen haben ihre ursprünglichen Pflichten der Hausfrau und Mutter zu erfüllen. (Nein, Geschichtsbücher liegen keine vor, die die Rolle der Frau in realem Licht der Zeiten beschreiben.) Die Themen, alleinerziehend, Scheidungsrecht, Kindswohl und einige mehr sind der Gesellschaft vor der Aufklärung entnommen, ohne Berücksichtigung der damals schon wirkenden Einflüsse zur Frauenbewegung.

Wenn wir in der Kutsche dieser Herrschaften sitzen, müssen wir, nein, wir müssen gar nicht, wir dürfen nicht, wir müssen vor allen Dingen zu den Errungenschaften einer kulturellen, freien Gesellschaft stehen, nicht sitzen. Auch wenn das bequemer ist, wir müssen aufstehen, wir müssen „unser Volk“ nicht reduzieren auf Gehorsam und Pflicht, Treue, Stolz und Ehre.

Wir dürfen die Fähigkeiten des Einzelnen und den Mut zur Auseinandersetzung einer kulturellen Gemeinschaft prägen, diese Chance gilt es, wahrzunehmen, dazu brauchen wir nicht „unser Volk, unsere Kinder, unsere Heimat“, sondern einfach unsere Beziehung zum Nächsten und die Bereitschaft, sein Glück als unser Glück zu sehen.

Doris Mock-Kamm

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